Megafon

26.1.2012 | Von:
Hartmut Schröder
Florian Mildenberger

Tabu, Tabuvorwurf und Tabubruch im politischen Diskurs

Tabu als Sprechanreiz

Ein Tabu in diesem Verständnis ist heilig, darf nicht verletzt und kann allenfalls indirekt thematisiert werden. Doch schon Sigmund Freud erkannte, dass Tabus nur für diejenigen sinnvoll erscheinen, die mit ihnen sozialisiert wurden.[7] Für Außenstehende erscheinen sie häufig unverständlich, nicht nachvollziehbar oder falsch und werden infolgedessen unabsichtlich gebrochen. Gleichwohl können Tabuisierungen aber auch als Anreize für Diskurse gesehen werden, worauf wiederum Foucault aufmerksam gemacht hat: Tabus markieren Möglichkeiten der Überschreitung, und diese Markierungen sind nicht zufällig, sondern bezogen auf die Kontexte der Tabuisierung zumeist durchaus nützlich. Darauf weist Foucault am Beispiel der Sexualität im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert hin - einer Zeit, in der Sexualität stark tabuisiert wurde, in der aber auf der anderen Seite die Sexualwissenschaft erst entstand, Sexualität und ihre Formen in Zeitschriften, Artikeln, Büchern, erotischen und pornografischen Publikationen, in Beichtstühlen und intimen Geständnissen ausführlich kommuniziert wurden. Über die Tabuisierungen, die als Sprechanreize fungieren, so Foucaults Schlussfolgerung, konnte Sexualität erst objektiviert und verwaltbar gemacht werden; er stellt diese Objektivierung in einen Zusammenhang mit einer notwendig gewordenen Bevölkerungspolitik.[8]

Bei dem Versuch, den Begriff Tabu näher zu definieren und auf den politischen Diskurs anzuwenden, ist es sinnvoll, zwischen verbalen und nonverbalen Tabus zu unterscheiden. Nonverbale Tabus sind Teil des "sozialen Kodex einer Gemeinschaft, der festschreibt, welche Handlungen und Verhaltensweisen nicht ausgeführt werden sollen".[9]

Verbale Tabus sind Themen, über die entweder gar nicht oder nur in etikettierter Form kommuniziert werden soll, aber auch sprachliche Ausdrücke, die vermieden beziehungsweise durch andere Ausdrücke (Euphemismen) ersetzt werden sollen. Hinsichtlich der verbalen Tabus unterscheidet der Sprachwissenschaftler Stephen Ullmann drei unterschiedliche Motivationen: Sie können durch Furcht, durch Feinfühligkeit oder durch Anstand bedingt sein. Der Typus "Tabu aus Furcht", der - so Ullmann - kennzeichnend für "Naturvölker" ist, spielt in den modernen westlichen Gesellschaften nur noch eine geringe Rolle, wenngleich Relikte davon in den meisten Sprachen erhalten geblieben sind. Wichtiger geworden sind die "Tabus aus Feinfühligkeit" und die "Tabus aus Anstand". "Tabus aus Feinfühligkeit" sind durch Rücksichtnahme motiviert und spielen insbesondere in den Bezugsfeldern Tod, Krankheit und bei anderen (körperlichen und geistigen) Unvollkommenheiten eine wichtige Rolle. "Tabus aus Anstand" sind durch Scham-, Peinlichkeits- und Anstandsgefühle motiviert und betreffen bestimmte Körperteile, Körperausscheidungen und Körperfunktionen sowie die Sexualität.[10]

Diesen drei - bei Ullmann genannten - Motivationen fügte Nicole Zöllner einen weiteren Typus hinzu, den sie "Tabus aus sozialem Takt" nennt. Gemeint sind damit ideologisch motivierte Tabus, die in einem engen Zusammenhang zu political correctness stehen und einen bedeutenden Einfluss auf den Sprachgebrauch ausüben.[11] Die besonderen Funktionen von verbalen Tabus im Verhältnis zu nonverbalen Tabus bestehen darin, dass sie:

  • die Tabuisierung der unter einem absoluten Tabu stehenden Handlungen unterstützen und absichern ("Darüber spricht man nicht, und man tut es nicht"); ein Beispiel für diesen Typ ist das Inzesttabu;
  • tabuisierte Handlungen durch eine bestimmte Etikette ermöglichen beziehungsweise im Nachhinein sanktionieren, indem sie diese im Einverständnis mit allen Beteiligten verhüllen beziehungsweise beschönigen ("Darüber spricht man nicht offen, man tut es aber unter Wahrung der vorgeschriebenen Etikette"); ein Beispiel für diesen Typ sind die Sexualität und andere Körperfunktionen;
  • tabuisierte Handlungen verschleiern, wobei das Einverständnis der Beteiligten nicht vorausgesetzt wird, sondern durch die Vortäuschung eines Sachverhaltes erst ermöglicht werden soll ("Das macht man eigentlich nicht - wenn man es macht, dann spricht man nur in einer versteckten Weise darüber beziehungsweise man gibt es für etwas anderes aus"); zu diesem Typ gehören Tabus im Bereich Politik und Wirtschaft, wie etwa von "Spenden" statt von "Schmiergeld" oder von "Operation" statt von "Krieg" zu sprechen.

Fußnoten

7.
Vgl. Sigmund Freud, Totem und Tabu, Frankfurt/M. 1974.
8.
Vgl. Michel Foucault, Der Wille zum Wissen, Frankfurt/M. 1983.
9.
Nicole Zöllner, Der Euphemismus im alltäglichen und politischen Sprachgebrauch des Englischen, Frankfurt/M. 1997, S. 25f.
10.
Vgl. Stephen Ullmann, Semantics, Oxford 1962, S. 196ff.
11.
Vgl. N. Zöllner (Anm. 9), S. 52.