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25.5.2011 | Von:
Markus End

Bilder und Sinnstruktur des Antiziganismus

Sinnstruktur

Ich werde meine Thesen zur Sinnstruktur des Antiziganismus an dem bisher wenig beachteten Text "Die Zigeunerfrage" des NS-Politikers Tobias Portschy[11] erläutern und dabei die zentralen Vorurteile und Stereotype des modernen Antiziganismus benennen.[12]

Zunächst gelten für den Antiziganismus Sinngehalte, die auch für andere Vorurteilskomplexe grundlegend sind: Ein zentrales Merkmal antiziganistischer Texte ist, dass "Zigeuner" immer in Abgrenzung und meist sogar als direkter Gegensatz zur Wir-Gruppe, der der/die Autor/in sich zugehörig fühlt, beschrieben werden: "Gutes und Böses (...), Deutschtum und Zigeunertum sind einmal miteinander nicht zu versöhnen, sondern dauernd in Widerstreit", schreibt Portschy.[13] Dabei werden sowohl "Deutschtum" als auch "Zigeunertum" als abstrakte Wesenheiten angenommen, die unabhängig von den Individuen und doch in ihnen existieren und durch Abstammung weitergegeben werden.

Eine Besonderheit des Antiziganismus scheint dabei zu sein, dass sich die abstrakte Wesenheit der Wir-Gruppe durch den Einschluss von "Zigeunern" verändern oder auflösen würde, während das für das "Zigeunertum" nicht zu gelten scheint: "Oft werden verbrecherische und verkommene Personen aus der deutschen Dorfgemeinschaft noch heute geradezu ausgestoßen. (...) Wenn diese infolge der hartnäckigsten Ablehnung durch das Bauerntum Anschluss bei den Zigeunern heute noch sucht [sic!] und bisher auch fand [sic!], dann vereinen sich eben Verbrecher mit Verbrecher [sic!] und die Rassenschande feiert Triumpfe [sic!]. So und nur so sind die vielen Blondköpfe in der Zigeunerkolonie zu erklären."[14] Diese "Blondköpfe" zählt Portschy aber zu den "Zigeunern", weil sich "Verbrecher und Verbrecher" vereinten und sie sich somit in die "Zigeunerkolonie" einfügen könnten. Diese Offenheit des "Zigeunertums" deutete sich bereits im Text von Münster an, wenn er schreibt "Sie nemen auch an man und weib in allen länderen/die sich zu inen begeren zuschlagen."[15]

Eine weitere Parallele zwischen Münster und Portschy stellt der angenommene Gegensatz zwischen "Zigeuner" und "Bauer" dar: "ist dem bauwers volck gar beschwerlich"[16] schreibt Münster, bei Portschy heißt es "Wer die Zigeuner kennt, weiß, daß sie ein Nomaden- und kein Bauernvolk sind."[17] Dieser Gegensatz findet sich immer wieder bis in die Gegenwart und kann gewissermaßen als Konzentrat mehrerer Sinngehalte gelten. Er enthält die These von der Ortlosigkeit der "Zigeuner", die sich sowohl in Portschys "Nomadenvolk" als auch in Münsters "es hat kein vaterland"[18] ausdrückt. Noch allgemeiner bedeutet dies, dass "Zigeunern" abgesprochen wird, eine Identität zu besitzen, wie das andere Menschen haben sollten, die sich über ihr Vaterland oder ihre Religion definieren: "ist kein religion bey ine"[19] schreibt Münster, und Portschy schließt sich an: "Von einer echten Religiosität findet sich bei ihnen keine Spur."[20] "Zigeunern" werden also zwei der großen identitätsstiftenden Kategorien der europäischen Gesellschaften - Religion und Nationalität - abgesprochen.

Der Gegensatz zum "Bauern" enthält noch einen zweiten zentralen Sinngehalt des Antiziganismus, den des archaischen Parasiten: "Der Zigeuner ist ein reiner Schmarotzer; er sehnt sich nicht nach dem Besitz von Grund und Boden, um ihn dauernd durch seine Arbeit zu kultivieren, wie überhaupt sich durch seiner Hände Arbeit sein Brot zu verdienen (...). Er wandert bettelnd und spielend von Dorf zu Dorf, stiehlt dabei für das [sic!] ihn Nötige auf den Feldern."[21] Das heißt, in der antiziganistischen Vorstellung lebt "der Zigeuner" von dem, was andere Menschen sich erarbeiten und was er sich aneignet, weil er Arbeit und Eigentumsverhältnisse nicht anerkennt. Alle Stereotype von "Diebstahl", "Betteln" und "Betrügen", wie sie sich auch schon bei Münster finden, drücken diesen Sinngehalt aus.

