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pbaeumer am 16.10.2013

"Ernährung ist mehr als ein Grundbedürfnis"

Das in Kürze erscheinende Dossier Welternährung betrachtet die weltweiten Ursachen und Konsequenzen von Hunger, aber auch andere Aspekte wie Fehl-, Mangel- oder Überernährung. Dr. Michael Brüntrup hat das Dossier für die bpb konzipiert. Im Interview gibt er einen Einblick in die Arbeit.

WelternährungZur Ernäherungssicherung gehört neben dem Zugang zu Nahrung auch die Möglichkeit, sich ausgewogen zu ernähren. (© konzeptquartier)

Schon im Begriff "Welternährung“ deutet sich an, wie komplex das Thema ist. Ist es Ihnen schwer gefallen, den Anfang zu finden, und auch ein (vorläufiges) Ende zu setzen?

Dr. Michael Brüntrup: Ich arbeite schon sehr lange zu dem Thema. Insofern war tatsächlich das Schwierigste, einzugrenzen und zu entscheiden, was hineinkommt: Beispielsweise Transport von Nahrungsmitteln hinein, aber Handelspolitik nicht – oder umgekehrt? Das Andere war, die Informationen und Debatten so zu rahmen, dass sie ein breit interessiertes Publikum erreichen. Eines, das ein bisschen mehr nachbohren will und sich zu strittigen Themen selbst eine Meinung bilden will.

In welche benachbarten Disziplinen dringt man vor, aus welcher Bandbreite mussten Sie auswählen?

Die wichtigen Themen reichen von der Armutsbekämpfung bis zur nachhaltigen Landwirtschaft mit der Aufgabe der Ressourcensicherung wie Wasserknappheit oder Überdüngung. Das Thema Klimawandel spielt gleich auf zwei Ebenen eine Rolle: zum einen, da die Landwirtschaft für den Ausstoß von Treibhausgasen mitverantwortlich ist. Zum anderen leidet sie besonders unter Klimaveränderungen. Weiterhin zählt der ganze Bereich Ökonomie dazu, beispielsweise der Agrarhandel und die Mechanismen der Preisentwicklung. Ein sehr hartnäckiger Teil ist aber das Thema Krisen. In einigen Ländern, die besonders stark von Hunger betroffen sind wie die Demokratische Republik Kongo, liegen die Ursachen für Ernährungsunsicherheit darin, dass die Menschen nicht in Frieden leben. Dass sie daran gehindert werden, Landwirtschaft zu betreiben oder auch nur ein normales Leben zu führen.

Für welchen Anfang haben Sie sich schließlich entschieden?

Unser Ausgangspunkt war, den Zustand der Welternährung mit seinen verschiedenen Aspekten zu beschreiben, also auch das Problem der Fehlernährung. Die Zahl übergewichtiger, fehl- oder mangelernährter Menschen steigt. Das ist ein Trend, der sich auch in den Entwicklungsländern abzeichnet. Welternährung betrifft daher nicht nur das Thema Hunger. Laut FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, ist Ernährungssicherung gegeben, wenn erstens genug zu essen da ist, zweitens der Zugang gewährleistet ist und wenn drittens die Verarbeitung und Aufnahme der Nahrung so organisiert ist, dass eine ausgewogene Ernährung möglich ist.

Wie sind Sie an die Umsetzung des Dossiers herangegangen?

Wir wollten die Kontroversen, die es vor allem bei den Lösungsstrategien gibt, klar herausarbeiten. Im Bereich Ernährungssicherung driften zudem die Meinungen von Nichtregierungsorganisationen (NROs) und der Wissenschaft auseinander. Auch um die verschiedenen Perspektiven zu berücksichtigen, habe ich mir einen kleinen Beirat gesucht, in dem Wissenschaftler vom Kompetenzzentrum für Ernährungssicherung der Uni Hohenheim, von der NRO Welthungerhilfe und von der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) vertreten sind. Den ersten Entwurf des Konzepts haben wir hier diskutiert.

Gab es Bereiche, die Sie noch einmal justiert haben?

Wir haben zum Beispiel das Thema Menschenrecht auf Nahrung verstärkt. Ein Blickwinkel, der sich in den letzten Jahren zunehmend durchsetzt: Ernährung ist mehr als ein Grundbedürfnis, und Ernährungssicherung nicht allein ein humanitärer Auftrag, die Hungernden der Welt sozusagen "zu retten“, sondern sie haben ein Recht darauf.

Sie haben zusätzlich auch mit Schulklassen zusammengearbeitet. Welche Idee steht dahinter?

Wir sind ein relativ wissenschaftslastiges Autorenkollektiv. Und ich kenne das von mir selbst - manchmal rutschen einem doch Fachausdrücke heraus, die für Außenstehende unverständlich sind. Zusammen mit dem Verein "Politischer Arbeitskreis Schulen e.v.“ sowie einem Lehrer-Schüler-Arbeitskreis eines Bonner Gymnasiums wollten wir das ändern. Die Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer haben – quasi als Vertreter der Zielgruppe – einen Teil der Texte gelesen, kommentiert und mit uns diskutiert. Das ist ein wichtiges Korrektiv für uns.

Auf welche Datenquellen kann man sich verlassen?

Die wichtigste Quelle sollte die FAO sein. Darüber hinaus hat die Welthungerhilfe zusammen mit dem Internationalen Forschungsinstitut für Agrar- und Ernährungspolitik IFPRI einen alternativen Hungerindex ausgearbeitet. Der nimmt zu einem Drittel die Zahlen der FAO sowie weitere Zahlen wie etwa die Kindersterblichkeit hinzu. Insgesamt muss man aber leider festhalten, dass letztlich alle Quellen Lücken aufweisen werden. Nicht in allen Ländern und allen Themenbereichen stehen diese Daten zur Verfügung, oder oft nur mit großer Verzögerung. Noch schwieriger wird es, wenn man kurzfristige Veränderungen festhalten möchte.

Neben der globalen Dimension ist für viele eine wichtige Frage: Was kann ich selbst tun?

Auch als Konsument kann ich steuernd einwirken: Welche Arten Nahrungsmittel nachgefragt werden – das kann beispielsweise Signalwirkungen auf die Märkte und die Produzenten haben. In Bezug auf die Ernährungssicherung hierzulande ist es sicherlich sinnvoll, unsere Nahrungsmittelverluste zu reduzieren oder den Fleischkonsum einzuschränken. Das sind jedoch relativ geringe Posten, wenn es darum geht, den riesigen Weltmarkt und die riesigen Probleme der Entwicklungsländer anzugehen.

Wenn Sie noch eine finale Leseempfehlung mitgeben könnten: Welchen Blick sollten sich die Leser/innen des Dossiers offen halten?

Es ist bleibt ein sehr vielgestaltiges Thema. Wenn man die Komplexität nicht annimmt, kann man rasch zu Scheinlösungen gelangen. Mir wäre wichtig: Selbst wenn man sich seine Meinung schon mehr oder weniger gebildet hat, sollte man die Gegenargumente nicht einfach so wegwischen, sondern sie ernst nehmen.

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Dr. Michael Brüntrup

Dr. Michael Brüntrup (© DIE)
Dr. Michael Brüntrup arbeitet seit 2003 als Agrarökonom beim Deutschen Institut für Entwicklungsforschung (DIE). Seine Schwerpunkte sind Agrarhandelspolitik, Agrarpolitik, Ländliche Entwicklung und Ernährungssicherung, vor allem in Subsahara-Afrika.


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