APUZ Dossier Bild

21.1.2011 | Von:
Valur Ingimundarson

Die Kartierung der Arktis: Bodenschätze, Großmachtpolitik und multilaterale Governance

Schätzungen über die Rohstoffvorkommen

Laut US Geological Survey birgt die Arktis 30 Prozent der unerschlossenen Gas- und 13 Prozent der unerschlossenen Ölvorkommen. Etwa 85 Prozent der Gas- und Ölressourcen befinden sich in Offshore-Gebieten, also außerhalb der Küstengewässer,[1] wobei ein Großteil des Gases auf russischem Territorium und der Hauptteil des Öls in Alaska, Kanada und Grönland lagert. Man geht davon aus, dass Eurasien über etwa 63 Prozent der gesamten arktischen Rohstoffe verfügt und Nordamerika über etwa 36 Prozent. Auch wenn russische Forscher behaupten, dass die Arktis in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts zur wichtigsten ölproduzierenden Region werde,[2] werden die arktischen Vorkommen generell als nicht groß genug eingeschätzt, um den Schwerpunkt der Produktion aus dem Nahen Osten zu verlagern.[3]

Der Optimismus, mit dem man noch vor ein paar Jahren dem kurzfristigen Abbau der arktischen Bodenschätze entgegensah, ist heute deutlich gedämpfter. Obwohl sich der Ölpreis seit Beginn der globalen Wirtschaftskrise 2008 wieder erholt hat, ist das Potenzial der Ölförderung gegenüber dem der Gasförderung wegen der begrenzteren Vorkommen deutlich geringer. Die Arktis ist sehr reich an Gas und Flüssiggas, ihre Gewinnung wirft jedoch viele Probleme auf. Der Absatzmarkt für Gas ist weit entfernt, und der Transport von Gas ist über längere Distanzen wesentlich teurer als der von Öl.[4] Außerdem stellt die "Schiefergasrevolution" in den USA, die trotz aller Bedenken in puncto Umweltverträglichkeit auf Europa übergreifen könnte,[5] die Zukunftsfähigkeit der arktischen Offshore-Gasförderung bereits jetzt in Frage. Durch Schiefergas ist in den USA nicht nur die Nachfrage nach Flüssiggas-Importen drastisch gesunken, sondern es hat auch die Größe des Weltmarktes verändert.

Diese Entwicklung hat die Preise von Flüssiggas relativ niedrig gehalten, und es stellt sich die Frage, ob der Abbau gewaltiger arktischer Gasvorkommen wie etwa im Shtokman-Feld in der Barentssee profitabel ist - hier handelt es sich um ein Projekt des russischen Energieunternehmens Gazprom mit seinen französischen und norwegischen Partnern Total und Statoil, das 2010 aber um mindestens drei Jahre aufgeschoben wurde. Bei den gegenwärtigen Gaspreisen rentiert es sich nicht,[6] und die Zukunft ist ungewiss. Ähnlichen Schwierigkeiten könnte sich Russland bei den Gasfeldern auf dem Festland der Jamal-Halbinsel gegenübersehen, die als erste erschlossen werden sollen.[7] Da schon heute 20 Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts und 22 Prozent der russischen Exportgüter in der Arktis produziert werden, steht viel auf dem Spiel. Das politische Desaster, das auf die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko 2010 folgte, dürfte das Interesse an der Offshore-Ölförderung nicht nur wesentlich geschmälert, sondern diese aufgrund umwelttechnischer Bedenken auch stark verteuert haben.

Die wachsende europäische Nachfrage nach Erdgas, die schrumpfenden Gasvorkommen in der Nordsee und in Russland sowie die enttäuschenden Resultate bei der Erkundung und Erschließung von Schiefergas in Europa sind zwar durchaus Anreize, die russischen Gasressourcen in der Arktis zu erschließen, aber nichtsdestotrotz wären damit erhebliche Kosten und Risiken sowie lange Vorlaufzeiten verbunden. Auch vor dem Hintergrund des Potenzials der Schiefergasvorkommen könnte es also sein, dass eher die leichter zugänglichen Öl- und Gasvorkommen außerhalb der Arktis erschlossen werden.

Fußnoten

1.
Vgl. US Geological Survey, Circum-Arctic Resource Appraisal: Estimates of Undiscovered Oil and Gas North of the Arctic Circle, Washington, DC 2008.
2.
Vgl. Aleksei E. Kontorovich et al., Geology and hydrocarbon resources in the Russian Arctic seas and their prospects of their development, in: Russian Geology and Geophysics, (2010) 1, S. 11.
3.
Vgl. US Geological Survey (Anm. 1).
4.
Vgl. US Energy Information Administration, Arctic Oil and Natural Gas Potential, Washington, DC October 2009, online: www.eia.doe.gov/oiaf/analysispaper/
arctic/index.html (3.1.2011).
5.
1990 machte unkonventionelles Gas (Schiefergas, Flözgas und Gas aus dichten Gesteinsformationen) zehn Prozent der gesamten Produktion in den USA aus. Heute sind es bereits 40 Prozent, vor allem durch das Schiefergas. Das Potenzial der "Schiefergasrevolution" wurde erst 2007 deutlich, seit 2009 nimmt auch die Politik davon Notiz. Bereits heute verändert sie die Energieperspektive in den USA, und auch die weltweite Gasbilanz könnte davon beeinflusst werden. Vgl. Daniel Yergin/Robert Ineson, America's Natural Gas Revolution, 2.11.2009, online: http://online.wsj.com/article/SB10001
42405274870339920457
4507440795971268.html (3.1.2011).
6.
Vgl. Paal Sigurd Hilde, Norway and the Arctic: The End of Dreams?, 11.3.2010, online: www.atlantic-community.org (3.1.2011).
7.
Vgl. Katarzyna Zysk, Russia's Arctic Strategy: Ambitions and Constraints, in: Joint Force Quarterly, (2010) 57, S. 104f.