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21.2.2011 | Von:
Birgit Svensson

Von Frühling und Herbst der Pressefreiheit im neuen Irak - Essay

Spezialisierung und Differenzierung

Es ist also unschwer vorauszusagen, dass in der veränderten Situation abermals eine Selektion stattfinden wird, wenn auch nicht so dramatisch wie nach dem Sturz der Diktatur. Jetzt geht es eher um die Qualität des künftigen Journalismus im Irak. Während die Medien in den vergangenen Jahren vornehmlich auf Sicherheitsberichterstattung konzentriert waren, gilt es jetzt, sich neue Felder zu erschließen. Das Dilemma, in dem die Journalisten dabei stecken, wird zurzeit auch in den meisten deutschen Medien sichtbar, die nach wie vor fast ausschließlich über Bombenanschläge und Terror berichten. Themen wie Iraks Weg zur Demokratie oder der Aufbau der Zivilgesellschaft, die Situation des Gesundheitswesens oder des Bildungssektors werden kaum angesprochen. Auch das Leben im Alltag findet so gut wie keinen Ausdruck in der deutschen Medienlandschaft.

Das liegt zum einen daran, dass es nur zwei deutschsprachige Korrespondenten gibt, die regelmäßig aus dem Irak berichten und dort ansässig sind, aber auch an den irakischen Kollegen, die für deutsche oder andere ausländische Medien vor Ort arbeiten. Da die Sicherheitslage in den vergangenen Jahren alles andere überschattete, war die Konzentration darauf nur natürlich. Schulungen und Workshops waren entsprechend ausgerichtet. Themenfelder wie Wirtschaft, Gesellschaft und Lifestyle wurden weitgehend ausgeblendet. Dies gilt für die Berichterstattung in den ausländischen wie in den inländischen Medien. Nur der Sport und hier vor allem Fußball hatte in den irakischen Medien immer einen festen Platz.

Es wird also künftig eine Spezialisierung und Differenzierung bei den Journalisten im Irak einsetzen, Experten für bestimmte Themenbereiche müssen sich herausbilden. Journalisten, die bislang über alles berichteten, werden sich auf bestimmte Themenfelder konzentrieren. Dafür brauchen sie Rat und Training. Der Austausch mit anderen, auch ausländischen Kollegen sei hier existenziell nach so vielen Jahren in einer geschlossenen Gesellschaft mit Krieg und Embargo. "Bitte geht ihr jetzt nicht auch weg", hört man irakische Journalisten derzeit vermehrt sagen.

In die Debatte um ein Pressegesetz ist in den vergangenen Wochen Bewegung geraten. Parlamentspräsident Usama al Nijaifi gab bekannt, dass die Verabschiedung ganz oben auf der Agenda der Volksvertretung in Bagdad stünde. Der Gesetzesentwurf wurde vom irakischen Journalistenverband erarbeitet. Bei einem Treffen mit dessen Vorsitzenden sagte al Nijaifi, er selbst werde sich nach Kräften dafür einsetzen, dass der Entwurf zügig verabschiedet werde. "Sie können es praktisch als verabschiedet betrachten."