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Interview: Digitale Bildungsangebote als Chance für Integration

Eine Sprachlern-App hilft einem Geflüchteten, Deutsch zu lernen.Eine Sprachlern-App hilft einem Geflüchteten, Deutsch zu lernen. (© picture-alliance/dpa)

Sie dienen als Kompass und Karte oder übersetzen vom Arabischen ins Deutsche, Kroatische oder Griechische: Apps. Welche Bedeutung hat das Smartphone für Geflüchtete auf dem Weg nach Europa?

Das Smartphone ist ja beinahe das einzige, was Flüchtlinge auf der Flucht nach Europa mitbringen. Es ist nicht nur ein Zugang zur Welt, ein Zugang zur Vergangenheit, zur Familie, ein Zugang zur neuen Kultur, sondern oft auch ein Speichermedium für Dokumente. Urkunden, Dokumente, Zeugnisse haben sie oft nicht in Papierform dabei, sondern gespeichert auf dem Smartphone. Es ist also ein ganz zentrales Werkzeug, das Flüchtlinge mitbringen.

Mittlerweile tragen verschiedene Apps dem Rechnung und unterstützen die Geflüchteten bei der Ankunft in Deutschland, etwa mit Tipps für Behördengänge oder beim Erlernen der Sprache. Welche Vorteile bieten solche digitale Angebote?

Oft wird den Flüchtlingen unterstellt, sie haben wenige Kompetenzen, sich in unserer Kultur zurecht zu finden. Das beginnt bei Bildungsabschlüssen, bei kulturellen Hintergründen, die scheinbar inkompatibel sind. Aber Flüchtlinge leben auch in einer Smartphone-Welt. Sie sind in einer Internet-Welt groß geworden. Das verbindet sie. Das ist ein Zugang zu unserer Kultur, der schon mal geebnet ist – im Gegensatz zu den vielen anderen Hindernissen, die noch auf sie warten. Und ich glaube diesen Zugang, der schon geebnet ist, mit dem sie sich auskennen, dessen Kulturtechnik sie beherrschen, wie eben auch viele Deutsche, den muss man viel stärker nutzen.

Und bringen sie auch Nachteile mit sich?

Natürlich kann es nicht sein, dass man sich nur noch in digitalen Welten aufhält. Entscheidend ist, dass man sich auch physisch und sozial integriert. Es ist auch eine gewisse Gefahr, dass man über die Smartphones, über die Online-Welten, in seinen Kohorten verhaftet bleibt. Man muss damit also klug umgehen.

Portraitbild von Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes der Deutschen WissenschaftVolker Meyer-Guckel ist stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes der Deutschen Wissenschaft (© Stifterverband der Deutschen Wissenschaft)
Welche Bedeutung kommt digitalen Bildungsangeboten bei der Integration zu?

Ich sehe da zweierlei Chancen. Zum einen stehen wir vor dem großen Problem, dass wir für die basalen Kenntnisse, die wir zu vermitteln haben, also die Sprache, Kultur, das Rechtssystem, dass wir dafür keine ausreichende Zahl an Lehrkräften haben. Zweitens ist die Schülerschaft heterogen, mit unterschiedlichen Bildungsbiografien, von gar nicht ausgebildet bis gut ausgebildet, mit vielen Sprachproblemen usw. Dazu kommen die altersmäßigen Diskrepanzen innerhalb einer Flüchtlingsklasse. Somit muss hier ein extrem differenzierter Unterricht gemacht werden, der eigentlich gar nicht in so einem klassischen „Hier ist der Lehrer und da sind 30 Schüler“-Verhältnis gemacht werden kann. Mit anderen Worten: Entweder hat man viele Lehrer – und die hat man nicht – oder man versucht, Differenzierung hinzukriegen mit der Unterstützung durch Technik.

Digitale Angebote würden das ermöglichen – über Sprachlern-Apps, über Kulturlern-Apps oder über Online-Kurse, also MOOCs, die einführen in die Arbeitswelt. Aber, sie werden kaum eingesetzt. Ich habe die Hoffnung, dass wir uns durch die Herausforderung bei der Integration von Geflüchteten aus unseren Routinen heraus bewegen. Dass man mal erkennt, wie viel Differenzierung und Unterstützung durch solche Angebote möglich sind. Und dass die Schulen begreifen, dass diese Werkzeuge große Chancen bieten, zu integrieren. Nicht nur jetzt bei der Herausforderung „Flüchtlingsintegration“, sondern insgesamt für eine Neuausformung des Unterrichts.