Ein häufig damit einhergehender Sinngehalt ist jener des fehlenden Planens und der fehlenden Selbstdisziplin. Dem Ackerbau als Symbol einer Tätigkeit, für die das ganze Jahr diszipliniert gearbeitet und geplant werden muss, wird die Sorg- und Disziplinlosigkeit, mit der "Zigeuner" vermeintlich ihren Trieben und Lüsten freien Lauf lassen, gegenübergestellt. Schon Münster schrieb, sie "leben on sorg",[22] und auch bei Portschy findet sich dieser Sinngehalt in verschiedenen Variationen wieder. "Zigeunern" werden "Maßlosigkeit beim Genusse von Alkoholien und narkotische(n) Verkommenheit"[23] unterstellt und "Raufereien" und eine "ständige Lust zum Bruderkriege" nachgesagt, die durch "Alkoholgenuss" genährt werde.[24]

Eng damit verwoben und teils identisch verwendet ist der Sinngehalt der sexuellen und geschlechtlichen Amoralität, der sich in vielen Formen zeigt. Auch hier besteht der Vorwurf darin, die eigene Sexualität nicht unter Kontrolle zu haben und zentrale Wertmaßstäbe vermissen zu lassen. So sind für "Zigeuner" laut Portschy "wilde Ehen", "Inzuchtehen", "geschlechtliche Frühreife" und "Prostitution" bezeichnend.[25] Überdies werden insbesondere "Zigeunerinnen" stellvertretend für den ganzen Vorstellungskomplex von Freiheit und Lust als besonders erotisch und verführerisch beschrieben. Diese Darstellung steht immer im Kontext einer Versuchung der Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft, sich verführerischen Personen und damit ihrem Lebensstil hinzugeben. Bei Portschy findet sich hierzu nur eine Andeutung, wenn er explizit die Kleidung der "jungen Lagerschönen" erwähnt, die sich nicht wie üblich "notdürftig in Lumpen" kleide.[26] Deutlicher ausgearbeitet findet sich dieser Sinngehalt im Stoff der "Carmen"-Novelle,[27] der vielfach adaptiert und neu aufgelegt wurde. Darin geht es um die "Zigeunerin" Carmen, die den "Nicht-Zigeuner" Don José verführt, woraufhin sein bürgerliches Leben zerstört wird.

Diese vermeintliche Bedrohung der "männlichen" Position geht so weit, dass antiziganistische Texte häufig einen Wechsel der Geschlechterrollen konstatieren. So wird "der Zigeunerin" die Rolle der Ernährerin zugeschrieben. Schon Münster schreibt, "Züginer" seien ein "volck/das sunderlich gern stilt/doch allermeist die weiber/die also iren mannen zu tragen".[28] Auch bei Portschy finden sich Belege für diese Regel: "Die Weiber rücken dann zu zweien oder dreien gruppiert mit ihren Milchkannen, Taschen und Körben in der Hand in das Dorf und ziehen bettelnd von Haus zu Haus. (...) Beladen mit ihrer Beute kehren sie zu den Ihren zurück."[29] Auch andere bis ins 20. Jahrhundert hinein streng "männlich" konnotierte Tätigkeiten wie das Tragen von Hosen, der Konsum von Tabak und Alkohol oder gar die Führung der "Sippe" wurden "Zigeunerinnen" unterstellt.

Diese Bedrohung männlicher Hegemonie geht damit einher, dass "Arbeit" als zentrale "männliche" Tätigkeit "Zigeunern" pauschal abgesprochen wird. Als eine hier anschließende Meta-Regel kann gelten, dass alle aufgezählten Sinngehalte in antiziganistischen Äußerungen und Texten primär Frauen oder Kindern zugeschrieben werden, dass diese also als Essenz des "Zigeunerischen" fungieren.[30]

Fußnoten

11.
Tobias Portschy, Die Zigeunerfrage, Eisenstadt 1938. Portschy war nationalsozialistischer Landeshauptmann des Burgenlandes in Österreich und nach dem "Anschluss" stellvertretender Gauleiter der Steiermark. In dieser Position war er mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auch an der sehr frühen Deportation von 5007 Burgenlandroma in das Ghetto in Lod im November 1941 beteiligt. Von dieser Gruppe hat niemand überlebt.
12.
Die Analyse der Sinnstrukturelemente des Antiziganismus ist Ziel meines Dissertationsprojekts. Da diese Arbeit bisher nicht abgeschlossen ist, müssen die hier dargestellten Hypothesen als Werkstattbericht verstanden werden.
13.
T. Portschy (Anm. 11), S. 37.
14.
Ebd., S. 31.
15.
S. Münster (Anm. 10), S. 300.
16.
Ebd. S. 300f.
17.
T. Portschy (Anm. 11), S. 31f.; Hervorhebung im Original.
18.
S. Münster (Anm. 10), S. 300.
19.
Ebd.
20.
T. Portschy (Anm. 11), S. 13.
21.
Ebd., S. 14.
22.
S. Münster (Anm. 10), S. 300.
23.
T. Portschy (Anm. 11), S. 23.
24.
Zitate ebd., S. 19.
25.
Zitate ebd., S. 18f.
26.
Zitate ebd., S. 14.
27.
Prosper Mérimée, Carmen, Köln 2006.
28.
S. Münster (Anm. 10), S. 300. Diesen Satz hat Wolfgang Wippermann als Titel für einen Aufsatz verwendet: "Doch allermeist die Weiber". Antiziganismus in geschlechtergeschichtlicher Sicht, in: Helgard Kramer (Hrsg.), Die Gegenwart der NS-Vergangenheit, Berlin 2000, S. 278-294.
29.
T. Portschy (Anm. 11), S. 15f.
30.
Vgl. dazu Rafaela Eulberg, Doing Gender and Doing Gypsy. Zum Verhältnis der Konstruktion von Geschlecht und Ethnie, in: Markus End/Kathrin Herold/Yvonne Robel (Hrsg.), Antiziganistische Zustände. Zur Kritik eines allgegenwärtigen Ressentiments, Münster 2009, S. 41-66.