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Robert Pitterle am 05.05.2012

Deine Spuren im Netz … und wie man sie recherchiert

Marcus Lindemann bildet Journalisten in der Internet-Recherche aus. Wie viel Nachholbedarf es in der Medien-Branche gibt, lässt ein Tipp ahnen, den er an Einsteiger richtet: Dass man die Tastenkombination Strg + F am PC nutzen kann, um einen Suchbegriff auf einer unübersichtlichen Webpage zu finden, hat sich offenbar noch nicht in allen Redaktionen herumgesprochen.

Für das netzaffine Publikum der re:publica 2012 musste sich Lindemann schon mehr einfallen lassen – in seinem Panel "Was das Netz über einen Netizen weiß" spricht er über das Know-how, das man braucht, um von einem beliebigen Nutzer von Online-Diensten ein Profil zu erstellen. In Teilen ist Marcus Lindemanns Vortrag ein Making-of seines Artikels Datenschutz-Fallrückzieher. Auf den 2011 im Computer-Magazin c‛t veröffentlichten Text bekam er, wie er sagt, viele Reaktionen.

Social-Media-Nutzer gefährden ihre Privatsphäre durch Unachtsamkeit

Im Vortrag ergänzt der Profiler diesen Recherche-Fall um weitere: So hat er für einen Filmbeitrag, den er vorführt, eine erklärte Gegnerin von Google Street View mit der Tatsache konfrontiert, dass sie ansonsten recht sorglos Spuren im Netz hinterlässt. Diese sagten mehr über ihre Person aus als die Fassade des Hauses, in dem sie wohne. Für Lindemann ist denn auch der Google-Dienst nicht das dringendste Problem in Sachen Privatsphäre und Datenschutz.

Die Unachtsamkeit von Usern erleichtere eine Internet-Recherche nach ihnen sehr, warnt Lindemann. Manche sind auf so vielen Plattformen aktiv, dass sie den Überblick verlieren, was sie wo auf welche Weise offenlegen: Ein Nickname wird etwa gern der Einfachheit halber immer wieder verwendet. Wenn nur ein öffentliches Profil den Klarnamen oder die für die Anmeldung notwendige E-Mail-Adresse dazu anzeigt, kann die Deckung recht schnell auffliegen.

Internet-Recherche mittels Suchmaschinen und Software

Was ein Netz-Schnüffler auf alle Fälle braucht, sind Zeit und Geduld beim Einsatz von Suchmaschinen. Das Wissen um deren zusätzliche Funktionen hilft ihm dabei, die zu überprüfenden Treffer einzugrenzen. So erlaubt etwa die Option „Erweiterte Suche“ von Google rasch, die von der Suchmaschine in ihren Index aufgenommenen öffentlich zugänglichen Aktionen eines Nutzers auf Facebook aufspüren. Und weitere nützliche Tools zur Untersuchung gefundener Daten sind, wie Lindemann bei einem seiner Fallbeispiele erläutert, frei erhältlich: etwa Bildbearbeitungssoftware, die mittels der Funktion Gesichtserkennung erlaubt, ein dickes Jpeg-Paket nach Personen zu sortieren.

In einem von Lindemann vorgestellten Fall waren das aus dem Netz heruntergeladene Hochzeitsfotos, die das von ihm eingesetzte Programm Picasa mit den Profilbilder von Kontakten bei XING abglich. Und siehe da: Unter den Hunderten von Kontakten auf dem Berufs-Netzwerk ließen sich jene ermitteln, mit denen der Bräutigam auch persönlich bekannt war. Wer Geschäftliches und Privates im Internet wirklich scharf voneinander trennen möchte, muss solche technischen Möglichkeiten mit bedenken.

Ist im Netz jedermann ein potenzielles Stalking-Opfer?

Nach dem re:publica-Vortrag bleibt allerdings die Frage: Wen sollen all die Spuren im Internet interessieren? Wer soll sich die Mühe machen, daraus ein mehr oder weniger stimmiges Gesamtbild zusammenzufügen? Dass prominente Persönlichkeiten genauerer Beobachtung ausgesetzt sind, ist bekannt. Aber ist der Netizen von nebenan ein potenzielles Stalking-Opfer? Zwischen der Neugier des berühmt-berüchtigten Personalchefs, der auf Facebook etwaigen Partyfotos eines Jobsuchenden nachspürt, und der aufwendigeren Internet-Recherche, wie sie Marcus Lindemann in seinem Panel vorführt, besteht doch noch ein Unterschied.

Bei den Publikumskommentaren am Ende des Panels, die diese Frage aufwerfen, fällt dann auch ein empörter Unterton auf: Eine solche Suche nach den Daten nichts ahnender Netizens zur Erstellung eines Profils sei moralisch bedenklich, wendet ein Zuschauer ein. Ein anderer sieht durch das Ausmalen von Bedrohungsszenarien die positiven Seiten des Internets, seine Innovationskraft, in den Schatten gestellt. Vielleicht ein Anzeichen dafür, dass Lindemann einen wunden Punkt bei den Besuchern der Konferenz berührt hat. Ist doch die re:publica sonst eher von Technikoptimismus geprägt.

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