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5.7.2011 | Von:
Silke Helfrich
Felix Stein

Was sind Gemeingüter? - Essay

Gemeingüter als Tat

Natürlich ist hier entscheidend, ob wir die Nutzung des Dorfbrunnens selbst organisieren wollen oder jene der Atmosphäre. Die von allen geatmete Luft braucht andere Institutionen als ein Gemeindewald. Und je größer das Ressourcensystem, umso geringer die Chance auf direkte Mitsprache. Weniger Mitsprache aber bringt weniger Verantwortungsgefühl mit sich. Die Herausforderung ist enorm, doch wir kämen nicht umhin, diese Komplexität zu akzeptieren, insistiert Ostrom. Schließlich zeigt unter anderem das Debakel der bisherigen Klimaverhandlungen: Wer die Regelung der Nutzungsrechte an der Atmosphäre - einer globalen Gemeinressource - allein den Regierungen überlässt, ist nicht gut beraten.

Die Entwicklung abertausender bottom-up-Verfahren für den sorgsamen Umgang mit der Klimaallmende ist ohne Alternative - sei es durch die Förderung der "Transition-Town-Initiativen" für ein postfossiles urbanes Leben[15] (allein 40 sind in Deutschland im Entstehen, über 1000 sind es weltweit, dabei ist die Bewegung gerade einmal fünf Jahre alt), durch die Unterstützung energieautonomer Städte und Gemeinden oder den Boom von "Zuhause-Kraftwerken". (Das Design dieser Kraftwerke sollte allerdings offen gelegt werden. Nur wenn klimagerechtes Design zum Teil der Wissensallmende wird, wenn wir es unkompliziert teilen und fortentwickeln dürfen, kann die Allgemeinheit davon wirklich profitieren.) Oder sei es die Wiederbelebung regionaler, dezentraler Versorgungsstrukturen, die das Leben der Menschen unabhängiger machen wie das derzeit mit den neu entstehenden DORV-Zentren geschieht (DORV = Dienstleistung und Ortsnahe RundumVersorgung). Nur wenn alles ineinander greift, kann aus der derzeit wie Niemandsland behandelten Atmosphäre ein wirkliches Gemeingut entstehen.

Wie die gemeinschaftliche Verfügung von Gemeingütern gestaltet werden kann, hängt von sehr vielen Faktoren ab: von der Größe der Nutzergemeinschaft, der Verfasstheit der existierenden Institutionen und ganz entscheidend natürlich vom Charakter der Ressource - ob Wasser oder Wissen, ob rival (übernutzungsgefährdet) oder nicht. Das Eine bedarf gerechter Formen der Zugangsbeschränkung, das Andere entfaltet seine Fülle im Grunde erst dort, wo freier Zugang gewährt wird.

Fußnoten

15.
Transition-Town-Initiativen sind lokale Zusammenschlüsse von Bürgerinnen und Bürgern, die sich in ihren Städten für eine Ressourcen schonendere Lebensweise einsetzen, etwa duch die Erzeugung lokaler Wirtschaftskreisläufe, das Anlegen von Gemeinschaftsgärten u.a.m.; vgl. www.transition-initiativen.de (23.5.2011).

Dossier

Energiepolitik

Die Energiewende stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Schrittweise sollen Atomenergie und fossile Kraftstoffe durch erneuerbare Energie ersetzt werden. Dazu sind riesige Investitionen erforderlich. Gleichzeitig befindet sich der globale Energiemarkt im Umbruch: Während in Europa schrittweise mehr Wettbewerb eingeführt wird, konzentriert sich die Kontrolle über die weltweiten Öl- und Gasreserven zunehmend in der Hand von wenigen Staatsfirmen. Das Dossier ist Bestandsaufnahme der aktuellen Energiemärkte und bietet einen Ausblick auf Chancen und Risiken zukünftiger Energiepolitik.

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