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18.1.2011 | Von:
Stefan Marschall

Wahlen, Wähler, Wahl-O-Mat

Wahl-O-Mat und sich wandelndes Wahlverhalten

Dem Wahl-O-Mat und den baugleichen Tools kommen Trends im Wahlverhalten entgegen, die in den vergangenen Jahren, mitunter Jahrzehnten zu beobachten sind. Insbesondere zur Frage, welche Faktoren wie auf die Wahlentscheidung wirken, liegen aufschlussreiche Befunde der Wahl- und Einstellungsforschung vor, welche die künftige Rolle der VAAs in einem für diese günstigen Licht erscheinen lassen.

Im klassischen Ann-Arbor- oder Michigan-Modell, dem "wichtigste(n) Paradigma der empirischen Wahlforschung",[2] werden drei Faktoren identifiziert, die auf die Wahlentscheidung einwirken:[3] erstens die Parteiidentifikation, also die langfristig stabile und affektive Bindung an eine Partei. Die Parteiidentifikation ist verbunden mit einer hohen Bereitschaft, zur Wahl zu gehen; sie entsteht im Rahmen von Sozialisationsprozessen und/oder durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe. Zweitens wäre die Kandidatenorientierung zu nennen, also die Einschätzung der zur Wahl stehenden Personen und ihrer Kompetenzen. Zum Kandidatenimage gehören sowohl Persönlichkeitseigenschaften (Ausstrahlung und Attraktivität) als auch politisch relevante Facetten, insbesondere die unterstellte Problemlösungskompetenz sowie das Gesamturteil über die Kandidaten.[4] Der Kandidatenorientierung wird aufgrund der Personalisierungstendenzen in "Mediendemokratien" eine zunehmende Bedeutung attestiert. Dritter Faktor ist die Sachfrageorientierung, also die Ausrichtung der Wahlentscheidung an politischen Themen (issues) und den entsprechenden Angeboten der Parteien. Wichtig ist bei der Sachfrageorientierung das Konzept der issue salience:[5] Nicht alle Themen sind für die Bürgerinnen und Bürger von gleichem Interesse; vielmehr werden seitens der Wählerschaft individuell verschieden bestimmten Sachfragen eine besondere Bedeutung (salience/Salienz) zugeschrieben. Die Parteiidentifikation hat Auswirkungen auf die Effektivität der anderen beiden kurzfristig wirkenden Faktoren. So werden beispielsweise Personen mit einer klaren Parteipräferenz die Kandidaten "ihrer" Partei positiver wahrnehmen als die Kandidaten der anderen Parteien.[6] Ohnehin gilt die Parteiidentifikation als der Faktor, der (immer noch) am besten in der Lage ist zu erklären, wer welche Partei wählt.[7]

In den westlichen Demokratien ist in den vergangenen Jahrzehnten parallel zu einem Rückgang der Mitgliedschaften in den Parteien eine Abnahme der Parteiidentifikation diagnostiziert worden.[8] Auch in Deutschland ist der Anteil derjenigen Bürger, die eine langfristig stabile Bindung zu einer Partei aufgebaut haben, im Sinken begriffen, wenngleich eine Mehrheit der Wähler noch eine zumindest schwache Parteiidentifikation aufweist.[9] Zur Erklärung der abnehmenden Parteibindung wird auf die Auflösung der traditionellen gesellschaftlichen parteigebundenen Milieus sowie auf die Bildungsexpansion verwiesen. Eine rückläufige Parteiidentifikation hat einen Anstieg der "Volatilität" zur Folge, also des Trends, von Wahl zu Wahl für unterschiedliche Parteien zu stimmen. In der Tat ist die Anzahl der Wechselwähler gestiegen.[10] Auch hat die Zahl derjenigen zugenommen, die kurz vor einer Wahl noch nicht zu einer abschließenden Entscheidung gelangt sind. Bei der Bundestagswahl 2009 waren noch eine Woche vor der Wahl 15 Prozent (2005: 11 Prozent) unsicher, was ihre Wahlentscheidung betraf, und 26 Prozent (2005: 21 Prozent) gaben an, dass sie nicht zur Wahl gehen würden oder noch nicht wüssten, ob und wen sie wählen werden.[11]

Abnehmende Parteiidentifikation geht einher mit sinkender Wahlbeteiligung. Zwar bewegt sich letztere - zumindest bei Bundestagswahlen - noch immer auf einem im europäischen Vergleich betrachtet hohen Niveau. Nichtsdestoweniger lässt sich bei Bundestagswahlen insgesamt, aber noch deutlicher bei Landtagswahlen seit den 1980er Jahren ein Rückgang der Wahlbeteiligung beobachten.[12] Nimmt die Parteiidentifikation ab, werden dem erwähnten Modell zufolge die Faktoren Kandidaten- und Sachorientierung für die Wahlentscheidung relevanter. Hierbei handelt es sich um Orientierungspunkte, die kurzfristig - auch auf die Bereitschaft zur Wahlbeteiligung - wirken können.

