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Matthias Klein am 06.03.2014

Deutliche Fortschritte im Kampf gegen Kinderarbeit

Vor 175 Jahren wurde in Deutschland Kinderarbeit verboten. Weltweit arbeiten immer weniger Kinder, sagt Bharati Pflug von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) im Interview. Besonders viele Kinderarbeiter seien in der Landwirtschaft tätig - nur wenige hingegen in der Industrie.

Kinder arbeiten auf einem Maisfeld in SomaliaKinder arbeiten auf einem Maisfeld in Somalia (© picture alliance / Liba Taylor/Robert Harding)


Frau Pflug, wie viele Kinder arbeiten weltweit aktuell?

Die aktuellsten Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2012. Weltweit arbeiteten damals in der Altersgruppe fünf bis 17 Jahre insgesamt 168 Millionen Kinder. Das sind 11 Prozent aller Kinder in dieser Altersgruppe auf der Welt.

Wo arbeiten die meisten Kinder?

Die meisten Kinder, 78 Millionen, arbeiten in der Region Asien/Pazifik. Dort leben generell die meisten Menschen auf der Erde, deswegen ist die Anzahl so hoch. Anders sieht es aus, wenn man sich anschaut, wie viel Prozent der Kinder in einer Region arbeiten. In Afrika südlich der Sahara arbeitet mit 21,4 Prozent mehr als jedes fünfte Kind, das ist der höchste Anteil weltweit. In Asien arbeiten 9,3 Prozent aller Kinder, in Lateinamerika/Karibik 8,8 Prozent.

Wie ist das in Europa?

Für Europa haben wir keine aussagekräftigen Zahlen. In Osteuropa gibt es zwar Kinderarbeit, aber insgesamt arbeiten in Europa weniger Kinder als in anderen Teilen der Welt.

Wie verteilt sich Kinderarbeit nach Geschlechtern?

Insgesamt arbeiten deutlich mehr Jungen als Mädchen. Vor allem in der Altersgruppe 15 bis 17 Jahre gibt es erhebliche Unterschiede: 81 Prozent der Kinderarbeiter in diesem Alter sind männlich. Mädchen arbeiten besonders oft im Haushalt - eine Art der Kinderarbeit, die nicht so sichtbar ist. Die Kinderarbeit der Mädchen ist zwischen 2000 und 2012 um 40 Prozent zurückgegangen. Gründe dafür könnten die Fortschritte in der Genderpolitik sowie der Schwerpunkt Bildung von Mädchen der Vereinten Nationen sein.

Welche Arbeiten verrichten die Kinder?

Mehr als jedes zweite Kind, das arbeitet, ist in der Landwirtschaft tätig. Insgesamt arbeiten in diesem Bereich 98 Millionen Kinder, das sind 59 Prozent aller Kinderarbeiter. Sie helfen in Familienbetrieben oder arbeiten auf größeren Bauernhöfen, viele als unbezahlte Hilfskräfte ihrer Familie. 32 Prozent der arbeitenden Kinder verrichten Dienstleistungen, beispielsweise in Hotels, Restaurants oder im Straßenverkauf. In der Industrie arbeiten nur 7,2 Prozent der Kinderarbeiter - dabei ist das der Bereich, der in der Öffentlichkeit am präsentesten ist.

Gibt es regionale Besonderheiten?

Nein. Die Tätigkeiten sind in den unterschiedlichen Regionen ähnlich verteilt.

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Infobox: Verbot der Kinderarbeit

Preußen verbot Kinderarbeit am 9. März 1839 per Gesetz. Damit durften Kinder unter neun Jahren nicht mehr in Fabriken arbeiten. Kinder unter 16 Jahren war es zudem untersagt, länger als zehn Stunden täglich zu arbeiten.

Mehr zur Geschichte der Kinderarbeit: http://www.bpb.de/apuz/146095/zur-geschichte-der-kinderarbeit?p=all


Stichwort Industrie: In welchen Branchen arbeiten dort besonders viele Kinder?

