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Merle Tilk am 21.03.2016

Interview: Digitale Bildungsangebote als Chance für Integration

Wie kann Geflüchteten die Teilhabe an Bildung und Gesellschaft ermöglicht werden? Welche Rolle spielen dabei digitale Angebote wie Apps für das Smartphone? Wie können diese den Integrationsprozess unterstützen? bpb.de hat mit Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband der Deutschen Wissenschaft gesprochen.

Eine Sprachlern-App hilft einem Geflüchteten, Deutsch zu lernen.Eine Sprachlern-App hilft einem Geflüchteten, Deutsch zu lernen. (© picture-alliance/dpa)

Sie dienen als Kompass und Karte oder übersetzen vom Arabischen ins Deutsche, Kroatische oder Griechische: Apps. Welche Bedeutung hat das Smartphone für Geflüchtete auf dem Weg nach Europa?

Das Smartphone ist ja beinahe das einzige, was Flüchtlinge auf der Flucht nach Europa mitbringen. Es ist nicht nur ein Zugang zur Welt, ein Zugang zur Vergangenheit, zur Familie, ein Zugang zur neuen Kultur, sondern oft auch ein Speichermedium für Dokumente. Urkunden, Dokumente, Zeugnisse haben sie oft nicht in Papierform dabei, sondern gespeichert auf dem Smartphone. Es ist also ein ganz zentrales Werkzeug, das Flüchtlinge mitbringen.

Mittlerweile tragen verschiedene Apps dem Rechnung und unterstützen die Geflüchteten bei der Ankunft in Deutschland, etwa mit Tipps für Behördengänge oder beim Erlernen der Sprache. Welche Vorteile bieten solche digitale Angebote?

Oft wird den Flüchtlingen unterstellt, sie haben wenige Kompetenzen, sich in unserer Kultur zurecht zu finden. Das beginnt bei Bildungsabschlüssen, bei kulturellen Hintergründen, die scheinbar inkompatibel sind. Aber Flüchtlinge leben auch in einer Smartphone-Welt. Sie sind in einer Internet-Welt groß geworden. Das verbindet sie. Das ist ein Zugang zu unserer Kultur, der schon mal geebnet ist – im Gegensatz zu den vielen anderen Hindernissen, die noch auf sie warten. Und ich glaube diesen Zugang, der schon geebnet ist, mit dem sie sich auskennen, dessen Kulturtechnik sie beherrschen, wie eben auch viele Deutsche, den muss man viel stärker nutzen.

Und bringen sie auch Nachteile mit sich?

Natürlich kann es nicht sein, dass man sich nur noch in digitalen Welten aufhält. Entscheidend ist, dass man sich auch physisch und sozial integriert. Es ist auch eine gewisse Gefahr, dass man über die Smartphones, über die Online-Welten, in seinen Kohorten verhaftet bleibt. Man muss damit also klug umgehen.

Portraitbild von Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes der Deutschen WissenschaftVolker Meyer-Guckel ist stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes der Deutschen Wissenschaft (© Stifterverband der Deutschen Wissenschaft)
Welche Bedeutung kommt digitalen Bildungsangeboten bei der Integration zu?

Ich sehe da zweierlei Chancen. Zum einen stehen wir vor dem großen Problem, dass wir für die basalen Kenntnisse, die wir zu vermitteln haben, also die Sprache, Kultur, das Rechtssystem, dass wir dafür keine ausreichende Zahl an Lehrkräften haben. Zweitens ist die Schülerschaft heterogen, mit unterschiedlichen Bildungsbiografien, von gar nicht ausgebildet bis gut ausgebildet, mit vielen Sprachproblemen usw. Dazu kommen die altersmäßigen Diskrepanzen innerhalb einer Flüchtlingsklasse. Somit muss hier ein extrem differenzierter Unterricht gemacht werden, der eigentlich gar nicht in so einem klassischen „Hier ist der Lehrer und da sind 30 Schüler“-Verhältnis gemacht werden kann. Mit anderen Worten: Entweder hat man viele Lehrer – und die hat man nicht – oder man versucht, Differenzierung hinzukriegen mit der Unterstützung durch Technik.

