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Daniel Fiene am 14.03.2013

Das Internet - Segen oder Fluch?

Datenschutz, Informationsflut, Transparenz, Medienkrise, politische Partizipation – Schlagworte in den umfangreichen Diskussionen zum Thema Internet. Die einen sehen das Netz als Ursache einer zerfasernden Gesellschaft, die anderen hingegen als Segen. Kathrin Passig und Sascha Lobo, zwei Internet-Vorreiter, sprechen im aktuellen bpb:magazin über ihr Buch Internet, das einen Beitrag zur Debatte um das Netz liefert.

Das Interview führte Daniel Fiene.

Ihr Buch fragt „Internet – Segen oder Fluch“. Wenn wir daraus „Internet – Segen und Fluch“ machen, hätten wir doch eigentlich schon die Antwort.

Passig/Lobo: Ja, aber das wäre ja dann ein Tweet, kein Buch. Dafür gibt niemand Geld aus. Wir beschreiben ja außerdem, warum das Internet Segen und Fluch ist. Auf diese Art ist mindestens ein Drittel des Buchs für diejenigen informativ, die das Internet für einen reinen Segen halten, ein anderes Drittel für diejenigen, die es als reinen Fluch betrachten.Und das dritte Drittel beschreibt die inneren Widersprüche und den unlogischen, falschen, verworfenen Quatschteil der Debatte um das Internet.

Wenn es einen Teil der Gesellschaft gibt, der das Internet als „reinen Segen“ wahrnimmt, und einen Teil, der es als lästigen Fluch sieht, welcher Teil hat denn das Internet verstanden?

Lobo: Das Internet verstehen, das ist wie den Ozean kennen. Die eine oder andere Gruppe mag sehr punktuell mehr temporäres Wissen angehäuft haben, eine tiefe, umfassende Kenntnis ist kaum möglich.

Wo hat das Netz die Gesellschaft bisher am stärksten verändert?

Passig/Lobo: Wahrscheinlich überall dort, wo die Bewegung physischer Güter ersetzt werden konnte durch die Übermittlung digitaler Daten. Also zum Beispiel bei einer Reihe Kulturgüter und den sie umgebenden Industrien. Mindestens ebenso weltverändernd sind die neuen Formen der Öffentlichkeit: Wir haben erstmals Diskussionen zwischen einer weit größeren Zahl von Menschen, wie sie etwa an einen Kneipentisch oder auch in ein Parlamentsgebäude passen. Und es gibt heute den Medien-Rückkanal, den sich schon Brecht gewünscht hat.

Lobo: Die sozialen Veränderungen sind bei bestimmten gesellschaftlichen Gruppen ebenfalls recht groß, aber was genau das mittel- und langfristig bedeutet, lässt sich bisher nur schwer sagen. Vor allem auch deshalb, weil neue soziale Instrumente, wie zum Beispiel Partnerbörsen, eine Anfangsfaszination für die Nutzer mitbringen, die es schwer macht, die tatsächlichen Veränderungen abzuschätzen.

An das Internet richtet sich die Erwartung, ein wirksames Instrument für die politische Begeisterung und Partizipation der Bürger darstellen zu können. Warum wird angenommen, dass dieses Medium etwas erreichen soll, was die Politik bisher nicht aus eigener Kraft selbst geschafft hat?

Passig/Lobo: Diese Annahme hat einen Grund: Technologie kann soziale Prozesse ermöglichen, die vormals zu aufwendig, zu teuer, zu ineffektiv oder zu kompliziert waren. Der Alltagsempfindung nach ist das sogar eher die Regel. Spontane Verabredungen? Inzwischen ist das mit dem Handy besser möglich als je zuvor. Der Umgang mit Hard- und Software gelingt nicht mehr nur Fachleuten in weißen Kitteln, sondern auch Kindern, wenn sie etwa das iPad benutzen. Einen ähnlich eindrucksvollen, als Verbesserung empfundenen Effekt erwartet man von der digitalen Vernetzung eben auch in der Politik.

Das Internet hat die Plattenfirmen kalt erwischt, heute kämpfen Fernsehsender und die Print-Branche um ihre Geschäftsmodelle. Warum scheinen sich die „alten“ Medien mit dem Internet so wenig arrangieren zu können?

Passig: Warum kann sich der Baum so wenig mit dem Waldbrand arrangieren? Wandel ist nicht angenehm, wenn die eigene Position schon gefestigt ist. Jede Veränderung ist dann ziemlich sicher eine zum Schlechteren; auf jeden Fall aber ist sie mühsam. Dass man dem Internet aufgeschlossen gegenübersteht, ist wahrscheinlicher, wenn man sich davon Vorteile verspricht, also zum Beispiel, wenn jemand noch am Anfang seiner beruflichen Laufbahn steht.

Gehen wir einmal auf die persönliche Ebene: Viele Menschen fühlen sich von der Informationsflut im Netz bedroht, ein Gang durch die Bibliothek oder durch den Zeitschriftenladen am Bahnhof dagegen löst keinen Stress aus. Ist es also eine Frage der Zeit, bis wir Menschen auch mit der digitalen Informationsflut umgehen können?

Lobo: Die Menge der Informationen ist schon seit vielen Jahrhunderten zu groß, um auch nur annähernd beherrschbar zu erscheinen: Dafür gibt es schon länger Filter wie Lexikon- und Zeitungsredaktionen oder Fernsehsender, die meisten Leute haben sich daran gewöhnt. Vermutlich werden die zum Zeitpunkt der Mediensozialisierung gängigen Filtermechanismen als entspannt anwendbar erlebt. Neue Filter für neue Informationskanäle dagegen erfordern neu zu erlernendes Wissen und Mühe. Konkret heißt das: Schwierig ist immer nur die neue Anpassung und Feinjustierung der Filter, egal um welches Medium, um welchen Kanal es sich handelt.

