Anlässlich des 68. Unabhängigkeitstages Indonesiens am 17. August 2013 wird eine riesige Flagge über den Begawan Solo River gespannt.

5.3.2012 | Von:
Andreas Ufen

Politischer Islam in Indonesien seit 1998

Widerstandsfähige Demokratie

Der Soziologe Vedi Hadiz hat auf die in der Forschung häufig vernachlässigten Macht- und wirtschaftlichen Interessen muslimischer Akteure aufmerksam gemacht.[27] Ihm zufolge ist für die Islamisierung entscheidend, dass unter der "Neuen Ordnung", im Zuge des Erdölbooms und der nachfolgenden exportorientierten Industrialisierung neue Klassen entstanden sind (einheimische Bourgeoisie, Mittelklasse, Proletariat). Die Repression der politischen Linken habe dazu geführt, dass die Kritik an der autoritären kapitalistischen Transformation religiös ausgedrückt wird. Daraus lässt sich schließen, dass der politische Islam geschwächt wird, wenn der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit parteipolitisch adäquat artikuliert wird.

Die Religion wird auch in vielfacher Form unmittelbar instrumentalisiert. Michael Bühler[28] hat zum Beispiel gezeigt, dass die von der Scharia inspirierten Verordnungen auf lokaler Ebene häufig von säkularen Parteien durchgesetzt wurden. Die Einführung von Almosensteuern etwa scheint häufig einfach der Suche nach neuen Geldquellen geschuldet zu sein. Und das Beispiel der militanten FPI, der gute Beziehungen zur Polizei nachgesagt und Schutzgelderpressungen vorgeworfen werden, zeigt, dass islamistische Gewalt meistens nicht spontan entsteht, sondern gut organisiert ist: Die FPI ist aus Milizen hervorgegangen, die im November 1998 von konservativen, Suharto nahestehenden Kräften aufgestellt worden waren, um in erster Linie gegen Studenten vorzugehen, die für demokratische Reformen protestierten.[29]

Es ist anzunehmen, dass viele dieser Gruppierungen private Geldgeber und Unterstützer im staatlichen Verwaltungs- und Sicherheitsapparat haben. Entsprechend werden islamistisch-militante Gruppierungen oft nur halbherzig von den Sicherheitskräften verfolgt. Das gilt nicht für terroristische Gruppierungen, wohl aber für Gruppierungen, die Minoritäten (Homosexuelle, Christen, Mitglieder islamischer Sekten, Anhänger eines liberalen Islams) unter Druck setzen und zum Teil offen Gewalt einsetzen. Dabei können sie auch mit der Tolerierung durch Teile der politischen Eliten bis hinauf zur Ministerebene rechnen.

In Indonesien treffen gegenwärtig unterschiedliche Strömungen aufeinander: Auf der einen Seite gibt es starke, die Demokratisierung unterstützende Kräfte, die sich teils auf "westliche", teils auf einheimische Modelle beziehen. Auf der anderen Seite stehen radikale Islamisten, welche die liberale Demokratie ablehnen und die Errichtung eines Islamstaats oder Kalifats anstreben. Dazwischen positionieren sich moderate Islamisten wie jene der PKS, die sich den demokratischen Spielregeln beugen, also an Wahlen teilnehmen und Koalitionen selbst mit christlichen Parteien eingehen.

Der Islam in Indonesien ist als Folge der Demokratisierung seit 1998 und der beschleunigten Globalisierung vielfältiger und wandelbarer geworden. Die Demokratisierung hat insbesondere islamistischen Kräften neue Möglichkeiten zur Verbreitung ihrer Ideen gegeben, zugleich gelangen durch die Globalisierung immer mehr transnationale Einflüsse wie Pamphlete, Glaubensinterpretationen, Missionare oder Bildungsinstitutionen ins Land. Interreligiöse Spannungen scheinen zuzunehmen und islamistische Gruppierungen sind in ihrer Bedeutung enorm gewachsen. Dennoch wäre es unangemessen, die Lage zu dramatisieren, gibt es doch durchaus Hinweise darauf, dass bestimmte Formen eines radikalen Islams heute schwächer sind als in den ersten Jahren nach dem Sturz Suhartos. Außerdem dominieren in der Parteipolitik moderate Kräfte; selbst islamistische Parteien wie die PKS öffnen sich zusehends.

Vieles spricht dafür, dass Islamisten in diesem "Kulturkampf" und in den politischen Auseinandersetzungen nicht die Oberhand gewinnen. Auch eine sich als islamistisch definierende Außen- oder Wirtschaftspolitik existiert nicht; Demokratie und Marktwirtschaft sind die von der Mehrheit der Bevölkerung favorisierten Modelle. Und diese Demokratie ist trotz der Rückschläge etwa im Antikorruptionskampf und islamistischer Anfechtungen stabil.

Fußnoten

27.
Vgl. Vedi R. Hadiz, Indonesian Political Islam: Capitalist Development and the Legacies of the Cold War, in: Journal of Current Southeast Asian Affairs, 30 (2011) 1, S. 11.
28.
Vgl. Michael Bühler, Shari'a By-Laws in Indonesian Districts: An Indication for Changing Patterns of Power Accumulation and Political Corruption, in: South East Asia Research, 16 (2008) 2, S. 165-195.
29.
Vgl. Andrée Feillard/Rémy Madinier, The End of Innocence? Indonesian Islam and the temptations of radicalism, Honolulu 2011, S. 142.

Dossier Innerstaatliche Konflikte

Aceh

Der Friedensprozess in der indonesischen Provinz Aceh ist eine Erfolgsgeschichte. Seit 2005 gab es keine gewalttätigen Auseinandersetzungen mehr zwischen der heute als Partai Aceh regierenden Befreiungsbewegung und der indonesischen Zentralregierung. Bedenklich ist allerdings die Einführung islamisch-fundamentalistischer Gesetze und Vorschriften.

Mehr lesen