Digitale Angebote würden das ermöglichen – über Sprachlern-Apps, über Kulturlern-Apps oder über Online-Kurse, also MOOCs, die einführen in die Arbeitswelt. Aber, sie werden kaum eingesetzt. Ich habe die Hoffnung, dass wir uns durch die Herausforderung bei der Integration von Geflüchteten aus unseren Routinen heraus bewegen. Dass man mal erkennt, wie viel Differenzierung und Unterstützung durch solche Angebote möglich sind. Und dass die Schulen begreifen, dass diese Werkzeuge große Chancen bieten, zu integrieren. Nicht nur jetzt bei der Herausforderung „Flüchtlingsintegration“, sondern insgesamt für eine Neuausformung des Unterrichts.

Wie breit ist denn die Angebotspalette und wie werden digitale Bildungsangebote eingesetzt?

Es gibt unendlich viele Angebote. Es gibt inhaltliche Angebote, es gibt kostenlose Angebote. Es gibt Apps, die kreatives Potenzial haben. Ich will die ganze Palette hier gar nicht auffächern. Dagegen steht eine vergleichsweise schlechte Infrastruktur in den Schulen. Ich sage nur W-LAN oder die Ausstattung mit Computern. Und Computer braucht es ja auch eigentlich gar nicht mehr, weil alle ihre Geräte, ihre Smartphones, mitbringen. Man muss also erstmal die Chance infrastrukturell nutzen, die jetzt geboten ist, da die Leute die Geräte, die sie brauchen, praktisch schon in der Hand halten. Aber wie ist die klassische Reaktion des Klassenlehrers in der Schule? „Handys aus!“ Ich sage: „Handys an und benutzen!“

Wo könnten oder können digitale Bildungsangebote denn ganz konkret den Integrationsprozess ergänzen?

Flüchtlinge können die Sprache lernen. Sie können sich untereinander vernetzen. Das, was eigentlich die Stärke von sozialen Medien ist, dass der eine dem anderen sagt: „Pass mal auf, ich hab die Lösung für dein Problem.“ Oder: „Ich weiß, wo du weiterfragen musst, ich geb dir mal nen Tipp.“ Dieses Peer-Learning ist eine ganz große Chance. Man kann MOOCs anbieten, die aus unterschiedlichen Modulen bestehen: Denn die einen brauchen die Einführung in das akademische Leben, die anderen Sprachkurse. Die dritten wollen wissen, wie unsere Berufswelt funktioniert. Sie können beliebig viele Module andocken und zusammenstellen. Das eine sind also basale Kulturtechniken, das andere sind Einführungen in unsere Gesellschaft.

Wo fehlen digitale Bildungsangebote noch gänzlich?

Bei der Integration in die Arbeitswelt, also konkret für die berufliche Ausbildung. Da wäre noch viel mehr möglich. Aber verstehen Sie mich nicht falsch. Digitale Angebote können nur ergänzende Angebote bei der Integration sein, bei denen es um Beratung und Coaching geht. In diesen Prozessen könnte ich mir aber gerade für die Berufswelt viel mehr Angebote vorstellen. Wo zum Beispiel mal beschrieben ist, wie eine Lehrlingsausbildung abläuft. Das wissen die meisten Flüchtlinge gar nicht. Lehrlingsausbildungen gibt es ja gar nicht in den Ländern, aus denen sie kommen. Und eine Vorstellung von beruflicher Integration in Deutschland, das wäre noch etwas, wo man ansetzen könnte.

Sollten digitale Angebote auf Deutsch oder mindestens zwei- oder sogar mehrsprachig sein?

Das sind Detailfragen. Idealerweise beides. Am Anfang wird man auch ums Arabische nicht herumkommen. Man muss den Menschen einfach erstmal die Wahl geben und irgendwann schalten sie dann um auf Englisch oder Deutsch.

Und bei der Entwicklung? Welche Akteure sind hier besonders gefragt?

Eigentlich alle. Das Goethe-Institut ist zum Beispiel gut in Sprachkursen. Die Arbeitsagentur ist gut, wenn es darum geht, die Möglichkeiten für Integration und Arbeit aufzuzeigen. Digitale Angebote können von Behörden eingesetzt werden, von Schulen, von Betrieben … es gibt keine Grenze. Jeder könnte das. Viel zu wenige aber haben diese Art und Weise der Kommunikation für sich entdeckt.

Könnte man bei der Entwicklung neuer Formate von anderen Bereichen lernen? Zum Beispiel von der digitalen Inklusion?

