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12.12.2011 | Von:
Andrew B. Denison

Zwischen Wyoming und Washington: Die Republikaner 2012

Republikanische Geschichten

Als Abraham Lincoln 1861 ins Weiße Haus einzog, war Wyoming eher noch unter indianischer als unter republikanischer Kontrolle. Der "Befreier der Sklaven" war zwar kein Konservativer, aber er war der erste republikanische Präsident (1861-1865). Nach dem gewonnenen Bürgerkrieg setzte seine Regierung die demobilisierten Soldaten ein, um die erste transkontinentale Eisenbahn zu bauen. Diese öffnete die frontier, einte das Land und brachte Amerika auf den Weg zur Weltmacht. Zehntausende Eisenbahnbautrupps zogen 1868 durch Wyoming, um Ost- und Westküste per Schiene zu verbinden. Heute würde der Durchschnittsrepublikaner seinem Staat nicht trauen, so ein Projekt zu organisieren.

Es folgte eine lange Ära republikanischer Vorherrschaft, die erst von der großen Wirtschaftskrise ab 1929 vorübergehend beendet wurde. Der demokratische Präsident Franklin D. Roosevelt (1933-1945), ein reicher linksliberaler Patrizier des Bundesstaats New York, schmiedete eine Koalition mit Süddemokraten, wobei die Bürgerrechte der Schwarzen ausgeblendet blieben. Schließlich gab es Arbeitsplätze zu schaffen und einen Weltkrieg zu gewinnen. Erst Ende der 1950er Jahre begann diese demokratische New-Deal-Koalition zu bröckeln, als die Frage der Bürgerrechte wieder politisch brisant wurde.

Der Republikaner Dwight D. Eisenhower (1953-1961) bildete die Ausnahme von der Regel. Er hätte auch Demokrat sein können - er rüstete ab und baute das National System of Interstate and Defense Highways auf. Wyoming profitierte mal wieder von einer republikanischen Regierung, als Staatsgeld und Bautrupps die "Interstate 80" durch die hohe Prärie zogen. Seither prägen die gigantischen semi trucks das Bild Wyomings. Als Transitstaat für Bürgerrechtler, später Hippies und Friedensbewegte, bekamen die Bürger Wyomings Mitte der 1960er Jahre Kulturwandel des Landes mit, den sie überwiegend als unangenehm empfanden. Aus dem Unbehangen diesem Wandel gegenüber erwuchs die Stärke der Republikaner, während sich die Demokraten über Bürgerrechte für Schwarze und Frieden in Vietnam entzweiten. Die Republikaner fanden vor allem in den Südstaaten neue Sympathisanten, aber auch unter sozialkonservativen Arbeitern und sogar bei den Gewerkschaften.

Richard Nixon (1969-1974) beendete den Vietnam-Krieg, etablierte auch die erste Umweltbehörde der USA, missbrauchte seine Macht aber auf eine Weise, die der Vokabel "Amtsmissbrauch" ganz neue Bedeutung verlieh (Watergate-Affäre). Nach Nixons Rücktritt im August 1974 übernahm sein Vize Gerald Ford die Zügel (bis 1977). Als seinen Stabschef, der die Geschäfte im Weißen Haus koordinieren sollte, engagierte Ford den 32-jährigen Richard (Dick) Cheney. Der in Casper, Wyoming aufgewachsene Politikwissenschaftler war damit innerhalb von nur fünf Jahren in Washington vom Praktikanten in den innersten Zirkel der Macht aufgestiegen. 1977 wurde der Demokrat Jimmy Carter Präsident (bis 1981); Dick Cheney ließ sich kurz darauf als Vertreter Wyomings ins Repräsentantenhaus wählen. Die demokratische Mehrheit flaute jedoch rasch wieder ab, als das Land unter Ronald Reagan (1981-1988) eine republikanische Renaissance erlebte. Cheney war nicht der einzige einflussreiche Vertreter Wyomings in dieser Zeit. 1978 in den Senat gewählt, ging Allen K. Simpson, der aus einer etablierten Politikerfamilie Wyomings stammte, nach Washington und wurde zu einem der erfolgreichsten Senatoren der nächsten zwei Jahrzehnte. Seinen ersten großen legislativen Erfolg erlangte er 1985 mit einer überparteilichen, sehr fortschrittlichen Einwanderungsreform, dem "Simpson-Mazzoli-Gesetz". Von 1985 bis 1995 war er Minderheitsführer im Senat. Auch Cheney stieg weiter auf: Reagans Nachfolger George H.W. Bush (1989-1993) machte ihn zum Verteidigungsminister, als welcher er das Ende des Kalten Krieges und die Befreiung Kuwaits mitgestaltete.