Lange Zeit arbeiteten besonders viele Kinder in der Schuh-, Fußball- und Teppichproduktion. Dort hat sich die Situation aber deutlich verbessert. Aktuell arbeiten in der Kakaobranche in Afrika besonders viele Kinder, außerdem in der Zuckerwirtschaft in einigen Ländern. Hinzu kommt die Bekleidungsbranche. In den großen Textilfabriken in Asien, die Ware für den Export nach Europa und Nordamerika produzieren, finden Sie selten Kinder. Dennoch gibt es Kinderarbeit in dieser Branche: Sie arbeiten weiter unten in der Lieferkette, zum Beispiel in kleinen Unternehmen oder in der Produktion der Baumwolle.

Wie viele Kinder verrichten gefährliche Arbeiten?

85 Millionen, also etwa jedes zweite arbeitende Kind, muss gefährliche Arbeiten verrichten. Dazu gehören beispielsweise die schlimmsten Formen der Kinderarbeit wie Zwangsarbeit, Prostitution, Kurierdienste im Drogenmilieu oder die Arbeit als Kindersoldaten, aber auch Arbeiten, die für die jeweilige Altersgruppe des Kindes als gefährlich gelten, zum Beispiel die Arbeit mit Pestiziden. In Afrika südlich der Sahara führt jeder zehnte Kinderarbeiter eine solche gefährliche Tätigkeit aus, in Lateinamerika und der Karibik rund sieben Prozent.

Welche wirtschaftliche Relevanz hat Kinderarbeit?

Man kann generell keine Größenordnung nennen. Besonders wichtig für diesen Aspekt ist, dass so viele Kinder in der Landwirtschaft arbeiten. Dabei geht es sehr oft um das nackte Überleben der Familie. Einer der entscheidenden Gründe dafür, dass Kinder arbeiten, ist die Armut ihrer Familie.

Wie hat sich die Kinderarbeit in den vergangenen Jahren entwickelt?

Seit dem Jahr 2000 ist die Kinderarbeit weltweit deutlich zurückgegangen: Damals arbeiteten 246 Millionen Kinder, heute sind es 168 Millionen, das sind immerhin 78 Millionen weniger. In der Region Asien/Pazifik hat die Anzahl der Kinderarbeiter in den vergangenen vier Jahren am stärksten abgenommen, sie sank von 114 auf 78 Millionen. Allerdings: Unser Ziel war eigentlich, dass es die schlimmsten Formen der Kinderarbeit bis 2016 gar nicht mehr gibt. Das werden wir auf keinen Fall erreichen. Generell ist die Entwicklung von Land zu Land sehr unterschiedlich. Länder wie beispielsweise Brasilien, Südafrika und Indien oder auch Tansania und Uganda in Afrika haben sehr viel getan, dort arbeiten nun deutlich weniger Kinder als noch vor ein paar Jahren.

Wie haben diese Länder Kinderarbeit eingedämmt?

In den vergangenen 15 Jahren ist Kinderarbeit überhaupt erst ein Thema in der Öffentlichkeit geworden. Es gab sehr viele bewusstseinsbildende Maßnahmen, von der ILO und auch von Nichtregierungsorganisationen. Kinderarbeit führt dazu, dass die Menschen dauerhaft gesundheitliche Probleme bekommen. Wenn sie nicht in die Schule gehen, können die Kinder darüber hinaus ihr Leben lang nur bestimmte einfache Tätigkeiten ausführen. In vielen Ländern ist ein Bewusstsein dafür entstanden - und die Erkenntnis gewachsen: Wir können das verändern. In Indien gibt es nun beispielsweise die Mittagsmahlzeit: Dort bekommen Schüler mittags umsonst eine warme Mahlzeit. Alleine das hat viel dazu beigetragen, dass Eltern ihre Kinder in die Schule schicken, nur weil sie wissen, dass die Kinder dort eine gute Mahlzeit bekommen. In anderen Ländern ist das Bewusstsein für die Probleme der Kinderarbeit allerdings etwas geringer. Oft wird die Tradition als Grund angege ben: Das haben wir immer so gemacht, das müssen wir nicht ändern.

