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Anlässlich des 68. Unabhängigkeitstages Indonesiens am 17. August 2013 wird eine riesige Flagge über den Begawan Solo River gespannt.

5.3.2012 | Von:
Gunnar Stange
Roman Patock
Kristina Großmann

Aceh nach Konflikt und Tsunami - Chancen und Herausforderungen

Erste Katastrophe: der Aceh-Konflikt (1976-2005)

Aceh Nanggroe Darussalam - das "Land des Friedens Aceh" - blickt auf eine lange, von Gewalt geprägte Geschichte zurück. Dem jüngsten Konflikt zwischen der "Bewegung freies Aceh" (GAM, Gerakan Aceh Merdeka) und dem indonesischen Zentralstaat von 1976 bis 2005 gingen der antikoloniale Widerstand gegen die Niederlande (1873-1942), die sogenannte soziale Revolution (1945/46) und die islamische Rebellion der Darul-Islam-Bewegung (1953-1959) voraus. Die Geschichte Acehs als politisch, kulturell, wirtschaftlich eigenständiges und wehrhaftes islamisches Reich hat dessen Selbstverständnis geprägt und verschiedene Opfermythen geformt, die als legitimatorische Basis des von der GAM begründeten Sezessionismus gelten können.[2] Die große Geschichte des historischen Sultanats Aceh, seine Bedeutung als islamisches Zentrum und "Veranda Mekkas" sowie der lange antikoloniale Widerstand sind nicht nur Bestandteile einer Selbstkonstruktion, derzufolge man im Glauben unbesiegt und frei geblieben sei, sondern fügen sich auch in das Bild heldenhaften islamischen Märtyrertums. Sowohl die gescheiterte Verankerung eines islamischen Staatsprinzips in der indonesischen Verfassung 1945 als auch der Verlust eines eigenen Provinzstatus 1951 verletzten dieses Selbstverständnis grundlegend.

Die 1959 gewährte Sonderautonomie der Provinz wurde mit der Entwicklungsdiktatur unter Präsident Suharto in den 1970er Jahren bereits wieder aufgeweicht. Die staatliche Zentralisierung auf Java, die Kooptierung acehischer Eliten und die forcierte Migration zahlreicher Javaner nach Aceh nährten die Empfindung eines javanischen Neokolonialismus. Mit der Entdeckung umfangreicher Erdgasressourcen vor der Küste Acehs und deren einseitige Nutzung durch den Zentralstaat wurde die rohstoffreiche, aber agrarisch geprägte Provinz von der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes abgekoppelt und das Gefühl der ökonomischen Ausbeutung verstärkt.[3] Diese Ursprungsmythen wurden von einem kleinen Teil der acehischen Eliten schließlich verdichtet und bildeten die Grundlage für die Ausrufung der Unabhängigkeit Acehs durch Hasan di Tiro 1976.

Die anfangs begrenzte Rebellion einer kleinen Gruppe Intellektueller und Geschäftsleute wurde mit massiver militärischer Repression des indonesischen Militärs beantwortet. Insbesondere die gravierenden Menschenrechtsverletzungen von 1991 bis 1998 unter dem Status Acehs als "Militärische Operationszone" lösten in der acehischen Bevölkerung eine nachhaltige Entfremdung vom indonesischen Staat aus. Der nachlassende militärische Druck führte mit der Abdankung Suhartos 1998 zunächst zur Ausweitung und zum strukturellen Umbau der Unabhängigkeitsbewegung. Die GAM suchte einerseits den Brückenschlag zu zivilgesellschaftlichen Organisationen wie SIRA (Sentral Informasi Referendum Aceh), die sich für ein Referendum über die Unabhängigkeit Acehs einsetzte, und bemühte sich andererseits um die Internationalisierung des Konflikts. Die durch das Henry Dunant Centre vermittelte "Humanitarian Pause" 2000 scheiterte jedoch ebenso wie das "Cessation of Hostilities Agreement" 2002 und führte schließlich zur erneuten militärischen Großoffensive gegen die GAM im März 2003. Die Einführung des islamischen Rechts trug wenig dazu bei, den Konfliktursachen zu begegnen. Medial von der Außenwelt abgeschnitten, gedieh ein repressives Klima von Unsicherheit in einem dichten Netz aus Konfliktökonomie und Korruption.[4]

Fußnoten

2.
Der Begriff des Opfermythos soll den instrumentellen und konstruktiven Charakter des spezifischen Opferverständnisses im Selbstbild der Aceher hervorheben. Vgl. Roman Patock, Aceh, Indonesien: Konflikt und Lösung, Passau 2007. Zur Geschichte und Struktur der GAM, Konfliktentwicklung und Friedensbemühungen vgl. die Monitoringberichte der International Crisis Group, online: www.crisisgroup.org/en/regions/asia/south-east-asia/indonesia.aspx (21.2.2012).
3.
Das politische System der "Neuen Ordnung" (1966-1998) unter Präsident Suharto war bestimmt von der Doktrin der Stabilität und Ordnung, gestützt auf eine entpolitisierte Bevölkerung und ein übermächtiges Militär als politischen und wirtschaftlichen Machtfaktor. Ziel war es, unter anderem durch rigorose Umsiedlungen, einen modernen Einheitsstaat zu schaffen.
4.
Für eine kritische Diskussion der GAM vgl. Antje Mißbach, Freiheitskämpfer oder Geschäftemacher. Der bewaffnete Kampf der Gerakan Aceh Merdeka (GAM) unter Berücksichtigung klassischer und neuer Guerillatheorien, Berlin 2005.

Dossier Innerstaatliche Konflikte

Aceh

Der Friedensprozess in der indonesischen Provinz Aceh ist eine Erfolgsgeschichte. Seit 2005 gab es keine gewalttätigen Auseinandersetzungen mehr zwischen der heute als Aceh-Partei mitregierenden Befreiungsbewegung und der indonesischen Zentralregierung. Bedenklich ist allerdings die Einführung islamisch-fundamentalistischer Gesetze und Vorschriften.

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