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Gabriele Immenkeppel am 13.10.2015

Grenzenloses Engagement

Schwimmkurs für Musliminnen, Konversationsunterricht im Wohnzimmer: Mit Engagement und Phantasie helfen immer mehr Bürger Flüchtlingen in Deutschland. In Bonn sind bereits vor Monaten die ersten Syrer angekommen – und mit offenen Armen empfangen worden.

Omar Kiwan hilft Kathrin und Christfried Schlosser bei der Gartenarbeit.Omar Kiwan hilft Kathrin und Christfried Schlosser bei der Gartenarbeit. (© Barbara Frommann)

Omar Kiwan betrachtet das Gestrüpp und runzelt die Stirn. "Gut oder schlecht?", murmelt er vor sich hin und nimmt die Rosenschere in die Hand. Auf diese Frage hat Kathrin Schlosser nur gewartet. Sie lacht und führt seinen Arm zum Gebüsch: "Das ist verblüht, das kannst du abschneiden." Langsam erkennt der Syrer die Pflanzen, die rund um das Haus der Familie in Bonn wachsen. Rosen, Gerbera, Malven. "So etwas gab es bei uns nicht", entschuldigt er sich. Seit einigen Monaten arbeitet der 43-jährige Volkswirt bei Familie Schlosser. Er pflegt den Garten, kehrt das erste Laub zusammen, fegt die Wege. Seit knapp zwei Jahren ist er in Deutschland, im Frühjahr wurde er als Flüchtling anerkannt. Als Minijobber kommt er einmal in der Woche vorbei.

"Ich freue mich, dass ich arbeiten kann", erzählt der 43-Jährige, der diesen Verdienst mit seinen Hartz-IV-Leistungen verrechnen lässt. "Ich habe nicht länger das Gefühl, Almosenempfänger zu sein, sondern ich kann meine Arbeit als Gegenleistung bieten." Weiterer Nebeneffekt: Während er mäht, harkt und kehrt wird ausschließlich deutsch gesprochen.

"Ich hätte nie gedacht, dass uns so viele Menschen helfen"



Liebevoll rückt Nidal Ahmad das Kissen auf dem Sofa zurecht. "Ich kann nicht beschreiben, wie es uns geht", gesteht er mit einer Mischung aus Scham und unendlicher Dankbarkeit. "Ich hätte nie gedacht, dass uns so viele Menschen helfen", ergänzt er sichtlich gerührt. Über die Türkei ist ihm mit seinen Söhnen Chalil (19) und Schukri (15) die Flucht aus Aleppo gelungen. Dort wurde der 44-Jährige gefoltert, Sohn Chalil musste mit ansehen, wie seinem Vater die Fingernägel gezogen wurden. In Aleppo eine angesehene Juwelierfamilie, kamen die Ahmads vollkommen mittellos nach Deutschland. Mithilfe des Jobcenters wurde zwar eine Bleibe gefunden, doch in den ersten Wochen lebte die Familie von der Hand in den Mund. So bescheiden das Leben war, so trostlos sah es in der Wohnung aus. Die Männer schliefen auf dem Boden, in der Küche standen ein Tisch und drei Stühle – alles vom Sperrmüll. Nur zufällig erfuhr Elisabeth Foustanas, die als Lehrerin einen Jugendintegrationskurs leitet, vom Schicksal der Familie. "Da kann man doch nicht wegschauen", empörte sich die Pädagogin aus dem Rhein-Sieg-Kreis.

Mithilfe der örtlichen Zeitung machte sie auf das Schicksal der Ahmads aufmerksam. Mit überwältigendem Erfolg. "Das Telefon stand nicht still. Jeden Tag haben wir etwa 50 Anrufe und unzählige Mails bekommen", zieht sie Bilanz. Kurze Zeit später rollten bereits die Transporter an: Neben Schränken und Betten wurden auch Handtücher, Bettwäsche, Töpfe, Teller und Kleidung vorbeigebracht. "Und", darüber freut sich Elisabeth Foustanas ganz besonders, "auch an die Jungs wurde gedacht." Für sie wurden Handys mit Guthaben, ein Fernseher und eine Playstation abgegeben. "Das waren die anstrengendsten Tage in meinem Leben – aber auch die glücklichsten", zieht sie Bilanz.

