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21.9.2011 | Von:
Sonja Hegasy

"Arabs got Talent": Populärkultur als Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungen

Medien, Masse und Massenkultur

Während in Deutschland Dieter Bohlen und Heidi Klum "Superstars" suchen, wird in Malaysia der beste Gemeindevorsteher oder in der Realityshow "Stars of Science" aus Katar werden die besten nahöstlichen Nachwuchswissenschaftler gesucht. 2009 gab es 5600 junge Bewerber aus der Region; ein Jahr später kamen von 7000 Bewerbern 125 in die engere Wahl. Eine Jury reiste in verschiedene Länder, um 16 Erfinder auszusuchen, die anschließend im "Qatar Science and Technology Park" die Möglichkeit bekamen, mit professioneller Unterstützung und einem üppigen Budget einen Prototypen zu entwickeln. Zwar berichtet auch hier eine TV-Show täglich aus dem Leben im Container, aber es wird nicht in der Art ähnlicher Formate 24 Stunden lang gefilmt. Nur Teile, die mit der Projektentwicklung, der Auseinandersetzung mit den Experten und Designern, Probleme und Anpassungen der Modelle zu tun haben, werden in der Sendung ausgestrahlt. Auch werden keine Kandidaten herausgewählt. Wer nicht mehr weiter kommt, hilft den übrigen bei ihren Projekten. Am Ende stellen sie ihre Erfindung als Team in einer Liveshow vor. Millionen von Fernsehzuschauer entscheiden schließlich zusammen mit der Jury, wem der erste Preis gebührt.

Insgesamt 600000 US-Dollar werden auf vier Preise verteilt. Die Palette von Ideen umfasste so unterschiedliche Erfindungen wie ein Gerät zur Bestimmung der Qualität von Speiseöl des 26-jährigen Mohammed Orsod aus dem Sudan, ein Scanner für Mobiltelefone, um die persönliche Verträglichkeit eines Lebensmittels zu testen, der 26-jährigen Wahiba Chair aus Algerien oder ein kabelloses Ladegerät für Mobiltelefone des 21-jährigen Marokkaners Yasser Ramil. In der ersten Staffel gewann der 22-jährige Libanese Bassam Jalgha mit einem automatischen Stimmgerät für arabische Saiteninstrumente.

Zu den fundiertesten Arbeiten über Massenkultur und Jugend in der arabischen Welt gehören die Publikationen des Kulturethnologen Walter Armbrust, der seit 20 Jahren über Modernität und Massenmedien forscht. In einem Beitrag über die Verbreitung von Musikvideoclips aus dem Jahr 2005 stellt Armbrust genau jene Doppeldeutigkeit dar, die Talentshows und der Popkultur im Allgemeinen innewohnt. Sicherlich ist die Zunahme dieser Art von Unterhaltung Ausdruck einer Kommerzialisierung von Entwürfen des eigenen Lebenswegs im Privaten wie im Öffentlichen. Und es gibt genug Intellektuelle in der arabischen Welt, die diese Kommerzialisierung ebenso verurteilen wie die damit verbundene "Amerikanisierung". Auf der anderen Seite thematisiert Popkultur auch für arabische Jugendliche viele ihrer gravierenden Probleme wie Ehe und Sexualität, Arbeits- und Perspektivlosigkeit, Autorität und Selbstbestimmung.

Popkultur kann beides: Sie bricht soziale Konventionen auf und stellt neue auf. Aber sie basiert auch auf vorgefertigten, globalen Konventionen. Popkultur verbreitet Elemente des Konformismus ebenso wie der Rebellion. Gesellschaftlicher Wandel manifestiert sich hier kulturell und bringt wiederum gesellschaftlichen Wandel hervor. Sie mag zwar in manchen Fällen aus einer Subkultur entstehen, sie ist jedoch nicht per se eine Subkultur. Es kommt jeweils auf die inhaltliche und symbolische Ausgestaltung an. Natürlich gibt es genug Shows und Clips, die soziale wie ökonomische Unterdrückungsmechanismen perpetuieren: "Videoclips will not undermine the foundations of society, but they are part of longstanding tensions over the status of youth in a patriarchal culture. Nor will video clips liberate the individual and usher in a blossoming of democracy, though there is no question that they are a powerful palette for sketching out ideas about sexuality and the body."[10] Spielshows, Realityshows, Videoclips, Popsongs können eine Form des kulturellen Widerstands gegen den Puritanismus des saudischen Wahabismus darstellen. So ist es kein Wunder, dass konservative Religionsgelehrte in allen Ländern gegen diese Popkultur agitieren. In manchen Fällen konnten sie sogar das Verbot durchsetzen, wie 2004 bei "Star Academy" des libanesischen Senders "LBC" und bei einer Adaption von "Big Brother" auf "MBC" im selben Jahr.

