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21.1.2011 | Von:
Matthias Hannemann

"North to the Future" - die Arktis und die Medien

Traum und Wirklichkeit

Doch merkwürdig: Trotz alledem blieb fast unbemerkt, dass der "Kalte Krieg am Nordpol" vorerst abgesagt wurde - noch vor dem russischen PR-Coup am Nordpol. Über ein Treffen zwischen Norwegen und Russland etwa im Juni 2007, bei dem der seit Jahrzehnten umstrittene Grenzverlauf in der Barentssee zur Sprache kam, heißt es in einem der von "Wikileaks" veröffentlichten Botschaftsberichte: (Premierminister Jens) "Stoltenberg's visit was primarily characterized by some successes for Norway's High North priorities, including resolution of a small part of Norway's disputed sea-border with Russia and new Russian commitments on safety and economic development of the Barents Sea region. This result will likely encourage the government to continue Norway's enthusiastically positive approach to Russia."[8] Viel bekam Europa davon aber nicht mit, trotz begleitender Pressegespräche.

Die öffentlichen Reaktionen fielen auch überaus knapp aus, als das norwegisch-russische, seit Jahren geführte Gespräch 2010 zu einem Abkommen gereichte. Gelegentlich wurde auf den Durchbruch gar erst mit Verspätung eingegangen: "In der vergangenen Woche unterzeichneten die Außenminister der beiden Länder in Murmansk ein Abkommen, das den mehr als 40 Jahre alten Streit um den genauen Verlauf der Grenze in der Barentssee und im Polarmeer beilegt."[9] Zu einer Berichterstattung rang sich nur ein Häuflein Enthusiasten, zu einer Kommentierung so gut wie niemand durch. Gewiss hat die mediale Zurückhaltung damit zu tun, dass das Abkommen von den Parlamenten erst noch abgesegnet werden muss. Doch die Furcht vor Russland sitzt tief, ob ein politisches Tauwetter eintritt, ist wohl noch schwieriger zu prognostizieren als die Klima-Entwicklung. Russische Dialogangebote erscheinen als "eiskalte Charmeoffensive",[10] solange militärische Machtdemonstrationen in der Arktis bleiben, und die norwegisch-russische Problematik ist nur eine von vielen Streitfragen in einer Region, deren Wert künftig gleichermaßen durch ihre Rohstoffe wie die Möglichkeit neuer Handelswege definiert wird.

Die Zurückhaltung entspricht allerdings der auch sonst zu bemerkenden Verweigerung der Öffentlichkeit, aktiv nach tragfähigen politischen Konzepten für den absehbaren Bedeutungzuwachs der Länder des Nordens zu suchen[11] und die Erschließung der Arktis kritisch zu begleiten. Die mediale Öffentlichkeit schwelgt im Spektakulären. Sie goutiert Geschichten, die wie eh und je, wenn vom "Norden" die Rede ist, vom Abenteuerlichen, Pionierhaften und Riskanten erzählen. Wohl bemerkt sie Schlagzeilen wie "Klimawandel lässt auf Grönland Erdbeeren gedeihen",[12] sie speichert auch die Bilder, die Umweltaktivisten auf Ölplattformen vor Grönland produzieren. Sie weigert sich aber standhaft, den "Traum vom Aufbruch"[13] als solchen zu erkennen, nach der Wirklichkeit zu suchen und Stellung zu den unterschiedlichsten, allesamt im Internet[14] und in Sachbüchern[15] nachlesbaren Arktis-Strategien zu beziehen - geschweige denn Verständnis für Russland aufzubringen, das die längste arktische Grenze und ein entsprechend ausgeprägtes Selbstbewusstsein im Norden hat. Wer weiß schon, dass sich auch die Europäische Union sehr konkret über die Arktis Gedanken macht?

An mangelnder Transparenz liegt das nicht. Alle Strategiepapiere sind öffentlich zugänglich. Von einer Debatte, wie man den industriellen Aufbruch im "Hohen Norden" ökologisch verantwortbar gestalten könnte, ist gleichwohl nichts zu merken. Entzieht sich der Norden vielleicht noch immer unserer Vorstellungskraft? Vilhjalmur Stefansson konstatierte schon 1928: "Die Probleme des Nordens sind noch nie verstanden worden, denn sie gehören nicht der Vergangenheit, sondern der Zukunft an."[16] Die Vorstellung, im Norden eines Tages tatsächlich angekommen zu sein, könnte der westlichen Welt allerdings auch schlichtweg zu unangenehm sein: North to the Future! Und dann?

Fußnoten

8.
Zit. nach: www.aftenposten.no (Anm. 1).
9.
Teileinigung im Streit um die Bodenschätze, in: FAZ vom 18.9.2010.
10.
Spiegel Online, 22.9.2010.
11.
Vgl. Laurence C. Smith, The World in 2050. Four Forces Shaping Civilization's Northern Future, London 2010.
12.
Die Welt vom 14.9.2010.
13.
Matthias Hannemann, Der neue Norden. Die Arktis und der Traum vom Aufbruch, Frankfurt/M. 2010.
14.
Etwa unter www.geopoliticsnorth.org (5.1.2011).
15.
Vgl. C. Seidler (Anm. 6); Charles Emmerson, The Future History of The Arctic, London 2010.
16.
Vilhjalmur Stefansson, Neuland im Norden, Leipzig 1928.