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Robert Pitterle am 03.05.2012

Der Rock and Roller und die Schönheitskönigin: Zwei re:publica-Panels über Künstler-Geschäftsmodelle

Ein Kom­men­tar

Zu Beginn des re:publica-12-Panels des Ham­bur­ger Labels Audio­lith wird erst mal eine Fla­sche Cham­pa­gner geköpft. Die Stühle vor der Bühne 6 sind schon rest­los besetzt. Ob Henry Witt, Sän­ger der Band Supers­hirt (er ist der Star der Ver­an­stal­tung), das freut, ist ihm nicht anzu­se­hen — seine Augen ver­birgt eine Son­nen­brille. Scham­pus­laune, Cool­ness: Hier wer­den auf iro­ni­sche Weise Erwar­tun­gen an Musi­ker bedient.

Das Panel, bei dem der Musi­ker als „Glä­ser­ner Künst­ler“ vor­ge­stellt wird — seine Ein­künfte wie Aus­ga­ben wer­den offen­ge­legt -, gerät dann auch zu einer Thea­ter­fas­sung des Musik-Business, wie manch einer es sich vor­stellt: Henry gibt den trink­fes­ten und tou­rer­prob­ten Rock and Rol­ler („Mit Zah­len kenne ich mich nicht aus“), seine Label-Kollegen erläu­tern ihr „360-Grad-Modell“ der Künst­ler­be­treu­ung. Hen­drik Menzl, Supershirt-Bandmitglied und beim Label außer­dem fürs Boo­king zustän­dig, zieht dabei das Zick­zack der Kon­to­be­we­gun­gen mit Hän­den in der Luft nach, als probte er eine Gym­nas­tik­übung. Krea­ti­vi­tät und Geschäft wer­den von man­chen, die sich in der Debatte ums Urhe­ber­recht auf die Seite der Pro­du­zen­ten schla­gen wol­len, zu Gegen­sät­zen erklärt — in die­ser Transparenz-Performance des klei­nen Labels schei­nen sie mit­ein­an­der verschmolzen.

Nicole Sowade hat sich eben­falls für ihren re:publica-Auftritt ver­klei­det, als Schön­heits­kö­ni­gin. Die Ber­li­ne­rin, Auto­rin im Neben­be­ruf, hat sich eine Scherpe um den Ober­kör­per geschlu­gen, dar­auf steht „Miss Januar“, der Titel ihres als Kindle-Edition selbst ver­leg­ten Ebooks. „Unter­hal­tungs­li­te­ra­tur“ sei das, Wer­bung dafür auf Online-Partnerbörsen denk­bar. Eine kleine Krone glit­zert auf Nicole Sowa­des Kopf. In die­sem Out­fit gibt sie beim Panel „Was Auto­ren vom Self-Publishing erwar­ten kön­nen (und was nicht)“, des­sen Spre­cher Auf­bruch­stim­mung ver­brei­ten, Aus­kunft über ihr Enga­ge­ment bei der Selbst­ver­mark­tung: eine eigene Web­site, natür­lich, sowie Wer­bung via Face­book. Und ja, als Beauty-Queen ist sie nicht nur heute zum Spaß erschie­nen, damit sei sie über die Leip­zi­ger Buch­messe gelau­fen. Man müsse als Selbst­ver­le­ge­rin bei der PR „krea­tiv“ sein, sagt sie.

Ver­bis­sene Debatte über Geschäftsmodelle

Spie­gel Online hat zur Frage, wovon Musi­ker und andere aus der Bran­che leben, eine eigene Arti­kel­se­rie lau­fen (Audio­lith war dort schon Thema). Liest man sich die Kom­men­tare zu den Aus­künf­ten im dazu­ge­hö­ri­gen Forum durch, begeg­net man den auf­brau­sen­den Emo­tio­nen, wie man sie von der Debatte übers Urhe­ber­recht bereits kennt. Es wer­den meist Extrem­po­si­tio­nen ver­tre­ten, die Dis­kus­si­ons­kul­tur ist geprägt von Grenzüberschreitungen.