Nach acht Jahren Bill Clinton (1993-2001) zogen erneut die Republikaner ins Weiße Haus, dieses Mal unter George W. Bush (2001-2009) und Dick Cheney als Vizepräsident. Bush senkte die Steuern für Wohlhabende, verabschiedete einen sehr teuren Medikamentenzuschuss für Senioren, zog nach dem 11. September 2001 in einen langen Krieg, schaute 2005 zu, wie Hurrikan "Katrina" New Orleans verwüstete, duldete einen enormen Anstieg der Staatsschulden und erlebte am Ende seiner Amtszeit, wie die amerikanische Wirtschaft abstürzte. Meinungsumfragen zeigten nur noch 33 Prozent Unterstützung für Bush. Nur der abtretende Vize Dick Cheney durfte einen Heldenempfang erleben, als er von Washington nach Wyoming zurückkehrte.[2]

Die Republikaner sind in vielerlei Hinsicht wie Dick Cheney: streng, kämpferisch, und in besonderer Sorge was innere und äußere Feinde Amerikas angeht. Cheney ist der Falke unter den Falken. Wie viele einflussreiche Republikaner ist er auch ein Mann der Energieindustrie, deren Freunde in der Politik immer wieder behaupten, eine Erhöhung der Energiesteuern koste nur Arbeitsplätze. Gleichzeitig gibt es Republikaner, die der Macht, insbesondere der Staatsmacht, zutiefst misstrauen. Der Rancher, der Nachfolger des Pioniers, genießt die Freiheit des offenen Landes, meint, der Staat wolle ihn nur ausbeuten, den Machtinteressen der Ostküste auf seine Kosten dienen. Zugleich gibt es auch Republikaner, die dem Staat misstrauen, weil sie meinen, er sei zu liberal: Er tue nichts gegen Abtreibung, verbiete Privatclubs, die Schwarzen oder Frauen den Zutritt verweigern, erlaube die Homo-Ehe, verbiete das Gebet in der Schule, begrenze die Todesstrafe. Und schließlich gibt es natürlich auch liberale Republikaner wie Allen Simpson, der nach seinem Dienst im Senat viel überparteiliche Arbeit geleistet hat. Letztere trauen dem Staat - und den Demokraten - um einiges mehr als der Durchschnittsrepublikaner. Sie sind fähig, überparteiliche Koalitionen zu schmieden und pragmatisch zu regieren. Sie sind besonders beliebt unter den Wechselwählern und den Parteilosen. Für Tea-Party-Anhänger sind diese gemäßigten Republikaner allerdings oft schlimmer als die Demokraten selbst. Traditionell und modern, liberal und konservativ: Die Republikanische Partei zeigt sich vielseitig in Wyoming - aber auch verwundbar. So spotten Umweltschützer: "Republicans: Welfare Mining, Drilling, Ranching, Logging and Trucking." Diese führenden Wirtschaftszweige Wyomings wären nämlich ohne staatliches Land (48 Prozent) und staatliches Geld chancenlos.

Fußnoten

2.
Vgl. Matt Joyce/Ben Neary, Dick Cheney Returns to Standing Ovation in Wyoming, 26.11.2011, online: www.huffingtonpost.com (26.11.2011).