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12.4.2011 | Von:
Jürgen Mittag

Sport und Protest

Proteste mit direktem Sportbezug

Bildete bei den bislang angeführten Protestformen und -motiven der Sport eher den Anlass als das Thema, so steht der Sport bei den nachfolgenden Beispielen selbst im Mittelpunkt. Zu den "klassischen" sportbezogenen Protestformen gehören die Verteilungskonflikte in den großen amerikanischen Profiligen. Hier kommt es immer wieder zu regelrechten Arbeitskämpfen zwischen den Spielern und ihren Arbeitgebern. Während die Sportler auf das Instrument des Streiks zurückgreifen, setzen die Klub- bzw. Ligenbesitzer auf die Möglichkeit der Aussperrung. So konnte etwa im Eishockey die Saison 1994/95 erst mit 103 Tagen Verspätung beginnen, 2005 musste die Spielzeit sogar ganz abgesagt werden. Auch im Basketball und Baseball führten Streiks und Ausschlüsse bereits zu Verschiebungen und Saisonverkürzungen. In Europa setzen Profisportler bisweilen ebenfalls auf Streiks, bislang jedoch in weitaus geringerem Ausmaß.

Dass neben öffentlichkeitswirksamen Streiks und den noch weitaus häufiger anzutreffenden Presse- oder Trainingsboykotts von einzelnen Profis oder ganzen Vereinen auch auf rechtliche Protestinstrumente gesetzt wird, um die eigenen ökonomischen Interessen zu behaupten, dokumentiert der Fall des belgischen Fußballers Jean Marc Bosman, der 1995 zum "Bosman-Urteil" des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) führte.[18]

Direkte Bezüge zum Sport weisen auch die Proteste der Fans gegen überzogene Kommerzialisierungstendenzen im Profisport auf. Gingen die Fans, vor allem im Fußball, in früheren Jahren auf die Barrikaden, um gegen überteuertes Bier oder unbeliebte Spieler aufzubegehren, fallen die Protestziele und -formen im vergangenen Jahrzehnt deutlich differenzierter aus. So wandte sich vor der Bundesligasaison 2001/2002 die Initiative "Pro 15.30" mit Plakaten und T-Shirts gegen die zunehmende Ausdehnung der Spieltage über das gesamte Wochenende und forderte die Abschaffung des Sonntags als regulären Spieltag sowie die Festlegung der Anstoßzeit auf samstags, 15.30 Uhr. Aufmerksamkeit erzielten aber auch Aktionen von Anhängern, die gegen die Umbenennung der Stadien oder die Änderung der Vereinsfarben protestierten und etwa, wie im Fall von Nürnberg, über 5000 Unterschriften gegen den Namen "easyCredit-Stadion" sammelten. Ihre Entsprechung fanden diese Aktivitäten im Protest gegen die zunehmend kommerziellen Bewirtschaftungsformen in den Stadien, gegen reine Sitzplatzarenen oder VIP-Logen.

Die deutschen Beispiele muten indes zurückhaltend an gegenüber der Entwicklung in Großbritannien, wo wechselnde Eigentümer, horrende Eintrittspreise und eine immer stärker kommerzialisierte Eventkultur in den Stadien zu erheblichen Protesten geführt haben. Vor allem in Manchester hat sich eine regelrechte Protestkultur gebildet, die sich gegen den amerikanischen Besitzer von Manchester United, Malcolm Glazer, richtet. Dieser hatte den Fußballklub 2005 mit einem Darlehen gekauft, welches er dann auf den Verein übertrug und ihn dadurch mit einer enormen Schulden- und Zinssumme belastete. Die Proteste der United-Anhänger reichen von der Gründung eines neu gegründeten "FC United of Manchester" über das Tragen neuer Vereinsfarben (Grün-Gold, den Farben des Newton Heath Football Club, wie United bis 1902 hieß) bis hin zum Versuch, die Mehrheit am Verein zu übernehmen, um Glazer und seine Söhne gewissermaßen auszukaufen.[19]

Fußnoten

18.
Nachdem Bosman zunächst gegen seinen Verein geklagt hatte, weil er durch die zu hohe Ablöseforderung seine Arbeitnehmerfreizügigkeit beschränkt sah, führten die Folgeverfahren und das EuGH-Urteil dazu, dass sich das bisherige Transfersystem im europäischen Fußball grundlegend änderte - erst seitdem können Spieler in der EU den Verein nach Ablauf ihrer Vertragslaufzeit ablösefrei wechseln.
19.
Vgl. Dougie Brimson (ed.), Rebellion. The inside story of football's protest movement, London 2006.

Fußball - mehr als ein Spiel
Informationen zur politischen Bildung (Heft 290)

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Innerhalb weniger Jahrzehnte ist der moderne Fußball zu einer bedeutsamen und populären Sportart geworden, die weltweit Millionen von Menschen fasziniert. Die Geschichte des Fußballs, seine Fans, aber auch sein Stellenwert für Politik, Wirtschaft und Medien sind Thema dieses Heftes.

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