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"Es sind nicht Flüchtlinge, es sind Menschen"

Addis MulugetaAddis Mulugeta (© Addis Mulugeta)
Zuerst war man "Mensch" und hatte von Geburt an eine unantastbare Würde. So steht es auch im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Jedes Leben ist kostbar, jeder hat einzigartige Eigenschaften. Jeder strebt nach einem Sinn für sein Leben und nach einer besseren Zukunft. Dann ist man plötzlich "Flüchtling".

Man verliert alles, was man war oder hatte, und sucht ein neues Zuhause in der Fremde, so wie viele andere Suchende, alle, die nunmehr in einer Not- oder Gemeinschaftsunterkunft zusammenkommen.

Das Individuum verschwindet hinter der stereotypen, depersonalisierenden Bezeichnung "Flüchtling". Und doch hat jeder dieser Menschen immer eigene Talente, eine eigene Geschichte, seine eigenen Fertigkeiten, Erfahrungen und Vorstellungen. Gar nicht wenige Flüchtlinge, die es nach Deutschland oder anderswohin verschlägt, waren in ihrem Heimatland Leistungsträger. Jedenfalls war jede und jeder von ihnen ein "Jemand", füllte einen ganz besonderen Platz aus, an dem sie oder er nun fehlt, hatte eine Position in der Familie, in der Nachbarschaft, in der Gesellschaft, im Beruf. All dies ist plötzlich weg, und alle bekommen die gleiche Identitätsuniform.

Warum weiß ich all das? Weil ich einer von ihnen war. Auch ich hatte damals plötzlich alles verloren: meine Familie, meine Freunde, Heimat, Arbeit, kulturelle Vertrautheit, meine Lebenspläne und Hoffnungen. In meinem Heimatland Äthiopien gehörte ich zu der gebildeten, aufstrebenden und ehrgeizigen Großstadtjugend.

Ich war ein erfolgreicher Journalist mit einem tollen Leben in der Hauptstadt Addis Abeba, ausgefüllt von einer interessanten Arbeit, getragen von einem Freundeskreis und der Geborgenheit in meiner Familie.

Dabei gebot mir mein Berufsethos, mich kritisch damit auseinanderzusetzen, was ich um mich herum an gesellschaftlichen Missständen sah. Etwa die Not der Straßenkinder, die Hungersnot im ländlichen Raum oder die Versäumnisse der Politik. Dafür habe ich bezahlt. Äthiopien hat keine freie Presse, wie sie in Europa weitestgehend selbstverständlich ist.

Eine Rettung vor Inhaftierung und Folter durch das Regime, dessen Zorn ich mir zugezogen hatte, war die Einladung zu einem Fachkongress nach Deutschland. Hier habe ich 2009 um Asyl gebeten. Und dann war ich plötzlich "Flüchtling". In der Aufnahmestelle in München stand ich nun in meinem Businessanzug in der Menge der Asylsuchenden aus vielen Ländern. Ich musste meine Fingerabdrücke abgeben, einen nach dem anderen, ohne Erklärung. Ich fühlte mich wie ein Verbrecher. Ich verstand gar nichts. Wie anders wurde ich hier empfangen als bei der Eröffnungsfeier der Konferenz, zu der ich als Gast nach Deutschland eingeladen war! Dann, in der Abenddämmerung, bekam ich eine Fahrkarte nach Zirndorf bei Nürnberg in die Hand gedrückt. Keine Wegbeschreibung, keine Karte zur Orientierung.

Ich kann mich gut erinnern an diesen finsteren Novemberabend, an dem ich schließlich in Zirndorf ankam – als Flüchtling. Ich stieg aus dem Zug, niemand sonst außer mir an jenem Abend.

Ich stand allein und verlassen auf der Straße in der Dunkelheit, in einem Dorf, in dem ich keinen nach dem Weg fragen konnte: Es war niemand da, und die Sprache konnte ich ohnehin nicht. Ich ging dann einfach geradeaus los und begegnete schließlich einer Frau mit Hund.

Ich hatte Glück, dass sie Englisch sprach. Sie konnte mir den Weg genau beschreiben. Schließlich landete ich auf der Polizeiwache vor der Erstaufnahmeeinrichtung.

Die Beamten untersuchten mich mit Handschuhen. Warum das? Das hat mich irritiert und verletzt. In der Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende bekam ich von der Security zunächst eine Einweisung, was dort erlaubt war und was nicht. Auf meine Frage: "Can you give me the key to the room, please?", haben sie mich nur angegrinst und gesagt: "Hier gibt es keinen Schlüssel! Flüchtlinge dürfen keinen Schlüssel haben! Alle Zimmer müssen 24 Stunden offen sein." Ich bekam Angst. Wie schläft man, ohne seine Tür abzuschließen? Ich kannte die vielen anderen Menschen dort doch gar nicht.

Am nächsten Tag ging ich in meinem Anzug in den Speisesaal. Dort haben mir meine Landsleute gleich geraten: "Anzug geht hier gar nicht! Wirf ihn weg!" Ich habe mich gefragt, ob ich in einem Gefängnis bin. Darf ich nicht herumlaufen, wie ich möchte? Und dann noch ein Zimmer ohne Schlüssel? Da fühlte ich mich plötzlich auch innerlich ausgezogen. In diesem Moment hatte ich wirklich alles verloren und trug von nun an die neue Maske "Flüchtling". Mir wurde bewusst, wie schnell Menschen ihrer Identität beraubt werden können.




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Im Integrationshaus in Köln engagieren sich Flüchtlinge und Zuwanderer ehrenamtlich. Sie helfen beim Ausfüllen von Formularen, bei der Wohnungssuche und vielem mehr. Und sie haben einen kreativen Weg gefunden, Menschen den Spracherwerb zu erleichtern. Und dabei auch noch was für ältere Menschen zu tun.

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