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9.5.2011 | Von:
Dominik Groß

Zum Wandel im Umgang mit der menschlichen Leiche: Hinweise und Erklärungsversuche

Inszenierung des Weiter-Lebenden

Der postmoderne Mensch denkt sich seinen Tod und seine postmortale Existenz neu. Damit einher gehen eine Abkehr vom Friedhof als herkömmlichem Ort des Leichnams und der letzten Ruhestätte, aber auch eine (partielle) Abkehr vom (christlichen) Wiederauferstehungsglauben. An dessen Stelle treten neue säkulare Deutungsmuster des Todes, aber auch Versuche einer Relativierung desselben. Der Umgang mit der eigenen Leiche folgt vielfach einer individuellen Programmatik mit dem Ziel, sich durch die Wahl einer speziellen Bestattungsform selbst zu inszenieren und den eigenen Lebensverlauf durch die Wahl der Bestattung zu "spiegeln". Die eigene Leiche dient bei allen genannten Formen als Mittel, um einen Zustand der materiellen Fortexistenz als "Überleben" zu "inszenieren".

Diese Inszenierungen erfolgen auf dreierlei Weise: (1) Bei der Diamantierung stehen Unvergänglichkeit und Ästhetisierung im Mittelpunkt der Programmatik - Eigenschaften, die im vollständigen Gegensatz zum Zerfall und Verwesung konventionell bestatteter Leichname stehen. (2) Die Plastination ist ihrerseits als Inszenierung einer "Verlebendigung" zu interpretieren; hier wird Unvergänglichkeit (verkürzt) mit Unsterblichkeit gleichgesetzt. Am weitreichendsten ist indessen (3) die Kryonik, die als neue, auf Technikgläubigkeit fußende Form des "Wiederauferstehungsglaubens" interpretiert werden kann, und der eine konkrete, am engeren Wortsinn orientierte Definition von Unsterblichkeit zugrunde liegt. In allen Fällen handelt es sich damit um Versuche der Grenzverschiebung zwischen Leben und Tod. Ziel ist die Erreichung eines "Zustands", in dem der Tod nicht mehr Tod im absoluten Sinne bedeutet, und bei dem keiner mehr "vergeht", wenn er stirbt. Der Tote wird zum Weiter-Lebenden umdefiniert.


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