Wie lassen sich nun VAAs wie der Wahl-O-Mat in diese Entwicklungen einsortieren? Der Wahl-O-Mat ist wie seine Schwester-Tools eine Applikation, welche ausschließlich politische Positionen beziehungsweise Sachfragen, also issues, in den Vordergrund stellt: Knapp 40 Thesen zu politischen Fragen, die im Wahlkampf eine Rolle spielen, werden präsentiert. Zudem können die Nutzer ihre issue-Salienz zum Ausdruck bringen, indem sie vor der Berechnung des Ergebnisses die Thesen markieren, die ihnen persönlich besonders wichtig sind. Der Wahl-O-Mat blendet die Kandidatenfrage vollständig aus; es finden sich keine Hinweise auf die zur Wahl antretenden Personen; die Thesen sprechen ausschließlich Sach- und keine Personalfragen an.

Der Wahl-O-Mat senkt für eine issue-orientierte Wahlentscheidung die "Kosten", sich sachorientiert mit Parteiprogrammen auseinanderzusetzen und diese mit den eigenen Positionen abzugleichen: Zunächst erleichtert er die Informationsrecherche und bereitet Fragestellungen, die in Parteiprogrammen oder in der politischen Diskussion zu finden sind, in einer - so der Anspruch der Thesenentwicklung - verständlichen Art auf. Der Wahl-O-Mat nimmt schließlich auf der Grundlage der Antworten zu einer Reihe von issues einen komfortablen, einfachen und daher für den User leicht nachvollziehbaren Vergleich zwischen den eigenen Positionen und den Programmen der Parteien vor. Senkt der Wahl-O-Mat die Informationskosten und gibt er Orientierung für die Wahlentscheidung, müsste er auch einen Effekt auf die Wahlbeteiligung haben.[13] Die Bereitschaft, zur Wahl zu gehen, sollte folglich durch die Wahl-O-Mat-Nutzung erhöht werden.

Fußnoten

2.
Oscar W. Gabriel/Silke I. Keil/S. Isabell Thaidigsmann, Kandidatenorientierungen und Wahlentscheid bei der Bundestagswahl 2005, in: Oscar W. Gabriel/Bernhard Wessels/Jürgen W. Falter (Hrsg.), Wahlen und Wähler. Analysen aus Anlass der Bundestagswahl 2005, Wiesbaden 2009, S. 269.
3.
Vgl. Angus Campbell/Philip E. Converse/Warren E. Miller/Donald E. Stokes, The American Voter, New York 1960; Harald Schoen/Cornelia Weins, Der sozialpsychologische Ansatz zur Erklärung von Wahlverhalten, in: Jürgen W. Falter/Harald Schoen (Hrsg.), Handbuch Wahlforschung, Wiesbaden 2005.
4.
Vgl. Oscar W. Gabriel/Katja Neller, Kandidatenorientierungen und Wahlverhalten bei den Bundestagswahlen 1994-2002, in: Jürgen W. Falter/Oscar W. Gabriel/Bernhard Weßels (Hrsg.), Wahlen und Wähler. Analysen aus Anlass der Bundestagswahl 2002, Wiesbaden 2005, S. 222.
5.
Vgl. Patrick Fournier/André Blais/Richard Nadeau/Elisabeth Gidengil/Neil Nevitte, Issue Importance and Performance Voting, in: Political Behavior, 25 (2003) 1, S. 51-67.
6.
Vgl. Frank Brettschneider, Spitzenkandidaten und Wahlerfolg. Personalisierung - Kompetenz - Parteien. Ein internationaler Vergleich, Wiesbaden 2002, S. 102-107.
7.
Vgl. H. Schoen/C. Weins (Anm. 3), S. 217.
8.
Vgl. Russell J. Dalton/Martin P. Wattenberg (Hrsg.), Parties Without Partisans: Political Chance in Advanced Industrial Democracies, Oxford 2000.
9.
Bernhard Wessels, Re-Mobilisierung, "Floating" oder Abwanderung? Wechselwähler 2002 und 2005 im Vergleich, in: Frank Brettschneider/Oskar Niedermayer/Bernhard Wessels (Hrsg.), Die Bundestagswahl 2005: Analysen des Wahlkampfes und der Wahlergebnisse, Wiesbaden 2009.
10.
Vgl. Harald Schoen, Wechselwähler in den USA, Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland: Politisch versiert oder ignorant?, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, 35 (2004) 1, S. 99-112.
11.
Vgl. Forschungsgruppe Wahlen, Politbarometer September III 2009, online: www.forschungsgruppe.de/Umfragen_und_
Publikationen/Politbarometer/Archiv/
Politbarometer_2009/September_III (20.11.2010).
12.
Vgl. www.bundeswahlleiter.de (20.11.2010).
13.
Beispielsweise, wenn er auf die Unterschiede zwischen Parteien aufmerksam macht: Diese Unterschiede zu erkennen steigert die Bereitschaft, zur Wahl zu gehen; vgl. Thorsten Faas, Das fast vergessene Phänomen. Hintergründe der Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2009, in: Karl-Rudolf Korte (Hrsg.), Die Bundestagswahl 2009. Analysen der Wahl-, Parteien-, Kommunikations- und Regierungsforschung, Wiesbaden 2010.

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