Viele Menschen geben viele Informationen von sich im Internet preis, sei es in sozialen Netzwerken, auf Dating-Plattformen oder bei Online-Versandhäusern. Gleichzeitig wird von der Politik Datenschutz gefordert. Ist hier nicht auch der Einzelne in der Pflicht, besser auf seine Daten aufzupassen?

Passig: Aufforderungen an den Einzelnen, mehr aufzupassen, sind aufwendig und nur mäßig wirksam – selbst da, wo es wirklich um Leben und Gesundheit geht, etwa in der HIV-Prophylaxe, braucht man groß angelegte und teure Aufklärungskampagnen, um Verhaltensänderungen wenigstens bei einem Teil der Bevölkerung zu bewirken. Man kann die individuelle Preisgabe von Daten ja schwerlich verbieten. Etwas machbarer erscheint es, zu kontrollieren, wie die Unternehmen die Daten nutzen.

Lobo: Abgesehen davon ist die Preisgabe von Daten nichts grundsätzlich Schlechtes, sondern kann, im Gegenteil, je nach Situation große Vorteile mit sich bringen. Der Glaube, dass die Veröffentlichung privater Daten immer eine Gefahr oder ein Übel darstellt, ist eine falsche und leider oft sogar nachteilige Annahme. Gerade, was den Schutz der Privatsphäre angeht, scheint es aber keine einfache, globale Lösung zu geben. Schon deshalb wäre es sinnvoll, mehr Verantwortung und Entscheidungsgewalt in die Hände der Nutzer zu geben, dazu braucht es mehr Transparenz vonseiten der Unternehmen, mehr Kontrolle für den Nutzer und ein Umdenken der Datenschützer, die sich vielleicht in Richtung Datensouveränität bewegen sollten.

Der Nutzer scheint sich aber bisher kaum für die Kontrolle seiner Daten zu interessieren. Wenn wir uns das aktuelle Verfahren zu einem einheitlichen Datenschutz in der EU anschauen, dann wird der Prozess vor allem von den großen Konzernen beeinflusst. Müssen also die Nutzer stärker die eigenen Interessen vertreten?

Passig: Im Moment spüren Nutzer vor allem die konkreten Vorteile, die sich im Alltag aus der Mitteilung privater Daten ergeben. Dass ihnen in Einzelfällen und langfristig womöglich auch Nachteile daraus entstehen können, ist ein eher abstraktes Konzept. In anderen Situationen, in denen die kurzfristigen Interessen der Bürger nicht so ganz zu ihren langfristigen passen wollen, trägt der Staat dem ja auch Rechnung und schubst sie mehr oder weniger energisch in Richtung Krankenversicherung, Altersvorsorge und so weiter. Der Schutz vor Haustürgeschäften, allgemein der Verbraucherschutz geht ebenfalls in diese Richtung: Auch wer das Billigste aller Elektrogeräte kauft, weil er Geiz geil findet, darf erwarten, bei der Inbetriebnahme nicht von einem Stromschlag dahingerafft zu werden.

Mit Ihrem Buch leisten Sie einen Beitrag zur Internetdebatte. Was müsste sich in der Diskussion zwischen Netzoptimisten und -pessimisten ändern, damit Sie sagen, dass es seinen Zweck erfüllt hat?

Lobo: Überraschend häufig haben Leser verwundert erklärt, dass das erste Drittel des Buches sich gar nicht so sehr auf das Internet bezieht, sondern auf Kommunikationsprobleme im weiteren Sinn. Das ist aber Absicht. Die Diskussion über das Netz leidet zuallererst an den Schwierigkeiten der Diskussionskultur allgemein, die praktisch überall dort auftreten, wo um bestimmte Themen gestritten wird. Insofern wären wir bereits zufrieden, wenn wir die gesamte deutschsprachige Diskussionskultur auf ein neues Qualitätsniveau hieven würden.

Passig: Man merkt es nicht so, aber Sascha meint das als Scherz.

Lobo: Die positiven Abstrahleffekte auf die Internetdebatte nehmen wir dabei wohlwollend in Kauf.

Sind Sie Netz-Skeptiker oder Netz-Optimist? Und wenn ja, warum? Hat das Netz unsere Gesellschaft grundlegend verändert? Diskutieren Sie dazu im Kommentarbereich diese Artikels oder auf Twitter unter dem Hashtag #bpbinterview.


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Kommentare anderer Nutzer

Erich Martin | 20.03.2013 um 17:59 [Antworten]

Internet

Kurz und bündig:
Schon oft wurde das Neue verteufelt, die Erfahrungen aus derZukunft kennen wir nicht, also können wir wenig über das Internet aussagen.

Manuel Moosdorf | 22.04.2013 um 12:52 [Antworten]

Das Internet

Wir sollten das nicht so schwarzweis sehen! Die Institution Internet hat ja durchaus Vor- und Nachteile. Das wurde schon gesagt als es erfunden wurde aber auch heute. Dieses Auschlagmodell "Früher sind wir ja auch ohne klargekommen" ist ausgestorben. Desto früher wir unseren Kindern Medienkompetenz aneignen,desto eher wird aus unserer Gesellschaft auch eine sichere - im Internet. Und diese Medienkompetenz fehlt nicht nur im Elternhaus sondern auch in der Schule!


 
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