Netzdebatte Logo

Robert Pitterle am 04.05.2012

Rechtsextremismus in Social Media: Was tun?

Rechts­ex­tre­mis­ti­sche Pro­pa­ganda im Inter­net: Die bestand ein­mal aus sim­plen Html-Templates, auf denen sich unles­bare Text­wüs­ten aus­dehn­ten, aus ama­teur­haft mon­tier­ten Wehrmachts-Videos, mit rum­peln­dem Rechts­rock unter­legt, und auch die deut­sche Alter­me­dia, der mitt­ler­weile vom Netz genom­mene Able­ger eines inter­na­tio­na­len Netz­werks von „Nachrichten“-Portalen, sah in sei­nem unauf­ge­räum­ten Blog-Format aus wie ein Über­bleib­sel aus der Früh­zeit des Webpublishing-Systems.

Und heute? Da starrt Bart Sim­pson im Kapu­zen­pulli von einer Neonazi-Seite und wirbt für den Hass auf Israel, wer­den Web­sites pro­fes­sio­nell gestal­tet, und Rechts­ex­tre­mis­ten füh­ren Kam­pa­gnen auf Face­book durch, die auf den ers­ten Blick an bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment den­ken las­sen. Man müsse sich auf Über­ra­schun­gen ein­stel­len, wenn man sich im Netz nach rechts­ex­tre­mis­ti­schen Inhal­ten umschaue, sagt dann auch Thors­ten Schil­ling. Der Fach­be­reichs­lei­ter Mul­ti­me­dia der Bun­des­zen­trale für poli­ti­sche Bil­dung (bpb) mode­riert das re:publica-2012–Panel, das die Kunst­his­to­ri­ke­rin Simone Rafael, lei­tende Redak­teu­rin von Netz gegen Nazis, mit oben­ge­nann­ten Bei­spie­len für den Inno­va­ti­ons­schub an der Pro­pa­gan­d­a­front eröff­net hat.

Was tun gegen Rechts­ex­tre­mis­mus im Netz?

Der Titel der Ver­an­stal­tung, „Social Net­works for right-wing extre­mists?“, ist für Anna Groß keine Frage. Sie ist für das Löschen het­ze­ri­scher Sei­ten in sozia­len Medien. Auf Face­book gibt es dafür die „Melden“-Funktion. Es könne aber dau­ern, bis dar­auf rea­giert werde. Der Social-Media-Gigant habe für diese Auf­gabe nicht genü­gend Mit­ar­bei­ter abge­stellt. Dafür koope­riere Face­book Deutsch­land, sagt Anna Groß, bei einem neuen Pro­jekt der Ama­deu Anto­nio Stif­tung, die auch das Netz gegen Nazis betreibt: Die Platt­form no-nazi.net, an dem sie und Simone Rafael mit­wir­ken, soll Jugend­li­che über Wer­be­stra­te­gien der Extre­mis­ten auf­klä­ren und zum Akti­vis­mus gegen men­schen­feind­li­che Ein­stel­lun­gen moti­vie­ren.

Aus Agi­ta­tion im Netz, warnt Groß in ihrem Vor­trag, könne schnell eine echte Bedro­hung wer­den. Poli­ti­sche Geg­ner wür­den von Rechts­ex­tre­mis­ten unter Angabe der Wohn­adresse im Inter­net an den Pran­ger gestellt. Sie rät daher den Akti­vis­ten im Netz, auf Klar­na­men und Pro­fil­bil­der, über die sie iden­ti­fi­ziert wer­den könn­ten, zu ver­zich­ten (eine Vor­sichts­maß­nahme, die die jugend­li­chen Mit­strei­ter, die no-nazi.net als Com­mu­nity gewin­nen will, hof­fent­lich befolgen).

