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Anlässlich des 68. Unabhängigkeitstages Indonesiens am 17. August 2013 wird eine riesige Flagge über den Begawan Solo River gespannt.

5.3.2012 | Von:
Marc Frings

Zivilgesellschaft in Indonesien

Anpassungsdruck als Normalzustand

Dass sich die Zivilgesellschaft mittlerweile im politischen Bereich bewegen kann, ist Zeugnis der positiven demokratischen Liberalisierung im größten muslimischen Land der Welt. Heute werden zivilgesellschaftliche Organisationen selbst zu Adressaten von Forderungen nach Demokratie und Transparenz. Insbesondere ältere NGOs werden oftmals von einem "starken Mann", in der Regel dem Gründer der Institution, geleitet, der ohne Rechenschaftsverpflichtungen waltet. Dort, wo zuständige Gremien im Sinne von Aufsichtsräten bestehen, findet oftmals eine unzureichende Trennung zu der operativen Ebene statt. Dass die Gründercliquen nicht abtreten, erschwert zudem die Profilierungsmöglichkeiten der nachrückenden Generation. Diese Tendenz ruft Organisationen auf den Plan, die ihrerseits die Überwachung des zivilgesellschaftlichen Sektors zum Ziel haben. Schließlich sind die organisatorischen Anforderungen gestiegen: NGOs müssen sich den Bedingungen moderner Strategie-, Personal- und Programmentwicklung anpassen, um im Wettbewerb mit konkurrierenden Organisationen den Anschluss nicht zu verlieren. Dabei geht es nicht nur um die Allokation finanzieller Ressourcen, sondern auch um die besten Ideen und Zugänge zu den relevanten Entscheidungsträgern.

NGOs haben sich in den vergangenen Jahren der Demokratie- und Menschenrechtsrhetorik der internationalen Gebergemeinschaft angepasst und sich professionalisiert. Sie sind heute in der Lage, Projektanträge in Fremdsprachen zu stellen und ihre Agenden ausländischen Gebern anzupassen. Eine Ökonomisierung des Zivilgesellschaftssektors ist die Folge, wie sie derzeit im lukrativen Umwelt- und Klimaschutz zu beobachten ist.[24] Das Nachsehen haben solche NGOs, die seit Jahrzehnten inhaltliche Expertise anbieten und an ihren Zielen festhalten, nun aber im Meer sich ständig neu erfindender NGOs unterzugehen drohen. Dieser Trend entwickelt sich parallel zu einem Kurswechsel internationaler Organisationen, der einem Bumerang-Effekt gleichkommt: Die Früchte des zivilgesellschaftlichen Engagements führen zu positiven Benotungen bei anerkannten Demokratiemessungen, aber infolge dessen auch zu einem Rückgang ausländischer Fördermittel.[25] Dabei verschleiern die Bestnoten von Freedom House und anderen, dass der demokratische Transformationsprozess noch nicht abgeschlossen ist. Fraglich ist, welche NGOs in der Lage sein werden, neue Mittel zu akquirieren. Während Wohltätigkeitsorganisationen über eine für die breite Masse klar erkennbare Agenda verfügen und deshalb weniger gefordert sind, befürchten NGOs mit politischen Zielen finanzielle Engpässe: Sie müssen dem indonesischen Volk die Relevanz einer politisch aktiven Zivilgesellschaft und deren Beitrag zu stabilen demokratischen Verhältnissen verstärkt vor Augen führen.

Leichter wird diese Aufgabe angesichts der vielen NGO-Neugründungen und der damit einhergehenden Fragmentierung der Zivilgesellschaft nicht. Es wird schwieriger, "seriöse" Institutionen von solchen zu unterscheiden, die den nichtstaatlichen Sektor in erster Linie als profitträchtigen Wirtschaftszweig identifizieren. Erstrebenswert, so die an sich selbst gerichtete Forderung der Zivilgesellschaft, wäre ein Dachverband, der als öffentlicher Ansprechpartner dienen und Standards für die Arbeit seiner Mitglieder setzen könnte.

Ferner bedarf es einer Koordinierung der Arbeit zivilgesellschaftlicher Organisationen, die auf unterschiedlichen administrativen Ebenen angesiedelt und tätig sind: Es gilt, einen Bogen zu spannen zwischen den in der Hauptstadt operierenden NGOs, die über bessere Zugangsmöglichkeiten zur Politik verfügen, und den Organisationen auf der Graswurzelebene und in den Provinzen, die wiederum den Problemen und Zielgruppen näher sind. Denn es gewinnen zunehmend Themen an Relevanz, die nur bearbeitet werden können, wenn das urbane Zentrum Jakarta mit der ländlichen Peripherie Hand in Hand arbeitet. Dies ist beispielsweise bei den sich häufenden Fällen religiös motivierter Gewalt dringend geboten. Zugleich beweisen NGOs aber auch Anpassungsfähigkeit: So schließen sich für einzelne Gesetzesinitiativen Organisationen zu Spontankoalitionen zusammen, um ihre Ressourcen und Kompetenzen zu bündeln.[26]

Fußnoten

24.
Vgl. Marc Frings, Indonesiens Rolle in der internationalen Klimapolitik. Finanzielle Anreize der Waldbestände - ein effektives Modell?, in: KAS-Auslandsinformationen, 4 (2011), S. 66-85.
25.
Vgl. Interview mit A. Pradjasto (Anm. 14).
26.
Vgl. Interview mit H.N. Kinasih (Anm. 15).

Dossier Innerstaatliche Konflikte

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