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12.4.2011 | Von:
Thomas Schneider
Daniel Küchenmeister

Sport ist Teilhabe! - Essay

Beispiel Fußball

Als im Oktober 2010 die Errichtung der "Manuel Neuer Kids Foundation" bekannt gegeben wurde, eine Stiftung, mit der der Schalke- und Nationalmannschafts-Torwart sozial schwache Kinder im Ruhrgebiet unterstützt, war die öffentliche Aufmerksamkeit vergleichsweise gering. Dabei ist das Engagement des jungen Fußballprofis bemerkenswert, bezieht sich der Stiftungszweck doch ausdrücklich auf das örtliche Umfeld des Spielers und noch dazu auf ein Thema, das im öffentlichen Diskurs häufig eine untergeordnete Rolle spielt. Manuel Neuer begründet seine Initiative so: "Ich weiß, dass ich zu den Privilegierten zähle und Glück in meinem Leben habe. Davon möchte ich etwas zurückgeben. Mit meiner Stiftung will ich der sozialen Verantwortung gerecht werden. Und zwar in meiner Stadt. Meine Heimatstadt Gelsenkirchen belegt in einer unrühmlichen Statistik einen Spitzenplatz. Nahezu jedes vierte Kind leidet unter Armut." Warum ist diese Initiative in der Öffentlichkeit so wenig bekannt?

Laut einer Anfang 2011 veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung zu sozialer Gerechtigkeit belegt Deutschland im internationalen Vergleich lediglich einen Rang im unteren Mittelfeld. Die größten Defizite gibt es beim Zugang zu Bildung und Arbeit sowie bei der Vermeidung von Armut, vor allem der Kinderarmut. Jedes neunte Kind in Deutschland wächst in armen Verhältnissen auf. Soziale Gerechtigkeit definiert die Studie als Teilhabegerechtigkeit, wobei dem Staat die Aufgabe des sozialen Ausgleichs als Gewährleistung von Teilhabechancen zukommt.[3]

Leistungsträger wie Manuel Neuer nutzen ihr großes Ansehen und ihr nicht minder großes Einkommen, um wohltätige oder gesellschaftliche Anliegen zu unterstützen. Auch Sportvereine und -verbände werden sich zunehmend ihrer sozialen Verantwortung bewusst und verstärken ihr gesellschaftliches Engagement - allen voran im Fußball. Selbstverständlich spielen auch andere Sportarten eine Rolle, und es wäre berechtigt, sie in den Mittelpunkt zu rücken. Aber Fußball ist nun einmal zu einem Massen- und Medienspektakel geworden, das in Deutschland so viele Menschen anlockt wie keine andere Sportart - sei es als Zuschauer oder Aktive in einer der vielen Ligen oder im Freizeitfußball.

Der DFB, mit 6,7 Millionen Mitgliedern größter Einzelsportverband der Welt, ist nicht nur seit Jahrzehnten karitativ und humanitär aktiv, sondern mischt sich in historisch gereiftem Wissen um seine gesellschaftliche Verantwortung, auf der Grundlage eines zunehmend differenzierten Bildes von der eigenen Geschichte und mit dem ohnehin vorhandenen Gewicht seiner Popularität in den vergangenen Jahren immer wieder in die öffentlichen Debatten um gesellschaftliche, soziale und ethisch-moralische Fragen ein - teilweise auf eigene Initiative, teilweise erst auf anhaltenden politischen oder medialen Druck, aber stets unter wohlwollender oder kritischer Beobachtung einer aufmerksamen Öffentlichkeit. Zu nennen sind die grundlegenden Fragen, denen sich der DFB im Nachgang zu seinem 100-jährigen Jubiläum im Jahre 2000 sowie in Vorbereitung auf die Fußball-WM 2006 in Deutschland stellen musste und stellte: Hierzu zählen die Aufarbeitung der eigenen Geschichte in der sogenannten Havemann-Studie,[4] welche die Verstrickung und die aktive Rolle des Verbandes im System des "Dritten Reiches" untersuchte, die Positionierung gegen rassistische und antisemitische Tendenzen in den Stadien, zahlreiche Projekte zu Themen wie Integration, Antidiskriminierung und Fairplay sowie Maßnahmen gegen Gewalt, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit.

