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Hendrik Hoffmann am 03.05.2012

Kulturkampf an den Schulen: Urheberrecht und Bildung

Meh­rere Panels auf der re:publica12 haben das Thema Urhe­ber­recht in Wis­sen­schaft und Bil­dung zum Thema. Im Zen­trum steht die Frage, ob das Urhe­ber­recht den Anfor­de­run­gen wis­sen­schaft­li­chen Arbei­tens und Ler­nens gerecht wird.

Panel: Das ent­fes­selte Wis­sen — Wie sieht ein Urhe­ber­recht für Bil­dung und Wis­sen­schaft aus

„Wis­sen­schaft ist ohne Urhe­ber­recht nicht mög­lich“, fin­det Judith Plü­mer, Mathe­ma­ti­ke­rin an der Uni­ver­si­tät Osna­brück und aktiv im Ver­ein Urhe­ber­recht für Bil­dung und Wis­sen­schaft e.V., weil Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler zur Aner­ken­nung ihrer For­schungs­er­geb­nisse auf Ver­öf­fent­li­chun­gen in Fach­jour­na­len oder Büchern ange­wie­sen seien. Dabei lohne sich die Ver­öf­fent­li­chung finan­zi­ell für die Auto­ren kaum, da ihr Hono­rar allen­falls ein „Taschen­geld“ sei.

Zudem wür­den Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler die Ver­wer­tungs­rechte ihrer Werke voll­stän­dig an den Ver­lag abtre­ten, das heißt sie kön­nen über die Wei­ter­gabe ihres geis­ti­gen Eigen­tums nicht mehr selbst ent­schei­den und es bei­spiels­weise für jeder­mann zugäng­lich im Inter­net ver­öf­fent­li­chen. Das habe ein­schnei­dende Kon­se­quen­zen für die wis­sen­schaft­li­che Lehre: Viele Hoch­schul­do­zen­ten seien ver­un­si­chert, ob und in wel­cher Form sie urhe­ber­recht­lich geschützte Mate­ria­lien ihren Stu­die­ren­den zur Ver­fü­gung stel­len kön­nen. Judith Plü­mer ver­zich­tet inzwi­schen kom­plett darauf.

Als Reak­tion auf diese Pra­xis haben sich mehr als 300 For­schungs­in­sti­tu­tio­nen und Uni­ver­si­tä­ten im Akti­ons­bünd­nis Bil­dung und Wis­sen­schaft zusam­men­ge­schlos­sen. Sie for­dern, dass „der Zugang zur welt­wei­ten Infor­ma­tion für jeder­mann zu jeder Zeit von jedem Ort für Zwe­cke der Bil­dung und Wis­sen­schaft sicher­ge­stellt wer­den“ muss, da Bil­dungs– und Ent­wick­lungs­chan­cen wesent­lich davon abhän­gen, wie der Zugang zu Wis­sen und Infor­ma­tio­nen gere­gelt ist.

Mit Schere und Kleb­stoff im digi­tale Zeitalter?


Video auf bpbtv: Schul­tro­ja­ner — Hin­ter­grund und Aus­wir­kun­gen erklärt von Felix Schaum­burg

Auch Felix Schaum­burg, Leh­rer an einer Wup­per­ta­ler Gesamt­schule, klagt sein Leid. Seine Schü­le­rin­nen und Schü­ler wol­len auf Schul­ma­te­ria­lien digi­tal zugrei­fen kön­nen — jeder­zeit und über­all. Doch die Inhalte von Schul­bü­chern dür­fen nur in ana­lo­ger Form ver­viel­fäl­tigt wer­den, eine digi­tale Spei­che­rung oder Wei­ter­gabe ist grund­sätz­lich aus­ge­schlos­sen. Bei Ver­stoß dro­hen Leh­re­rin­nen und Leh­rern dis­zi­pli­na­ri­sche Maß­nah­men sei­tens der Schulbehörde.

