Diskutieren Sie mit auf dialog.bpb.de

Ortwin Renn am 19.10.2016

Wie die Automatisierung den Arbeitsmarkt verändert

Die Industrie 4.0 steht in den Startlöchern: Maschinen kommunizieren miteinander und optimieren Arbeitsprozesse. Viele Menschen macht diese fortschreitende Automatisierung Angst. Ersetzten Maschinen Menschen? Die magazin:bpb Debatte hat mit dem Soziologen Ortwin Renn über Chancen und Risiken gesprochen.



Lydia Meyer: Ist die Angst vor der Automatisierung berechtigt?

Prof. Ortwin Renn: Mit allen Wellen der Automatisierung hatten wir immer Personengruppen, deren Arbeitskraft und deren Arbeitstätigkeit ersetzt werden konnte, beispielsweise durch neue Maschinen oder durch neue Formen der Arbeitsorganisation. Und dann ist natürlich klar, dass sich Menschen in ihrem eigenen Arbeitsleben bedroht fühlen, wenn wieder eine neue Automatisierungswelle droht. Und sie fragen sich, ob ihre Kompetenzen dann noch gefragt sind. Im Moment erleben wir ja eine sogenannte Welle hin zur Industrie 4.0. Das ist das Schlagwort. Industrie 4.0 heißt im Wesentlichen, dass Maschinen miteinander kommunizieren und auch eigenständig Entscheidungen treffen. Das bedeutet, dass viele der Berufstätigkeiten, bei denen es um die Kontrolle von Maschinen oder die Überwachung und Steuerung von Produktionsabläufen ging, jetzt durchaus von Maschinen, also von Robotern oder Computern, übernommen werden können. Und diese neuen dispositiven Fähigkeiten des Computers könnten die Gruppe der Arbeitenden mit in ihrer Tätigkeit bedrohen, weil ganz wesentliche Elemente ihrer Arbeit dann nicht mehr gefragt sind.

Wie wird sich die Arbeitswelt verändern?

Bei allen neuen Innovationswellen sind erst mal die Versprechungen größer als das, was sie realistischerweise leisten können. Gleichzeitig sind auch die Befürchtungen meist größer als das, was schlimmstenfalls eintreten würde. Aber, wenn man zwischen diesen beiden Aspekten, also auf der einen Seite Verharmlosung der Folgen und auf der anderen Seite Verherrlichung der Chancen, den realistischen Mittelweg nimmt, würde ich sagen: Ja, wir haben eine Tendenz hin zu diesem Automatisierungsprozess, zu Industrie 4.0 und der Strukturierung von Produktionsprozessen. Wir sehen eine zunehmende Digitalisierung im Arbeitsleben, und damit sind auch wirklich Veränderungen in den Tätigkeitsfeldern, in den Arbeitsfeldern verbunden. Es wird aber nicht so sein, dass wir die menschenleere Fabrik haben werden. Das ist schon seit 30 Jahren immer wieder vorhergesagt worden, und ich denke, in den nächsten 30 Jahren wird es immer noch vorhergesagt werden. Das wird nicht kommen.

Es wird also nicht weniger Arbeit geben?

Ich gehe davon aus, dass es insgesamt nicht weniger Arbeit geben wird, sondern dass die Arbeit sich verlagern wird. Man muss Menschen dann auch entsprechend auf diese neue Realität hin eingewöhnen. Und ihnen vor allem durch Fortbildung und Weiterbildung die Möglichkeit geben, in dieser neuen digitalen Welt ihre Nische und ihre wichtige Funktion zu finden. Nichtsdestotrotz werden wir im Produktionsprozess weniger Arbeitskräfte brauchen als früher. Das ist ein Trend, den wir schon seit 100 Jahren haben. Und es geht stärker in Dienstleistungsbereiche hinein und in Bereiche, die eher ins Kreative, ins Soziale, ins Künstlerische gehen werden. Und wenn die Maschinen das tun, was sie tun sollen, haben wir auch die Mittel, diese anderen Möglichkeiten der Arbeit mit zu unterstützen. Wir leben heute in einer Zeit, in der eben Wohlstand sehr ungleich verteilt wird. Und wenn Wohlstand so ungleich verteilt wird, heißt es, dass genau diese sozialen und kreativen Tätigkeiten un- terbezahlt sind. Und da, denke ich, ist es eine Frage des politischen Willens zu sagen, dass man den Produktivitätsfortschritt, den wir leben, dann auch für verbesserte Lebensqualität, das heißt auch für interessante und erfüllende Lebensaufgaben, zur Verfügung stellt.

Verändert sich das Verhältnis zur Arbeit?

In dem Moment, wo wir tatsächlich Dispositive, also Entscheidungen, den Maschinen überlassen, geben wir Souveränität ab. Das wird nicht ganz einfach sein. Da es nicht nur darum geht, manuelle Arbeit einzusparen, sondern Entscheidungen, auch Kontrolle und Steuerungsfunktionen der Maschine selber zu überlassen, ist es natürlich eine Herausforderung, möglicherweise sogar eine Kränkung der Menschen, die das vorher gemacht haben. Dass jetzt irgend so ein "blöder" Roboter daherkommt und ihnen sozusagen die Entscheidungen abnimmt. Das sind Dinge, mit denen wir einfach umgehen müssen. Auf der anderen Seite werden natürlich die Berufe, die dann wiederum die Steuerung von Maschinen steuern, noch mehr Souveränität und noch mehr Gestaltungskraft haben können. Aber es wird im Übergang sicherlich nicht einfach sein, weil wir uns daran gewöhnen müssen, dass Menschen dann auch von Maschinen lernen und nicht nur umgekehrt.



Ihr Kommentar:

(*) Diese Felder sind Pflichtfelder

Ihr Kommentar wird von der Redaktion geprüft und dann freigeschaltet



 

Netzdebatte

Menschen statt Maschinen? Ein Interview mit Christiane Benner

Menschen statt Maschinen? Automatisierung, statt Fachpersonal? Oft ist im Zusammenhang mit Industrie 4.0 die Rede von der "menschenleeren Fabrik". Warum das nur teilweise zutrifft und welche Bereiche besonders von der Automatisierung betroffen werden, erklärt Christiane Benner, Vorstandsmitglied bei der IG Metall, im Interview. Weiter... 

[0 Kommentare]
Quiz
Quiz: Industrie 4.0

Kaum hat die Welt die dritte industrielle Revolution verarbeitet, steht schon die nächste Stufe an: Industrie 4.0! Testen Sie hier Ihr Wissen rund um die Fabrik der Zukunft!

Frage 1 / 5
 
Einen Aufstand gegen die Maschinen gab es bereits schon einmal zu Beginn der 1. Industriellen Revolution. Die Aufständischen damals hießen Ludditen. Warum?