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5.7.2011 | Von:
Silke Helfrich
Felix Stein

Was sind Gemeingüter? - Essay

Vermehren durch teilen

Auch in der Welt der immateriellen "Ressourcen" eröffnet der Commonsbegriff diesen alternativen Horizont. In der modernen Commonsdebatte gelten zunehmend nicht endliche Güter wie Code, Wissen und Information als Gemeinressourcen, als Dinge also, die grundsätzlich gemeinverfügbar bleiben müssen. So hat der Rechtswissenschaftler James Boyle Studien zu den sogenannten Wissensallmenden (knowledge commons) angestellt, in denen er sich mit den verwertungsgetriebenen Mustern des Umgangs mit Wissen, Kultur und Information in den vergangenen Jahrzehnten auseinandersetzt. Dabei betont er - wie andere vor ihm - dass Dinge, deren Gebrauchswert mit vermehrter Nutzung steigen und deren Vervielfältigungskosten gegen Null tendieren (denken Sie an Musikaufnahmen), Dinge also, die sich der Knappheitslogik des Marktes entziehen, mithilfe von Strategien der künstlichen Verknappung überhaupt erst marktfähig gemacht werden. Zunehmend werden dabei auch die Zugangsmöglichkeiten zur Wissensallmende künstlich beschränkt. Doch Knappheit ist diesen Ressourcen nicht eingeschrieben. Im Gegenteil, die Wissensallmende wird mehr, wenn wir sie teilen.[19]

Oft erweist sich die künstliche Verknappung für die Interessen der Allgemeinheit als kontraproduktiv. Wenn etwa bei Text- oder Musikdateien Kopierschutzmechanismen oder schwer überwindbare Bezahlschranken eingezogen werden, dann droht Unter- statt Übernutzung. Das ist vor allem dann zu hinterfragen, wenn es Werke betrifft, deren Entstehen die Allgemeinheit finanziert hat - was für einen Großteil unserer wissenschaftlichen Forschung gilt. Wir erleben somit "eine Situation, in der das, was bislang entweder als Gemeineigentum oder als nicht kommodifizierbar galt, mit neuen oder in neuer Weise ausgeweiteten Eigentumsrechten belegt wird".[20] Der Commonsbegriff bietet hier eine Alternative zu den scheinbar unausweichlichen Prozessen künstlicher Verknappung verbunden mit immer hierarchischer werdenden Sozialstrukturen.

Schließlich sei noch ein Beispiel angeführt, in dem Materielles und Immaterielles zugleich neu definiert werden und in dem der Commonsbegriff gängige wirtschaftspolitische Prozesse in Frage stellt: die Patentierung des menschlichen Genoms. Die Ausweitung sogenannter intellektueller Eigentumsrechte, von Patenten auf Geschäftsmodelle über den Digital Millennium Copyright Act bis zur Europäischen Richtlinie zum Schutz von Datenbanken, führen laut Boyle zur Erosion der Wissensallmende. Gleichzeitig aber redefinieren sie auch Mensch und Körper auf radikale Weise. Dies war beispielsweise Mitte der 1990er Jahre im Hochland von Papua-Neuguinea der Fall, als die Zelllinien eines einheimischen Hagahai-Mannes von Wissenschaftlern einer US-amerikanischen Gesundheitsbehörde patentiert wurden. Die Zelllinien beinhalten eine Variante des Retrovirus HTLV-I, die im Gegensatz zu anderen Varianten keine Leukämieerkrankung hervorruft; daraus zu erstellende Medikamente versprachen eine riesige Einkommensquelle zu werden. Die anschließenden Versuche einer Gruppe von Hagahai, das Patent für sich zu beanspruchen, beruhten auf der Grundidee, sich als Ethnie mehr denn je von anderen Gruppen abzugrenzen. Gleichzeitig beschlossen sie einem euro-amerikanischen Verständnis des Körpers zu folgen, in dem soziale Bindungen einem biologisch und materialistisch geprägten Medizinverständnis untergeordnet werden. Sie waren in diesem Doppelprozess sowohl als Gruppe als auch als Individuen zu neuen Menschen geworden.[21] Hier zerrinnt die Vorstellung, dass die Bausteine des Lebens - die elementarsten Formen der Gemeinressourcen - nicht privataneignungsfähig sind.

Doch genug der Negativbeispiele. De facto boomen auch Formen und Organisationen, in denen Menschen die Wissensallmende verteidigen und erweitern. Die Freie-Software-Bewegung, die frei "als Freiheit und nicht als Freibier" versteht, wie deren Gründer Richard Matthew Stallman betont, brachte es dazu, dass heute etwa 90 Prozent der 500 schnellsten Supercomputer der Welt unter dem freien Betriebssystem GNU/Linux laufen. Die rasant gewachsene internationale Organisation "Creative Commons" hat Lizenzmodelle mit erweiterten Nutzungsoptionen für die Allgemeinheit entwickelt, die inzwischen von Regierungen etwa in Großbritannien oder Australien ebenso eingesetzt werden wie von unzähligen Autorinnen, Filmemachern, Fotokünstlern und Wissenschaftlerinnen. Auch in Europa tut sich bezüglich der Wissensallmende einiges. So hat zum Beispiel die Stadt Linz mit der Einrichtung von steuerfinanzierten Internetzugängen (hotspots) und Computerstationen für die Öffentlichkeit dafür gesorgt, dass dort der Zugang zum Wissen der Welt nicht mehr vom individuellen Einkommen abhängt. Politik, die auf die Förderung von Gemeingütern abzielt, ist insbesondere für die Kommunen eine Chance und eine Herausforderung.

Fußnoten

19.
Vgl. den Beitrag von Sigrid Quack und Leonhard Dobusch in dieser Ausgabe.
20.
James Boyle, The Second Enclosure Movement and The Construction of the Public Domain, 2003, S. 37-38, online: www.law.duke.edu/pd/papers/boyle.pdf (20.5.2011).
21.
Vgl. Stuart Kirsch, Property Limits: Debates on the Body, Nature and Culture, in: Eric Hirsch/Marilyn Strathern (eds.), Transactions and Creations: Property Debates and the Stimulus of Melanesia, London 2004, S. 21-40.

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