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7.9.2011 | Von:
Jutta Allmendinger

Geschlecht als wichtige Kategorie der Sozialstrukturanalyse - Essay

Wir müssen handeln

Früher passte vieles zusammen. Die Teilzeitbildung der Kinder mit der Nichterwerbstätigkeit der Mütter und der Absicherung durch die Ehe. Die Hausarbeit konnte am Morgen erledigt und das Essen gekocht werden, am Nachmittag wurden die Kinder beaufsichtigt, wenn sie Hausaufgaben machten. Es blieb Zeit, die Pflege von Eltern und Schwiegereltern zu übernehmen. Die gemeinsame Veranlagung bei der Steuer, die Mitversicherung bei der Kranken- und Rentenversicherung - all das passte. Wurde die Ehe geschieden, so regelte das Unterhaltsrecht für die Frau oft lebenslangen Unterhalt durch den Mann.

Heute passt nicht mehr viel zusammen. Der Ausbau von Ganztagseinrichtungen für Kinder verläuft schleppend. Die Anforderungen der Schule an die Eltern nehmen massiv zu, auch wegen der gekürzten Schulzeit. Mütter sollen sich kümmern, auch um die Älteren. Gleichzeitig müssen Mütter erwerbstätig sein. Denn die Rechtsprechung verlangt, dass sich Frauen nach einer Scheidung zügig selbst finanzieren können. Das ist unlauter: Beim Scheitern der Ehe den Frauen allein das finanzielle Risiko aufzubürden, aber nicht die Infrastruktur zu bieten, die es ihnen ermöglicht, die verlangte Autonomie umzusetzen. Häufig haben sie ja zuvor lange ihr Berufsleben unterbrochen oder waren nur wenige Stunden in der Woche erwerbstätig.

Auch passt das hohe Niveau von Bildung und Ausbildung der Frauen nicht zu ihren Arbeitsmarkterträgen. Irritiert blicken sie auf die Männer, denen sie in der Schule überlegen waren und deren Erwerbskarriere sich dennoch oft viel flotter entwickelt. Selbst die Männer nehmen diesen Bruch deutlich wahr.[10] Sicher, Väter engagieren sich heute stärker für die Erziehung ihrer Kinder. Trotz der Vätermonate aber insgesamt weit weniger, als die Frauen es erhofft hatten. Ein Blick auf die Statistiken zeigt: Bei hoher regionaler Varianz nehmen heute durchschnittlich 24 Prozent der Väter das Elterngeld in Anspruch. Die meisten dieser Väter allerdings lediglich für die zwei Monate, welche ansonsten verfallen würden.[11] In drei Vierteln der Familien übernimmt die Mutter im ersten Lebensjahr des Kindes über 75 Prozent der Betreuung, in jeder zweiten Familie sogar über 95 Prozent.[12]

Und so braut sich einiges zusammen. Die Unzufriedenheit der Frauen wächst - und gleichermaßen nimmt der Widerstand vieler Verfechter des Status quo zu, und zwar bei Männern wie Frauen. Zu verzeichnen ist ein zunehmend rüder Umgangston, insbesondere im Schutz des anonymen Internets. In Blogs wird hämisch gehetzt. In Zeitungen gibt es Platz für rückwärtsgewandte Betrachtungen. Die Berichterstattung über Andrea Nahles und Sigrid Nikutta ist ein Beispiel. Auch um die Frauenquote in Führungspositionen wird so hart gerungen, dass viel Porzellan zerbricht. Die Fronten verlagern sich auch hier. Die Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, Mitglied der CDU, treibt die Diskussion voran. Die Länderkonferenz der Justizminister gesellt sich dazu, vertreten etwa durch Beate Merk, Mitglied der CSU. Es kracht. Beim Quotengipfel fühlte man sich wie auf einer Auktion, wo jene den Zuschlag bekamen, die das billigste Angebot abgaben. Wen wundert es da noch, dass Frauen nicht zu Quotenfrauen werden wollen? Auch die Diskussion über den Fachkräftemangel wird mit harten Bandagen geführt. Von einer erzwungenen Kommodifizierung ist die Rede, von Zwangsarbeit, dem Ende der Wahlfreiheit. Hatten wir die jemals?

Die aufgeheizte Stimmung um ein uraltes Thema scheint eng verbunden zu sein mit den Erfolgen, die Frauen über die Jahrzehnte erzielten. Bislang war der Fortschritt deutlich, aber er wurde nicht als bedrohlich wahrgenommen. Jetzt aber baut sich eine kritische Masse auf, die erreichen könnte, dass sich Rahmenbedingungen schneller ändern. Dies führt zu Unbehagen, Widerspruch und Widerstand. Dies ist ein Prozess, wie ihn Rosabeth Moss Kanter beschreibt:[13] Angehörige von Minderheiten in Gruppen tragen eine existierende Struktur mit, indem sie sich den Gegebenheiten anpassen. Wächst aber der Anteil der Minderheit, charakterisiert als "Fremde", so beginnen diese, eine eigene Stimme zu entwickeln und eigene Vorstellungen vorzubringen. Es entstehen Koalitionen und Konflikte.[14]

Wir sind gut beraten, endlich umzusteuern. Wir müssen Frauen und Männern die Möglichkeiten an die Hand geben, die sie zur Entfaltung ihrer Lebensverläufe brauchen: angemessene, qualitativ hochwertige Einrichtungen für die Erziehung und Bildung ihrer Kinder, Flexibilität in der Arbeitsgestaltung über den Lebensverlauf hinweg,[15] ein hohes Maß an betrieblichem und gesellschaftlichem Verständnis für ihre familiären Belange, Transparenz bei Beförderungen und Entlohnungen, ein Steuersystem, das nicht auf die Ehe setzt.

Die empirische Sozialforschung beschäftigt sich mit Fragen der sozialen Ungleichheit. Sie untersucht, inwieweit sich Gruppen in ihren Lebensverläufen und in einzelnen Teilbereichen des Lebens systematisch und dauerhaft unterscheiden. Gruppen werden dabei meist kategorial zusammengefasst: nach ihrem Alter, ihrem Geschlecht, ihrem Rechtsstatus, ihrer sozialen Herkunft, ihrer Bildung. In diesem Essay habe ich auf rein sozialstruktureller Ebene nur auf eine Dimension verwiesen, auf das Geschlecht. Dieses steht noch immer für soziale Ungleichheit. Und für soziale Ungerechtigkeit.

Fußnoten

10.
Vgl. J. Allmendinger 2009 (Anm. 1), S. 47.
11.
Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Statistik zum Elterngeld für im Jahr 2009 geborene Kinder, Wiesbaden 2011.
12.
Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.), Evaluationsbericht Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetz 2009, Berlin 2009.
13.
Vgl. Rosabeth Moss Kanter, Men and Women of the Corporation, New York 1977.
14.
Vgl. Jutta Allmendinger/Richard Hackman, The More, the Better? On the Inclusion of Women in Professional Organizations, in: Social Forces, 74 (1996) 2, S. 423-460.
15.
Vgl. Philip Wotschack et al., Zeit für lebenslanges Lernen. Neue Umsätze der betrieblichen Arbeitszeit- und Qualifizierungspolitik, in: WSI-Mitteilungen, (2011) 10 (i.E.).