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10.1.2011 | Von:
Uwe Hasebrink
Claudia Lampert

Kinder und Jugendliche im Web 2.0 - Befunde, Chancen und Risiken

Schlussfolgerungen

Die Ergebnisse verschiedener Studien zeigen, dass das Internet ein bedeutsamer Bestandteil der Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen ist. In den vergangenen Jahren haben insbesondere die Anwendungen des social web an Bedeutung für die Auseinandersetzung mit sich selbst, den Aufbau und die Pflege sozialer Beziehungen sowie die Informationssuche an Bedeutung gewonnen. Positiv betrachtet, eröffnen die Möglichkeiten des social web kommunikative Erfahrungs- und Handlungsräume, in denen sich Heranwachsende mit zentralen Entwicklungsaufgaben auseinandersetzen. Dabei bleibt es jedoch nicht aus, dass sie auch unangenehme Erfahrungen machen, sei es, dass sie auf problematische Inhalte stoßen oder ihr Onlineverhalten negative und unerwünschte Wirkungen mit sich bringt, weil sie zum Beispiel die Reichweite und die Öffentlichkeit, die Nachhaltigkeit oder die (Eigen-)Dynamik des Internets unterschätzt haben.

Folgende Handlungsempfehlungen lassen sich daraus ableiten: Mit Blick auf die Anbieter von social-web-Angeboten ist anzuregen, die Anwendungen derart zu gestalten, dass insbesondere für unerfahrene Einsteiger die Reichweite und die Konsequenzen ihres Onlinehandelns (z.B. Preisgabe von persönlichen Informationen, Einstellen von Bildern) transparent bzw. absehbar bleiben. Die zitierten Studien verweisen darauf, dass rund ein Drittel der Kinder und Jugendlichen keine besonderen privacy-Einstellungen vornimmt. Entsprechend ist zu fordern, dass die Voreinstellungen so eingerichtet sind, dass maximale Privatsphäre der Ausgangspunkt ist und die Nutzer entscheiden können, ob sie ihre Inhalte für die Öffentlichkeit freigeben wollen.

Veränderungen auf der Anbieterseite sind selbstverständlich nicht hinreichend. Kinder und Jugendliche benötigen Unterstützung und Orientierungshilfen, um sie in die Lage zu versetzen, die Chancen, die ihnen das Internet und das social web bieten, zu nutzen und die Risiken möglichst gering zu halten. Angesprochen sind in diesem Zusammenhang einerseits die Eltern, die insbesondere den jüngeren Kindern den Zugang ins Netz erst ermöglichen. Oft zeigen diese sich jedoch von den an sie gestellten Anforderungen bezüglich der Medienerziehung überfordert. Insofern stellt sich die Aufgabe der Medienkompetenzförderung allgemein, aber mit Fokus auf das social web auch für die Schule, um insbesondere die Kinder zu unterstützen, die zu Hause keine Hilfe erwarten können.

Die Herausforderung wird künftig noch mehr darin bestehen, neben klassischen Fähigkeiten, die im Allgemeinen unter dem Begriff "Medienkompetenz"[16] subsumiert werden, den Blick verstärkt auf die sozialen Kompetenzen zu richten, da diese im Kontext des social web an Bedeutung gewinnen. Diese können sich wiederum nur im Dialog entwickeln. Erfolg versprechend sind vor allem solche Ansätze, die den Heranwachsenden, aber auch Eltern und Pädagogen einerseits Wissen über die Angebote vermitteln, andererseits aber auch die Möglichkeit bieten, eigene Erfahrungen und Sichtweisen zu diskutieren und zu reflektieren.[17]

Unter anderem vom "GoodPlay Project" an der Harvard University wurde hierzu 2009 ein "Cross-Generational Dialogue on the Ethics of Digital Life" erprobt, in dem Eltern, Lehrer und Schüler drei Wochen lang online über zentrale Themen der Online-Kommunikation wie Identität im Netz, Privatheit, Glaubwürdigkeit und Partizipation diskutierten. Diese Form des Dialogs kann Heranwachsende darin unterstützen, die Art von sozialen Kompetenzen und Verantwortung zu erwerben, die sie als digital citizen benötigen: "Achieving an age of ethical digital citizenship will not happen through adults prescribing behavior, nor through self-navigation and negotiation by teens, but rather only through an intentional meeting in mind."[18]

Sinnvoll erscheinen auch peer-to-peer-Ansätze, bei denen Jugendliche selbst als Rollenvorbilder oder Ansprechpartner fungieren. Exemplarisch für ein Online-Angebot von Jugendlichen für Jugendliche sei die Online-Plattform No Titel genannt,[19] die einerseits ein Forum und Beratungsangebote bereitstellt und darüber hinaus auch die Möglichkeit bietet, auf problematische Angebote hinzuweisen, die dann von den Anbietern überprüft werden. Ungeachtet dieser Projektbeispiele kann Medienkompetenzförderung jedoch letztendlich nur dann erfolgreich und nachhaltig sein, wenn alle relevanten Akteure, also Eltern, Lehrer, Anbieter und Nutzer einbezogen werden.

Fußnoten

16.
Hierzu zählen nach Dieter Baacke die Teildimensionen Medienkritik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung. Vgl. Dieter Baacke, Medienkompetenz als Netzwerk. Reichweite und Fokussierung eines Begriffs, der Konjunktur hat, in: Medien praktisch, (1996) 2, S. 4-10.
17.
Vgl. U. Wagner/N. Brüggen/C. Gebel (Anm. 11).
18.
Rafi Santo et al., Meeting of Minds: Cross-Generational Dialogue on the Ethics of Digital Life, October 2009, S. 18, online: http://dmlcentral.net/sites/all/files/
resource_files/meetingofminds.pdf (16.12.2010).
19.
Das seit September 2009 bestehende Angebot wird von vier Landesmedienanstalten gefördert.