APUZ Dossier Bild

7.9.2011 | Von:
Ina Wunn

Neue Wege für Musliminnen in Europa

Traditionelles Frauenbild

Im Rahmen einer solchen Rückbesinnung auf konservative islamische Werte kommt es gerade hinsichtlich der Frage nach der Rolle von Frauen und Mädchen zu einer intensiven Reflexion über angemessenes Verhalten (adab), bei der man sich einerseits an gewohnten Rollenbildern orientiert, andererseits aber auch die vorhandene Traditionsliteratur (adab-Literatur) sowie deren Grundlagen zunächst einmal wahrnimmt, um sie anschließend kritisch zu reflektieren.

In traditionellen Islaminterpretionen dominiert eine deutliche Vormachtstellung des männlichen Familienoberhaupts - ähnlich verhält es sich im Hinblick auf traditionelle Auslegungen im Judentum und Christentum. Der Ausschluss der Frauen aus der Öffentlichkeit, der in einigen Ländern den Ausschluss der Frauen aus der Moschee und damit vom gemeinschaftlichen Gebet einschließt, ein Erbrecht, das ihnen nur die Hälfte des männlichen Anteils zugesteht, und eine mindere Stellung als Zeugin in Gerichtsverfahren verstärken die Unbalanciertheit.[16] Dennoch würde das "subtile islamische Familienrecht" den Frauen eine starke Position zumindest innerhalb der Familie und partiell auch der Gesellschaft einräumen, wenn nicht viele islamische Staaten die eigentliche Intention dieses Rechts unterliefen und die Frauen in eine praktisch rechtlose Situation brächten.[17]

Auch wenn eine sorgfältige Koranexegese deutlich macht, dass die Diskriminierung von Frauen im Koran keinerlei Grundlage hat,[18] sieht die Praxis nicht nur in islamischen Ländern, sondern auch in muslimischen (Migranten-)Familien in Europa häufig anders aus.[19] Als besonders belastend, gerade für junge Frauen, erweist sich hier unter Umständen das religiös begründete Konzept der Ehre, das an ihre sexuelle Reinheit, das heißt Jungfräulichkeit bis zur Ehe und anschließende unbedingte sexuelle Treue, gebunden ist. Äußerlich zeigt sich diese Ehre in angemessener Schamhaftigkeit bezüglich des Umgangs mit dem anderen Geschlecht und zurückhaltender Kleidung. Gerade unter den Bedingungen der Migration, die durch hohen Anpassungsdruck von Seiten der Aufnahmegesellschaft und daraus resultierende große Verunsicherung geprägt sind, spielen überkommene soziale Normen eine große Rolle und beeinflussen die Möglichkeiten junger Frauen entscheidend.[20] Die "fragile" Ehre der Frau zusammen mit dem Ideal von Familie und Mutterschaft sind es auch, die Frauen eine außerhäusliche Berufstätigkeit - zumindest in bestimmten Feldern - erschweren und damit auch ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit.

Als hinderlich auf dem Weg der Frauen zu einem selbstbestimmten Leben erweist sich nach Ansicht des islamischen Rechtsgelehrten Khaled Abou El Fadl auch der Autoritarismus als die durch eine veraltete islamische Rechtswissenschaft abgesegnete Form sozialer Organisation, die das Miteinander sowohl in politischer wie auch in privater Hinsicht prägt.[21] Wie stark autoritäre Strukturen bis heute bestimmend sein können, verdeutlicht unter anderem eine Studie der Frankfurter Religionswissenschaftlerin Bärbel Beinhauer-Köhler, die beobachten konnte, dass Theologiestudentinnen in ihren Kursen "primär Verständnisfragen (stellen), das Gesagte wird kaum öffentlich hinterfragt (...). Offensichtlich scheint sich die hierarchische Interaktion von Schülerinnen mit ihrer religiösen Funktionsträgerin auch unter den Vorzeichen der Migration zu erhalten."[22]

Fußnoten

16.
Vgl. Peter Antes, Der Islam als politischer Faktor, Bonn 1991, S. 32; Ina Wunn/Daphne Petry, Von der "Rolle der Frau" zum "Gender Jihad" - ein historischer Abriss, in: M. Selçuk/I. Wunn (Anm. 4).
17.
Vgl. Iris Müller, Stellung der Frau im Islam und Frauenbewegungen in islamischen Ländern in der modernen Zeit, in: dies./Ida Raming, Aufbruch aus männlichen "Gottesordnungen". Reformbestrebungen von Frauen in christlichen Kirchen und im Islam, Weinheim 1998, S. 100.
18.
Vgl. Fatima Mernissi, Der politische Harem. Mohammed und die Frauen, Frankfurt/M. 1989; Werte im Islam. Interview mit Prof. Adnan Aslan, in: Nun. Zeitschrift für muslimische Kultur, (2007) 7, S. 29ff.
19.
Vgl. Maria Elisabeth Baumann, Frauenwege zum Islam. Analyse religiöser Lebensgeschichten deutscher Muslimas, Regensburg 2003, S. 34-50.
20.
Vgl. Ina Wunn/Constantin Klein, Bedürfnisse muslimischer Patienten, in: Michael Peintinger (Hrsg.), Interkulturell kompetent. Ein Handbuch für Ärztinnen und Ärzte, Wien 2011 (i.E.).
21.
Vgl. Khaled Abou El Fadl, Speaking in God's Name. Islamic Law, Authority, and Women, Oxford 2001, S. 11-18.
22.
Bärbel Beinhauer-Köhler, Muslimische Frauen in Moscheen - zwischen Tradition und Innovation, in: Forschung Frankfurt. Das Wissenschaftsmagazin, (2008) 1, S. 54.