Wie breit ist denn die Angebotspalette und wie werden digitale Bildungsangebote eingesetzt?

Es gibt unendlich viele Angebote. Es gibt inhaltliche Angebote, es gibt kostenlose Angebote. Es gibt Apps, die kreatives Potenzial haben. Ich will die ganze Palette hier gar nicht auffächern. Dagegen steht eine vergleichsweise schlechte Infrastruktur in den Schulen. Ich sage nur W-LAN oder die Ausstattung mit Computern. Und Computer braucht es ja auch eigentlich gar nicht mehr, weil alle ihre Geräte, ihre Smartphones, mitbringen. Man muss also erstmal die Chance infrastrukturell nutzen, die jetzt geboten ist, da die Leute die Geräte, die sie brauchen, praktisch schon in der Hand halten. Aber wie ist die klassische Reaktion des Klassenlehrers in der Schule? „Handys aus!“ Ich sage: „Handys an und benutzen!“

Wo könnten oder können digitale Bildungsangebote denn ganz konkret den Integrationsprozess ergänzen?

Flüchtlinge können die Sprache lernen. Sie können sich untereinander vernetzen. Das, was eigentlich die Stärke von sozialen Medien ist, dass der eine dem anderen sagt: „Pass mal auf, ich hab die Lösung für dein Problem.“ Oder: „Ich weiß, wo du weiterfragen musst, ich geb dir mal nen Tipp.“ Dieses Peer-Learning ist eine ganz große Chance. Man kann MOOCs anbieten, die aus unterschiedlichen Modulen bestehen: Denn die einen brauchen die Einführung in das akademische Leben, die anderen Sprachkurse. Die dritten wollen wissen, wie unsere Berufswelt funktioniert. Sie können beliebig viele Module andocken und zusammenstellen. Das eine sind also basale Kulturtechniken, das andere sind Einführungen in unsere Gesellschaft.

Wo fehlen digitale Bildungsangebote noch gänzlich?

Bei der Integration in die Arbeitswelt, also konkret für die berufliche Ausbildung. Da wäre noch viel mehr möglich. Aber verstehen Sie mich nicht falsch. Digitale Angebote können nur ergänzende Angebote bei der Integration sein, bei denen es um Beratung und Coaching geht. In diesen Prozessen könnte ich mir aber gerade für die Berufswelt viel mehr Angebote vorstellen. Wo zum Beispiel mal beschrieben ist, wie eine Lehrlingsausbildung abläuft. Das wissen die meisten Flüchtlinge gar nicht. Lehrlingsausbildungen gibt es ja gar nicht in den Ländern, aus denen sie kommen. Und eine Vorstellung von beruflicher Integration in Deutschland, das wäre noch etwas, wo man ansetzen könnte.

Sollten digitale Angebote auf Deutsch oder mindestens zwei- oder sogar mehrsprachig sein?

Das sind Detailfragen. Idealerweise beides. Am Anfang wird man auch ums Arabische nicht herumkommen. Man muss den Menschen einfach erstmal die Wahl geben und irgendwann schalten sie dann um auf Englisch oder Deutsch.

Und bei der Entwicklung? Welche Akteure sind hier besonders gefragt?

Eigentlich alle. Das Goethe-Institut ist zum Beispiel gut in Sprachkursen. Die Arbeitsagentur ist gut, wenn es darum geht, die Möglichkeiten für Integration und Arbeit aufzuzeigen. Digitale Angebote können von Behörden eingesetzt werden, von Schulen, von Betrieben … es gibt keine Grenze. Jeder könnte das. Viel zu wenige aber haben diese Art und Weise der Kommunikation für sich entdeckt.

Könnte man bei der Entwicklung neuer Formate von anderen Bereichen lernen? Zum Beispiel von der digitalen Inklusion?

Auch hier gilt die Theorie: Digitale Angebote alleine funktionieren nicht. Aber klug eingesetzt in physischer Begleitung, in Begegnungen, in Gruppenarbeit – da funktioniert es gut.

Wie gelangen digitale Bildungsangebote schließlich an ihre Nutzerinnen und Nutzer? Wie wichtig ist Social Media für die Bereitstellung?

Ganz entscheidend. Solche Angebote gelangen ganz schnell dahin, wo sie gebraucht werden. Wenn irgendwo eine gute App auftaucht, wenn irgendwo eine gute Plattform ist, die in sinnvoller Weise unterstützt und vernetzt, dann spricht sich das dort in Sekunden rum.




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