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7.9.2011 | Von:
Jutta Allmendinger

Geschlecht als wichtige Kategorie der Sozialstrukturanalyse - Essay

Frauen wollen nicht

Noch unsere Mütter mussten ihren Ehemann um Erlaubnis bitten, wenn sie erwerbstätig sein wollten. Erst 1977 änderte sich die Rechtslage und beendete die Ära des Nicht-Dürfens. Für einige Zeit fehlte Frauen aber noch eine entsprechende Ausbildung, um in gute Berufe mit guter Bezahlung zu kommen. Es war die Phase des Nicht-Könnens. Heute kämpfen Frauen gegen das Vorurteil, eigentlich nicht zu wollen. Als Beleg wird ihre Arbeitszeit herangezogen und behauptet, die verwirklichte Arbeitszeit stimme mit der gewünschten Arbeitszeit überein. Vergleichbares hört man über Frauen und Führungspositionen: Der niedrige Frauenanteil belege, dass Frauen hier Verantwortung meiden.

Eine solche Argumentation ist methodisch höchst fragwürdig. Sie berücksichtigt nicht, dass es insbesondere Müttern erschwert wird, in Vollzeit erwerbstätig zu sein. Die Strukturen, die Rahmenbedingungen passen nicht. Es fehlt an Kindertagesstätten, Kindergärten und Schulen, deren Öffnungszeiten längere Arbeitszeiten erst ermöglichen würden. Die deutsche Gesellschaft nutzt die guten Erfahrungen mit ganztags erwerbstätigen Müttern in anderen Ländern nicht, selbst nicht die im Osten Deutschlands. In Finnland unterscheiden sich die Arbeitszeiten von jungen Müttern und Vätern kaum voneinander. Dort wird aber auch allen Kindern unter drei Jahren eine außerhäusliche Betreuung garantiert. In Deutschland, das gerade mal jedem dritten Kind unter drei Jahren einen Platz in der Kindertagesstätte anbietet, wird diese Verantwortung wie selbstverständlich den Frauen aufgebürdet; hier erhöhen Männer ihre Arbeitszeiten tendenziell, wenn sie Vater geworden sind. In diesem Kontext verwundert es nicht mehr so sehr, dass die Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe Sigrid Nikutta ausgerechnet von der "taz" gebeten wird, mütterliche Instinkte zu entwickeln und nach der Geburt des vierten Kindes ihre Erwerbsarbeit über die Dauer eines Jahresurlaubs hinaus zu unterbrechen.[6] Auch Andrea Nahles, Generalsekretärin der SPD, erfährt diese verletzende Borniertheit in Briefen, in denen Unmut über ihren raschen Wiedereintritt in das politische Amt geäußert wird. In beiden Fällen werden die Kinder von den Vätern betreut. Man wagt sich nicht vorzustellen, wie es alleinerziehenden Müttern erginge.

Fehlen die strukturellen und kulturellen Voraussetzungen für die volle Vereinbarkeit von Beruf und Familie, so können wir von Müttern nicht erwarten, dass sie einer Vollzeiterwerbstätigkeit nachtrauern, die sie faktisch nicht erreichen können. Man passt sich an, wählt im Rahmen des Möglichen. Erwerbstätigkeit soll nicht zu Lasten von Kindern gehen, Kinder nicht zu Lasten der Erwerbstätigkeit. Frauen wünschen sich ein ganzes Leben. Da ihnen diese Möglichkeit selten offen steht, setzen sie zunächst vollständig auf den Beruf und verschieben den Kinderwunsch immer wieder. Viele späte Geburten und viele ungewollt kinderlose Frauen sind das Ergebnis. Die Geburtenrate in Deutschland ist die niedrigste in der EU.[7] Hat eine Frau aber Kinder, bleibt ihr oft nichts anderes übrig, als bei der Erwerbsarbeit kürzer zu treten. Dann aber schlägt der Arbeitsmarkt mit seinen eigenen Waffen zurück: Teilzeit lässt sich äußerst selten in Vollzeit umwandeln, und eine längere Erwerbsunterbrechung zieht massive Probleme beim Wiedereintritt nach sich.[8]

Zusammengefasst: Empirische Evidenzen für die These, dass Frauen mit ihrem Platz in der Erwerbsgesellschaft zufrieden sind und gar nicht mehr wollen, sind alles andere als überzeugend. Viel näher liegt der Ansatz, dass sich Frauen wohl oder übel mit den Gelegenheitsstrukturen arrangieren. Daher sind die beobachteten sozialstrukturellen Muster nicht nur Zeichen einer Ungleichheit, sie sind auch Zeichen einer großen Ungerechtigkeit. Die Sozialstrukturanalyse darf daher nicht locker lassen, den gesellschaftlichen, betrieblichen und persönlichen Gründen nachzugehen, die diese Ungleichheit zwischen den Geschlechtern immer weiter tradieren. Ein schlichtes "Die Frauen sind selbst schuld und wollen gar nicht anders" greift zu kurz.

Fußnoten

6.
Vgl. Stefan Alberti, Mutterschutz für Führungskräfte. BVG-Chefin bleibt pausenlos, in: taz vom 16.6.2011, online: www.taz.de/Mutterschutz-fuer-Fuehrungskraefte/!72594/ (16.8.2011).
7.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Demografischer Wandel in Deutschland. Heft 1: Bevölkerungs- und Haushaltsentwicklung im Bund und in den Ländern, Wiesbaden 2011.
8.
Vgl. J. Allmendinger 2010 (Anm. 1).