Was jedoch auf­fällt, ist der Hass, der dort den Künst­lern selbst gele­gent­lich ent­ge­gen­schlägt. Es wer­den dann Kari­ka­tu­ren von dro­gen­süch­ti­gen und geld­gie­ri­gen Faul­pel­zen gezeich­net, die jetzt, bedingt durch Ein­brü­che bei den Ver­käu­fen, end­lich bekä­men, was sie ver­dien­ten. Die Kari­ka­tur des Rock and Rol­lers, die Henry Witt beim re:publica-Panel als Show auf­führte, wird so ins Gro­teske getrie­ben. Man fragt sich, wie es zu die­sen nega­ti­ven Gefühls­aus­brü­chen kommt (zumin­dest schei­nen sie anre­gend auf die Fan­ta­sie zu wirken).

Von der Selbst­ver­mark­tung zur Selbstausbeutung

An gut gemein­ten Tipps zu neuen Geschäfts­mo­del­len, gerich­tet an Musi­ker und Auto­ren, man­gelt es im Netz nicht. „Free­mium“–Ange­bote wer­den dabei nahe­ge­legt, Social Media sowieso. In die Rat­schläge mischt sich aber bei­zei­ten ein beun­ru­hi­gen­der Ton. „Mach das so, wie wir sagen, sonst bist du bald weg vom Fens­ter!“, so oder ähnlich klingt das dann. Das Inter­net mar­schiere voran, ein jeder habe sich zu beei­len hin­ter­her­zu­kom­men. „Wieso gehen offen­bar viele Men­schen davon aus, dass sich alles andere an das Netz anpas­sen muss?“, fragte dazu Johnny Häus­ler, selbst Ver­fas­ser eines Ebooks, in sei­nem Blog.

Man könnte anneh­men, dass sich die selbst erklär­ten Tech­nik­de­ter­mi­nis­ten, die so rup­pig auf­tre­ten, bei den Umbrü­chen des digi­ta­len Wan­dels auf der Seite der Gewin­ner glau­ben, in einem zukunfts­si­che­ren Job. Oder han­delt es sich dabei eher um Mit­men­schen, die selbst in pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen arbei­ten und den Druck, den sie ver­spü­ren, an andere poten­zi­ell Über­flüs­sige in der „Krea­tiv­wirt­schaft“ weitergeben?

Bei der Ver­bis­sen­heit, mit der debat­tiert wird, wirkt es wohl­tu­end, mit wie viel Läs­sig­keit und Selbst­iro­nie die Musi­ker und Label­mit­ar­bei­ter von Audio­lith ihr Busi­ness vor­stel­len. Für die Ein­nah­men, über die sie berich­ten, würde wohl man­cher, dem Musi­ker und Künst­ler an sich als Nichts­nutze gel­ten, wohl nicht die Woh­nung ver­las­sen. „Übers Urhe­ber­recht machen wir uns keine Gedan­ken“, sagen sie zum Abschluss pro­vo­ka­tiv, wohl schon aus Vor­ah­nung, wel­che Rich­tung die sich anschlie­ßende Dis­kus­sion mit den re:publica-Besuchern neh­men könnte.

Nicole Sowade, die sich als selbst gekrönte Prin­zes­sin in die neue elek­tro­ni­sche Buch­kul­tur wagte, hat es als Ein­zel­kämp­fe­rin schwe­rer. Man mag ihr Erfolg wün­schen und kann zugleich hof­fen, dass ihre Bereit­schaft zum Selbst­mar­ke­ting nicht irgend­wann als Zwang auf ihre Mit­strei­ter am Markt zurück­wirkt. Denn eines ist gewiss: Bei den Debat­ten über neue Geschäfts­mo­delle und die Ver­mark­tung bis zur Selbst­aus­beu­tung, ob frei oder unter Ver­trag bei klas­si­schen Unter­neh­men, hört die Indus­trie sehr auf­merk­sam zu. Man kann sich schon fol­gen­des Ver­hand­lungs­ge­spräch vor­stel­len: „Ach so, Sie wol­len also, dass wir Ihren Fantasy-Roman ver­le­gen? Dann suchen sie sich schon mal ein pas­sen­des Gewand! Andere machen es ja auch.„

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