Deutsche Konversation und einen starken Kaffee



Der Kaffee ist stark, das Gebäck zuckersüß. "Wie war eure Woche?", fragt Margret Debrus. Manar Altibi will ihr gerade auf Englisch erzählen, dass ihr Mann wahrscheinlich noch in diesem Monat nach Deutschland kommen wird, doch die Juristin unterbricht die junge Mutter. "Ich verstehe dich nicht." Manar Altibi schaut hilfesuchend zu ihren Schwägerinnen Batool und Manar. Gemeinsam formulieren sie die Sätze auf Deutsch. "Prima", quittiert Margret Debrus. "Dann können wir mit unserer Konversationsstunde beginnen." Alle drei Frauen haben bereits einen Sprachkurs mit hervorragenden Ergebnissen abgelegt. Doch erst in einem halben Jahr geht der Unterricht weiter. "Damit wir nichts verlernen, treffen wir uns einmal in der Woche bei Familie Debrus", erzählt Batool Altibi. Gemeinsam lesen sie ein Buch für deutsche Schulanfänger. Mit dem Vokabellernen kennen sich die drei Syrerinnen bestens aus. Zwei von ihnen waren in ihrer Heimat Englischlehrerinnen, eine unterrichtete Arabisch. Allerdings: "Ich habe Angst, dass meine Kinder ihre Muttersprache verlernen und ein Stück Identität verlieren", gesteht Manar Hredrreh, für die Margret Debrus längst eine wichtige Vertrauensperson geworden ist. Die ehrenamtliche "Deutschlehrerin" hat darauf sofort reagiert. "Schaut mal, was ich bestellt habe", strahlt Margret Debrus. "Das ist ein Schreiblernhelft für arabische Grundschüler. Das könnt ihr zu Hause mit euren Kindern üben."

Die Sprache des Fußballs ist international



Diese Verständigung funktioniert ganz ohne Worte. Kadir, Hilal und Ulvi kommunizieren ausschließlich mit Handzeichen, trotzdem "sitzt" die Flanke. Denn die Sprache "Fußball" wird auf der ganzen Welt verstanden. Bis zu 30 Flüchtlinge treffen sich freitags, um auf Initiative des Post-Sportvereins Bonn Fußball zu spielen. "Mittlerweile lassen sich sogar zwei Flüchtlinge zum Übungsleiter ausbilden", freut sich Katja Brender über die große Resonanz. Aber nicht nur an Männer richtet sich das Angebot des Vereins. So bietet Mona Jahangiri einen Schwimmkurs für Musliminnen an. Dann werden die Scheiben des Hallenbades abgedunkelt und die Frauen kön-nen sicher sein, dass sie nicht beobachtet werden. "Nicht nur das Schwimmen steht dann im Vordergrund", erklärt Katja Brender. "Die Frauen sind dann für eine kurze Zeit unter sich und können gemeinsam lachen, aber auch über ihre Probleme sprechen." Das steht auch für Paul Kreutz aus Bonn-Röttgen im Mittelpunkt. Er organisiert Fahrradkurse speziell für Frauen aus Flüchtlingsfamilien. Denn: "Fahrrad fahren bedeutet Emanzipation, Integration, Selbstständigkeit", ist er überzeugt. Bei dem gemeinsamen Lernen stehen auch soziale Komponenten im Fokus. Denn viele Teilnehmerinnen würden in der Gemeinschaft erstmals wieder Vertrauen zu anderen aufbauen, Selbstsicherheit sowie Selbstvertrauen entwickeln.

So unterschiedlich die privaten Initiativen sind, so gemeinsam ist allen der Beweggrund: "Uns allen geht es sehr gut. Da ist es doch selbstverständlich, dass wir den Flüchtlingen beim Start in ihrer neuen Heimat helfen. Jeder eben so, wie er kann", zieht Margret Debrus Bilanz.

Helfen aber wie?

So wie die Bonner Bürgerinnen und Bürger engagieren sich derzeit viele Menschen deutschlandweit für Flüchtlinge. Wir interessieren uns für Ihre Geschichte oder Ihre Ideen, wie und wo Helfen möglich und sinnvoll ist. Schreiben Sie uns hier im Kommentarbereich oder an dialog@bpb.de.



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Kommentare anderer Nutzer

Herr Joggerst | 09.02.2017 um 17:41 [Antworten]

Flüchtlinge F

Eine Klasse aus dem Gymnasium JA möchte mehr über die Flüchtlinge in Deutschland wissen. Wer hat Lust, sich mit diesen Franzosen auszutauschen:
Wer kennt F direkt ?
Wo kann man sie treffen ?
Was klappt nicht ?


 

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