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28.12.2010 | Von:
Axel Honneth

Verwilderungen. Kampf um Anerkennung im frühen 21. Jahrhundert

Ausdrucksformen des sozialen Konflikts

Das Streben nach Selbstachtung durch die Gesellschaft stirbt ja nicht einfach ab, sobald einmal keine normativ regulierten Sphären für seine verlässliche Befriedigung vorhanden sind, aber es kann sich an kein legitimierendes Prinzip anlehnen, wird also eigentümlich ortlos und begibt sich auf die Suche nach alternativen Formen der Entäußerung. Wir können diese gesellschaftliche Lage als eine soziale Pathologie bezeichnen: Für diejenigen, die vom Zugang zu den etablierten Anerkennungssphären abgeschnitten sind, bedeutet eine derartige Situation, über keine Wege mehr zu verfügen, um Selbstachtung aus der Partizipation am gesellschaftlichen Leben zu schöpfen. Ein Teil des Kampfes um Anerkennung, nämlich derjenige, der von unten, von den Mitgliedern der sogenannten "Unterklasse", geführt wird, findet daher heute in der verwilderten Form eines bloßen Erkämpfens von öffentlicher Sichtbarkeit oder kompensatorischem Respekt statt: Weil man in die gesellschaftlich sanktionierten Arenen des Achtungserwerbs nicht mehr einbezogen ist, gilt es, vor deren Pforten mit nicht-normierten Mitteln soziale Anerkennung zu erstreiten. Jeder sozialen Rechtfertigbarkeit verlustig gegangen, jeder geteilten Symbolisierung entkleidet, nehmen solche Formen des Kampfes um Anerkennung häufig die bizarrsten Gestalten an. Sie finden sich in den heute massenhaft unternommenen Versuchen, die eigene Unsichtbarkeit in Augenblicken einer obszönen Präsenz in den Medien abzustreifen, verkörpern sich in Gegenkulturen des Respekts, in denen gesellschaftlich abgekoppelte Anerkennungsregeln herrschen, und sind selbst dort noch zu vermuten, wo Jugendliche in den Banlieus durch gewaltförmige Aktionen soziale Aufmerksamkeit erregen wollen.

Aber nicht nur in den Schichten der "Überflüssigen" und Ausgeschlossenen haben sich die Ausdrucksformen des sozialen Konflikts erheblich verändert. Auch in den beiden Großgruppen, die in die sozial etablierten Anerkennungssphären heute noch integriert sind, herrschen inzwischen gewisse Tendenzen einer Verwilderung des Kampfes um Anerkennung vor. Die "Gewinner" des neoliberalen Strukturwandels des Kapitalismus haben es in den letzten Jahrzehnten erfolgreich vermocht, die zentralen Standards der Sphären des Rechts und der Wirtschaft semantisch so umzudeuten, dass sie in ihrer normativen Lesart beinah ausschließlich auf die jeweils eigenen Erwerbschancen zugeschnitten sind. Das Prinzip der subjektiven Rechte hat auf diesem Weg seinen einbeziehenden Sinn verloren und ist weitgehend zu einem Instrument der Abwehr von statusbedrohenden Ansprüchen geworden. Über Rechte zu verfügen bedeutet immer weniger, sich einer wechselseitig eingeräumten Ermächtigung zur individuellen Freiheit zu erfreuen, sondern beinhaltet vor allem, die Begehrlichkeiten anderer mit legitimen Mitteln zurückweisen zu können.

Ähnlich ist es dem Leistungsprinzip ergangen: Einst von bürgerlichen Schichten als moralisches Bollwerk gegen das unverdiente, leistungslos erworbene Vermögen der Aristokratie aus der Taufe gehoben, ist dieses Anerkennungsprinzip mittels ideologischer Kampagnen so uminterpretiert worden, dass es nicht mehr Fähigkeiten und tatsächlichen Aufwand, sondern nur noch den monetären Berufserfolg und die faktische Einkommenshöhe zu honorieren scheint. Auch hier hat mithin der tragende Grundsatz inzwischen jede Bedeutung einer moralischen Regel verloren, ist nicht mehr gesellschaftlicher Garant eines prinzipiellen Anspruchs auf Anerkennung der eigenen Leistung, sondern Stützpunkt eines Abwehrkampfes gegenüber Forderungen von unten. Ein trauriges Zeugnis dieser Entwicklung legen auch die Kampagnen gegen die "Nutzlosen" und "Faulen" ab, mit denen in jüngster Zeit versucht wurde, jede gesellschaftliche Verantwortung für das massenhafte Scheitern in der Sphäre der Wirtschaft abzuweisen. Für diejenigen, die zwar über alle Bürgerrechte verfügen, deren Erwerbspositionen aber mittlerweile prekär geworden sind, bedeuten diese semantischen Entleerungen der institutionell verankerten Anerkennungsprinzipien, dass sie keine Chance mehr besitzen, Statusansprüche unter Rückgriff auf gemeinsam akzeptierte Normen geltend zu machen. Sie haben unter den Bedingungen einseitig verzerrter Anerkennungsnormen keine legitimen Mittel mehr an der Hand, diese in öffentlich einklagbare Ansprüche umzumünzen.

Welche Sektoren des gesellschaftlichen Lebens wir auch immer zur Kenntnis nehmen, überall beginnen sich Tendenzen einer Verwilderung des sozialen Konflikts breit zu machen. Die institutionalisierten Sphären der wechselseitigen Anerkennung scheinen an ihren Rändern wie zugemauert und in ihrem Inneren jedes allgemeinen, achtungssichernden Prinzips beraubt. Immer mehr Gesellschaftsmitglieder sind auf kompensatorische, nicht-öffentliche Wege des Erwerbs der Selbstachtung angewiesen. Verwildert ist heute der soziale Konflikt demnach, weil der Kampf um Anerkennung in den vergangenen Jahrzehnten seiner moralischen Grundlagen so stark verlustig gegangen ist, dass er sich in einen Schauplatz unkontrolliert wuchernder Selbstbehauptung verwandelt hat.