Auch die Suche nach dem besten Dichter der arabischen Welt reflektiert die radikalen gesellschaftlichen Veränderungen: 2010 gewann die saudische Dichterin Hissa Hilal den dritten Platz in der Sendung "Poet of Millions" mit einem Gedicht in traditioneller Versform gegen die menschenverachtenden Gelehrtenmeinungen einiger überalterter Religionsgelehrter. Seit fünf Jahren verfolgen Millionen Zuschauer die wöchentliche Poesieshow aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Man muss die Teilnahme von Hissa Hilal auch als Teil des Kampfs um die Deutungshoheit verstehen, wie er zwar nicht nur, aber auch in der Popkultur ausgetragen wird. Schon gibt es die ersten islamistischen hetzerischen Gedichte gegen Hissa Hilal im Netz. Der Islamwissenschaftler Albrecht Hofheinz merkte 2005 an, dass "Internet is one factor that in tandem with others (satellite tv, youth culture, the 'globalization' of consumer products, social networks, and ideational configurations) is creating a dynamic of change that is helping to erode the legitimacy of traditional authority structures in family, society, culture/religion, and also the state, and thus creating pressure for reform. Slowly and not without setbacks, but in the end inexorably, young people are claiming 'private' spaces of freedom that are influencing their social attitudes. In the face of this process, ideas on the relations between state, society, and the individual that may have been generally accepted for generations are changing, and the Internet is the medium where such change is often most vigorously expressed."[11]

Natürlich gibt es auch klassische Show-Formate, in denen junge Talente singen, tanzen, beatboxen, rappen, Ballet tanzen oder Akrobatik vorführen. So begann der von saudischen Geschäftsleuten finanzierte Sender "Middle East Broadcasting Center 4" ("MBC 4") am 14. Januar 2011 mit der Adaption einer amerikanischen Talentshow unter dem Titel "Arabs got Talent". Und Ende Juni 2011 brachte "MBC 1" den Sängerwettbewerb "Arab Idol" heraus. "MBC" wurde 1991 in London gegründet und war der erste panarabische, private und kostenlose Satellitenkanal. 2002 verlegte der Sender seinen Hauptsitz nach Dubai. Wie fast alle arabischen Medien produziert "MBC" insbesondere für den saudischen Markt. Inhalte werden dementsprechend hergestellt, zensiert, internationale Spielfilme werden gekürzt. Trotzdem ist ein Blick auf diese Formate wichtig, eben weil sie äußerst populär sind und Massen erreichen, von denen das Kino oder der Roman nur träumen kann. "MBC" spricht von 130 bis 150 Millionen Zuschauern.

Armbrust weist zu Recht darauf hin, dass die Popkultur des 20. Jahrhunderts Erfolg schon immer mit moderner Bildung verknüpft hat; dies ist keine Erfindung des Satellitenfernsehens oder der Spielshows. Trotzdem wurde in der Wissenschaft die Beschäftigung mit der Hochkultur bevorzugt. Verschiedene Wissenschaftler haben dazu angemerkt, dass auch sie das Bild von Hoch-, Massen- und Populärkultur, von Kunst und Kommerz, verzerren, da sie selbst bestimmte Vorlieben hegen. Armbrust hat dies in Bezug auf Ägypten treffend zusammengefasst: "The chief barrier to studying Egyptian popular culture is that it is commercial and oriented toward an Arabic speaking market. Commercial culture is sometimes depicted as erasing authentic non-Western cultures, and in Egypt the dilution of local culture by Western influence is, in fact, a common element in both artistic performance and critical opinion on the part of layman and expert alike. But to interpret Egyptian popular culture either as a straightforward imitation of the West or, conversely, as cryptic resistance to hegemonic power, would as often as not lead one to misunderstand the character of the art."[12]

Fußnoten

10.
Walter Armbrust, What would Sayyid Qutb Say? Some Reflections on Video Clips, in: American University Cairo Press (ed.), Culture Wars: The Arabic Music Video Controversy, Kairo 2005, S. 28.
11.
Albrecht Hofheinz, The Internet in the Arab World: Playground for Political Liberalization, in: Internationale Politik und Gesellschaft, Bonn 2005, S. 95.
12.
Walter Armbrust, Mass Culture and Modernism in Egypt, Cambridge 1996, S. 3.