Im November 2009 wurde DFB-Präsident Zwanziger hoch gelobt für seine viel beachtete Rede auf der Trauerfeier für den Nationalspieler Robert Enke, der unter Depressionen gelitten hatte, in der er den Umgang mit dieser Krankheit in unserer Leistungsgesellschaft kritisch ansprach. Kurz darauf aber wurde es manchem schon etwas zu viel des Guten, als Zwanziger sich auch noch dem Problem der Diskriminierung von Homosexuellen im Sport zuwandte und sich schließlich in der Affäre um Schiedsrichterobmann Manfred Amerell, der einen jüngeren Schiedsrichter sexuell genötigt haben soll, medial und moralisch zu verzetteln schien. Der Fußball war plötzlich für alles zuständig, er war gleichermaßen übermächtig wie überfordert.

Mit seiner jüngsten, im Rahmen des DFB-Bundestags im Oktober 2010 beschlossenen Initiative versucht der Verband nun als Reaktion auf die vielfältigen gesellschaftspolitischen Herausforderungen, seine sozialen Aktivitäten unter dem Schlagwort "Nachhaltigkeit" zu koordinieren. Interessanterweise wurde der DFB seinerseits 2009 mit dem Sonderpreis des Deutschen Nachhaltigkeitspreises für sein herausragendes Engagement für Integration und Jugendarbeit ausgezeichnet, womit beispielsweise das Projekt "Tausend Bolzplätze" oder das Konzept der mobilen Ausbildungszentren gewürdigt wurden.

Mit dem Projekt "Green Goal" zur WM 2006 ging der Verband auch einen ersten Schritt in Richtung ökologischer Ausrichtung, was öffentlich jedoch kaum wahrgenommen wurde und grundsätzlich die Frage aufwirft, ob sich nachhaltiges, umweltbewusstes Wirtschaften überhaupt mit Großereignissen wie Fußballweltmeisterschaften vereinbaren lässt. In Fortsetzung dieses ambitionierten Umweltprogramms hat auch das Organisationskomitee der Frauenfußball-WM 2011 gemeinsam mit dem Öko-Institut und gefördert durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt ein entsprechendes Konzept entwickelt.

Dem Dachverband der unangefochtenen Sportart Nummer eins in Deutschland geht es insgesamt aber auch darum, die eigenen gemeinnützigen und gesellschaftspolitischen Initiativen besser zu vernetzen. Dass in der DFB-Spitze ein entsprechendes Problembewusstsein vorhanden ist, belegt die Position seines Präsidenten: "Es gibt auch soziale Verwerfungen. Wir haben in unserem Land auf der einen Seite wachsenden Reichtum und auf der anderen Seite zunehmende Armut. Und an sozialer Gerechtigkeit zu arbeiten, das muss unsere gemeinsame Aufgabe sein, damit die Kluft zwischen Arm und Reich nicht zu weit auseinandergeht. Wir müssen die Balance wahren. Auch hier hat der Fußball Verantwortung und steht vor Herausforderungen."[5]

Fußnoten

3.
Vgl. Bertelsmann-Stiftung (Hrsg.), Soziale Gerechtigkeit in der OECD - Wo steht Deutschland?, Gütersloh 2010.
4.
Vgl. Nils Havemann, Fußball unterm Hakenkreuz. Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz, Frankfurt/M. 2005.
5.
Zit. nach: Daniel Küchenmeister/Thomas Schneider, "Fußball - ein Projekt gelebter Einheit". Interview mit DFB-Präsident Theo Zwanziger, in: Deutschland Archiv, (2010) 5, S. 778-787.

Fußball - mehr als ein Spiel
Informationen zur politischen Bildung (Heft 290)

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