Die Debatte um den Ein­satz von Lern­ma­te­ria­lien im Unter­richt her­hielt im ver­gan­ge­nen Herbst Auf­trieb als die Pla­nun­gen für den soge­nann­ten „Schul­tro­ja­ner“ bekannt wur­den. Mit­hilfe eines Pro­gramms woll­ten die Lehr­buch­ver­lage alle Schul­com­pu­ter nach urhe­ber­recht­lich geschütz­ten Mate­ria­lien durch­fors­ten. Diese Idee ist inzwi­schen vom Tisch, den­noch sol­len die Schu­len in eini­gen Bun­des­län­dern nun Selbst­ver­pflich­tun­gen unter­schrei­ben, dass ihre Com­pu­ter „sau­ber“ sind.

Panel: Digi­tale Inte­gra­tion und Medienkompetenz

(© 2012 Bundeszentrale für politische Bildung)

Video auf bpbtv: Open Edu­ca­tio­nal Resour­ces dis­ku­tiert von Jöran Muuß-Merholz und Felix Schaumburg

Schon immer hät­ten Leh­re­rin­nen und Leh­rer aus ver­schie­de­nen Lern­ma­te­ria­lien mit­tels Schere, Kleb­stoff und Kopie­rer indi­vi­du­elle Arbeits­blät­ter für ihren Unter­richt zusam­men­ge­stellt, sagt der Päd­agoge Jöran Muuß-Merholz: „Heute geschieht das zuneh­mend in digi­ta­ler Form.“ Das Schul­buch sterbe einen lang­sa­men Tod (Das Schul­buch, König der alten Schul­me­dien, stirbt.) Dabei sei den meis­ten gar nicht bewusst, dass das ver­bo­ten ist. Selbst für die Unter­richts­vor­be­rei­tung zu Hause dür­fen kei­ner­lei Lehr­werke digi­tal gespei­chert oder bear­bei­tet werden.

Für ein wenig Ent­span­nung im Streit zwi­schen Ver­la­gen und Schu­len könn­ten die soge­nann­ten Open Edu­ca­tio­nal Resour­ces sor­gen: frei zugäng­li­che Unter­richts­ma­te­ria­lien, die unein­ge­schränkt genutzt, bear­bei­tet und ver­brei­tet wer­den dür­fen. Sie könn­ten die Ver­un­si­che­rung bei vie­len Leh­re­rin­nen und Leh­rern besei­ti­gen. Außer­dem wür­den die Schu­len ganz neben­bei mit der Ver­wen­dung kos­ten­freier Mate­ria­lien Geld spa­ren, das sie an ande­rer Stelle inves­tie­ren können.

Doch so ein­fach ist die Sache nicht. In vie­len Fächern sind Leh­re­rin­nen und Leh­rer auf urhe­ber­recht­lich geschützte Ori­gi­nal­quel­len ange­wie­sen, wie Gedichte oder Noten. Bis­her küm­mern sich die Ver­lage um die Ein­ho­lung der Ver­wen­dungs­rechte aus Dritt­quel­len. Außer­dem stel­len sie einen fes­ten Lehr­ka­non zusam­men, der von staat­li­chen Instan­zen geprüft wird und von den Leh­re­rin­nen und Leh­rern ohne Beden­ken genutzt wer­den kann. Die Qua­li­tät frei zugäng­li­cher Lern­ma­te­ria­lien ist noch sehr unter­schied­lich und muss erst von den Leh­ren­den sel­ber geprüft werden.

Links

  • cc-your-edu.de führt ver­schie­dene Web­sites mit frei zugäng­li­chen Bil­dungs­ma­te­ria­lien auf
  • segu-geschichte.de Lern­platt­form mit frei zugäng­li­chen Mate­ria­lien für den Geschichtsunterricht
  • joeran.de/oer Whi­te­pa­per zu Open Edu­ca­tio­nal Resour­ces von Jöran Muuß-Merholz und Felix Schaumburg
  • edushift.de Blog von Felix Schaumburg

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