Auch hier gilt die Theorie: Digitale Angebote alleine funktionieren nicht. Aber klug eingesetzt in physischer Begleitung, in Begegnungen, in Gruppenarbeit – da funktioniert es gut.

Wie gelangen digitale Bildungsangebote schließlich an ihre Nutzerinnen und Nutzer? Wie wichtig ist Social Media für die Bereitstellung?

Ganz entscheidend. Solche Angebote gelangen ganz schnell dahin, wo sie gebraucht werden. Wenn irgendwo eine gute App auftaucht, wenn irgendwo eine gute Plattform ist, die in sinnvoller Weise unterstützt und vernetzt, dann spricht sich das dort in Sekunden rum.




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Kommentare anderer Nutzer

Dieter Westphal | 12.10.2016 um 20:37 [Antworten]

Integration

Im Interview werden viele wesentliche Fragen und Aufgaben aufgeführt, dem man nur zustimmen kann.

Meine eigenen Erfahrungen aus der Arbeit mit Ausländern will ich einmal mit zur Diskussion stellen.

In verschiedenen Schulungssystemen hatte ich die Möglichkeit, vor Menschen aus Tansania, Südadrika, von den Seychellen, aus China, Syrien u.a. arabischen Ländern zu lehren.
Die gesammelten Erfahrungen bestätigen die Notwendigkeit einer differenzierten Arbeit entsprechend der Herkunft und der gelebten Geschichte.

Ein wesentlicher Faktor ist die enge Verbindung von Rationalem und Emotionalem.
Digitale Hilfsmittel sind natürlich eine große Stütze, doch werden sie weder Emotionen erfassen, noch vermitteln.

Es ist wichtig, dass sich die Flüchtlinge gegenüber dem Neuen öffnen. Das erreicht man aber nicht, indem man unnachgiebig auf sie Druck ausübt, ihnen Prioritäten vorgibt, welches die nächsten zu bewältigenden Aufgaben für sie sind usw. usf...
Nur die Anerkennung und Beachtung ihrer Befindlichkeiten - sie tragen bei ihrer Ankunft immense psychische Lasten mit sich - öffnet die Menschen und motiviert sie, sich den Herausforderungen zu stellen.

Wir müssen also von einem längere Prozess ausgehen, den wir begleiten müssen. Integration ist eine Frage von Jahren, nicht von Monaten.

Dennoch muss dieser Prozess auch einen Zeitrahmen finden. Sicherlich ist es relativ einfach, junge Menschen für etwas Neues zu begeistern. Bei Älteren bedarf es bedeutend mehr Zeit. Auch wird die Dynamik des Prozesses vom jeweiligen Bildungsprofil des Einzelnen bestimmt.
Hier stoßen wir auf Konfizius, der uns versuchte zu vermitteln, dass der Weg das Ziel ist.
Wenn erst einmal die Bereitschaft zur Integration gegeben ist, ist auch das Ziel anzuvisieren.

Den Flüchtlingen muss, wollen sie integriert werden, auch der politische und soziale Rahmen ihres neuen Lebens bekannt sein.
Da sie aus fremden Kulturen stammen, auf die sie sicherlich stolz sind und die sie weiter pflegen wollen, ist die Aufgabe, die Gesetze und Normen des Gastlandes bereitwillig zu achten und selbst anzuwenden, die weitaus schwierigere der Integration.
Von Integrationsunwilligen sollte man sich schnellstmöglich trennen.

Bei all diesen Dingen kann die Digitaltechnik sehr hilfreich sein. Sie ersetzt aber nicht die Kommunikation von Mensch zu Mensch.
Jeder Wissenschaftler weiß aus eigener Erfahrung, dass man auf der Suche nach der Beantwortung einer Frage erfährt, wie jede Antwort viele neue Fragenstellungen aufwirft.

Meine Erfahrung zeigt, dass die Integration ein hohes Maß an Engagement erfordert. Das, was unsere Regierenden bisher geleistet haben, empfinde ich persönlich als halbherzig.

Wir stehen also vor großen Aufgaben. Und vergessen wir nicht: Nicht nur für die Flüchtlinge sind all das neue Herausforderungen. Auch unsere eigenen Bürger müssen bereit und willig sein, sich dem Neuen zu stellen.


 

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