Ras­sis­mus in der Mitte der Gesellschaft

Skep­tisch gegen­über dem Löschen von rechts­ex­tre­mis­ti­schen Sei­ten äußert sich Lenn­art Hui­zing (Twit­ter). Das sei nur die Behand­lung von Sym­pto­men. Emp­fäng­lich für der­ar­tige Pro­pa­ganda seien vor allem die Ver­lie­rer der Wirt­schafts­krise, meist unge­bil­det, alt und chan­cen­los auf dem Arbeits­markt. Der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler ist aus Ams­ter­dam ange­reist und refe­riert bei der re:publica-Session über die Erfolge, die Rechts­po­pu­lis­ten in den Nie­der­lan­den mit Paro­len gegen Migran­ten aus mus­li­mi­schen Län­dern erzie­len. Dass die Frak­tion der Islam­feinde tra­di­tio­nelle ideo­lo­gi­sche Mus­ter durch­kreuze, erklärt Hui­zing anhand von Geert Wil­ders, dem Vor­sit­zen­den der soge­nann­ten Par­tei für die Frei­heit. Der Poli­ti­ker bekunde Soli­da­ri­tät mit Israel und Schwu­len — Posi­tio­nen, mit denen er im Milieu der Alt­na­zis kaum Anhän­ger fin­den dürfte — und erhalte den­noch Zustim­mung von Rechtsextremen.

Phil­ipp Son­de­reg­ger, Menschenrechts-Aktivist, aus Wien zu dem re:publica-Panel gela­den, kri­ti­siert dann auch den Extremismus-Begriff an sich. Der beruhe auf der Vor­stel­lung, men­schen­feind­li­che Hal­tun­gen und Gewalt­be­reit­schaft vor allem an den Rän­dern der Gesell­schaft fin­den zu kön­nen. Dabei sei Ras­sis­mus in deren Mitte verankert.

Wie viel Klä­rungs­be­darf zu dem Thema noch besteht, zeigt auch das Durch­ein­an­der bei der Benen­nung der Anhän­ger dis­kri­mi­nie­ren­der Ideo­lo­gien: Wahl­weise ist bei dem Panel die Rede von Rech­ten, Rechts­ra­di­ka­len, Rechts­ex­tre­mis­ten und Neo­na­zis. Der Extre­mist scheint trotz der vie­len Infor­ma­ti­ons­mög­lich­kei­ten in tra­di­tio­nel­len und Online-Medien ein frem­des Wesen zu blei­ben. „Auf jeden Fall kann man fest­hal­ten: Das Thema ist kom­pli­ziert!“, bekennt auch die Platt­form no-nazi.net in ihrer Pro­jekt­be­schrei­bung.

Lese­tipps:

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-sa/3.0
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Ihr Kommentar:

(*) Diese Felder sind Pflichtfelder

Ihr Kommentar wird von der Redaktion geprüft und dann freigeschaltet



netzdebatte.bpb.de in Social Media

Debatte

Bedingungsloses Grundeinkommen

Was wäre, wenn jede_r von uns jeden Monat vom Staat einen festen Betrag aufs Konto überwiesen bekäme - ohne etwas dafür tun zu müssen? Das ist, vereinfacht gesagt, die Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE). Die Idee ist kontrovers, denn sie kratz an einigen elementaren Fragen: Ist der Mensch von Natur aus faul oder fleißig? Wie sehr vertrauen wir unseren Mitmenschen wirklich? Was ist der eigentliche Sinn von Arbeit? Woran misst sich eigentlich der Wert von Arbeit?

Mehr lesen

Debatte

Robotersteuer

Machen uns Roboter in Zukunft überflüssig? Oder schaffen sie neue Freiräume? Gewiss ist, dass die Automatisierung der Arbeit, aktuell unter dem Schlagwort Industrie 4.0, unsere Arbeitswelt verändern wird. Wie Politik, Gesellschaft und Wirtschaft darauf reagieren, ist allerdings noch offen. Diskutiert wird im Zuge dessen auch über die Einführung einer sogenannten Robotersteuer, die die befürchteten negativen sozialen Effekte abmildern soll. Wir haben zwei Experten zum Thema, um ihre Einschätzung gebeten.

Mehr lesen