Würde es den Kindern aus Ihrer Sicht helfen, wenn man Kinderarbeit generell verbietet?

Die Kinderarbeit muss verboten werden - und in vielen Ländern ist sie inzwischen auch glücklicherweise verboten. Gleichzeitig sind nachhaltige Maßnahmen entscheidend, um Staaten und Familien zu unterstützen, wenn sie gegen Kinderarbeit kämpfen. Aus unserer Sicht geht es darum: Was können wir machen, damit die Kinder in die Schule gehen können, ohne dass ihre Familien unter dem fehlenden Geld leiden? Anders gesagt: Wichtig ist, dass die Erwachsenen genug verdienen, damit die Kinder nicht arbeiten müssen. Entscheidend ist auch das Alter. In vielen europäischen Ländern können Menschen legal ab 16 oder 18 Jahren arbeiten. Unsere Konvention 138 setzt das Mindestalter für die Aufnahme einer Arbeit bei 15 Jahren an, in vielen Ländern liegt es momentan bei 14. Außerdem sollte im Mittelpunkt stehen, dass die Kinder keine gefährlichen Tätigkeiten ausüben, die sie dauerhaft schädigen.

Welche konkreten Maßnahmen sind aus Sicht der ILO sinnvoll, um Kinderarbeit weiter zurückzudrängen?

Es ist wichtig, zunächst ein Problembewusstsein zu schaffen. Wenn Kinder unter ganz schlimmen Bedingungen arbeiten, müssen sie aus dieser Situation herausgeholt werden. Das A und O sind Schulen und Möglichkeiten zur Berufsausbildung für alle Kinder und Jugendlichen. Darüber hinaus ist die Förderung der wirtschaftlichen Eigenständigkeit der Familien wichtig, damit die Kinder nicht im Familienbetrieb helfen müssen. Hinzu kommt: Die Behörden und die sozialen Partner vor Ort müssen Kompetenzen aufbauen, damit sie wissen, was sie gegen Kinderarbeit unternehmen können.

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Infobox: Zur Person

Bharati PflugBharati Pflug (© privat)

Bharati Pflug arbeitet im Kinderarbeitsprogramm IPEC der International Labour Organization (ILO).

Die ILO ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen.


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Kommentare anderer Nutzer

Charly Heberer | 06.03.2014 um 18:17 [Antworten]

Kinderarbeit in Benin

Das sind interessante Zahlen! Vieles finde ich plausibel und denke auch, dass es Fortschritte gibt, glaube aber, dass sich viele Formen von Arbeit nicht erfassen lassen, und dass daher prozentual deutlich mehr Mädchen arbeiten, als das vermutet wird, was man ja z.B. auch an den Quoten der Schulbesuche/Abschlüsse ablesen kann, wo in den meisten Ländern die Jungs meines Wissens vorne liegen wo sind die Mädchen, wenn sie nicht zur Schule gehen? Arbeiten im eigenen oder fremden Haushalt....
Das ist zumindest die Erfahrung, die ich im Rahmen eines Radioprojekts in Benin gemacht habe. Außerdem ist mir dort aufgefallen, dass es kaum Kontrollen gibt, weil der Staat das finanziell nicht leisten kann und die Eltern gerade in abgelegenen Gebieten nicht verpflichten kann, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Mehr zu unserem Projekt auf frz., aber mit einem dt. Projektbericht hier: http://droitsdelenfant.wordpress.com/

frankie | 23.01.2017 um 08:25 [Antworten]

Ja moin erstmal

Ja moin erstmal. Schöner artikel. Les ich gern obwohl nich so 1 nices thema


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