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Robert Pitterle am 20.04.2011

Unsere re:publica 2011 — Fazit des Netzdebatte-Teams

Heute geht das letzte der Inter­views online, die netzdebatte.bpb auf der re:publica 2011 geführt hat. Damit ist unser Gast­spiel als Redak­ti­ons­team erst mal zu Ende. Das bedeu­tet nicht, dass es für euch an der Zeit ist, das Lese­zei­chen zu löschen oder das RSS-Abo abzu­be­stel­len — die Bun­des­zen­trale für poli­ti­sche Bil­dung wird das Blog bei geeig­ne­ten Anläs­sen wie­der akti­vie­ren, um netz­po­li­ti­sche Fra­gen zu dikutieren.

Nach der re:publica wurde von Besu­chern viel Unmut geäu­ßert. Kri­tik gab es zual­ler­erst an der Qua­li­tät der Panels, aber auch Grund­sätz­li­ches der Orga­ni­sa­tion wurde bemän­gelt, etwa das wack­lige WLAN-Netz und die Wahl der Räum­lich­kei­ten, die den Andrang kaum fas­sen konn­ten. Und tat­säch­lich, ein wenig chao­tisch war es durch­aus, als es am Mitt­woch­vor­mit­tag vori­ger Woche los­ging. Unter die­sen Bedin­gun­gen Inter­views zu pla­nen und zu füh­ren, Videos zu pro­du­zie­ren und Texte zu tip­pen ist, nun ja, eine Her­aus­for­de­rung. Wir haben es trotz­dem hinbekommen.

Wie war es für uns, von der Kon­fe­renz zu berich­ten? Hier einige Stim­men aus dem Netzdebatte-Team:

Fast For­ward. So eine Kon­fe­renz ist schnel­ler vor­bei als gedacht
Tobias Asmuth

Der Plan war jeden Tag ein, zwei Panels, einen Work­shop und viel­leicht so etwas wie ein Powerpoint-Karaoke oder Twitter-Lesung zu besu­chen. Als New­bie der digi­ta­len Gesell­schaft die gan­zen wirk­lich hei­ßen The­men eins nach dem ande­ren abha­ken. Am Ende sollte so etwas wie die dau­er­hafte Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung in der digi­ta­len Gesell­schaft ste­hen, zwar selbst aus­ge­stellt, aber irgend­wie auch beglaubigt.

Doch schon nach ein paar Stun­den war klar: Den Plan kannst du ver­ges­sen. Es gab ja schließ­lich den Auf­trag (und den eige­nen Ehr­geiz) als Chef vom Dienst (CvD) Inter­views zu orga­ni­sie­ren mit inter­es­san­ten Speakern der Kon­fe­renz. Und diese Speaker woll­ten erst­mal ange­spro­chen, betreut und vor die Kamera gestellt wer­den. Und das muss schließ­lich mit dem Team abge­stimmt werden.

Außer­dem sind Zeit­pläne ja dafür da, dass sie sich stän­dig ändern und ange­passt wer­den müs­sen. Was uns irgend­wie immer gelang. Unser Austoß an Videos und Tex­ten stei­gerte sich jeden Tag, bis zum Schluss Netzdebatte.bpb.de eine wirk­lich schöne Zusam­men­fas­sung der re:publica XI lie­ferte: Ob Daten­schutz oder Netz­neu­tra­li­tät, Kam­pa­gnen mit oder ohne Jour­na­lis­mus und Revo­lu­tio­nen im und außer­halb des Inter­nets. Wer die re:publica ver­passt hat, sollte sich das Blog unbe­dingt anschauen. Ich hab’s getes­tet und denke, es lohnt sich für Neu– als auch Dau­er­be­woh­ner der digi­ta­len Gesellschaft.

Selbst­ver­ständ­lich Video
Silke Albrecht

Hatte die Emp­fin­dung, dass wir als Video­team nicht jour­na­lis­ti­sches Bei­werk, son­dern unab­ding­ba­rer, auf eine gewisse Art selbst­ver­ständ­li­cher Teil der Sicht­bar­ma­chung der Ver­an­stal­tung und ihrer Besucher_innen waren. Geld­beu­tel irgendwo ver­legt — wurde bei der Fund­stelle abge­ge­ben. Fund­stü­cke wur­den getwittert.

Tweets aus den Tie­fen des Friedrichstadtpalasts
Till Stein­metz

Meine Anwe­sen­heit auf der re:publica 2011 beschränkte vor­wie­gend dar­auf, in den Tie­fen des Fried­rich­stadt­pa­las­tes – im Raum E09 – Videos für die Netz­de­batte zu bear­bei­ten, Rücken an Rücken mit den "offi­zi­el­len" Bewegt­bild– und Tweet-Lieferanten von Spree­blick (@cripple_me et. al.). Die­ser Pro­zess wurde unter­bro­chen durch die Inter­view­ter­mine, in denen Silke und ich uns das Equip­ment umhäng­ten, aus unse­rem Kabuff rann­ten, um unsere Gesprächs­part­ner aufzuzeichnen.

Neben eini­gen ande­ren Din­gen, von denen ich bei der re:publica gelernt habe, habe ich seit­dem einen Twitter-Account (@rinnzekete, siehe Schwit­ters "Urso­nate"). Ich habe gelernt, dass es "Hash­tags" gibt und man auto­ma­tisch ver­steht, was ein Shits­torm ist, sobald man nach #rp11 sucht (wel­ches die Bezeich­nung für die re:publica XI auf Twit­ter ist). Und ich habe gese­hen, dass man inner­halb einer Gruppe von Leu­ten, die Twit­ter benut­zen, sehr schnell an Infor­ma­tio­nen gelan­gen kann. ("Wie bezeich­net man Björn Grau in der Bauch­binde?" – "Hat jemand einen Geld­beu­tel gefunden?")

Wenn man dem Gezwit­scher im Netz­werk folgt, stellt man fest, dass es "Stars" der Twit­te­rei zu geben scheint, die durch irgend­wel­che – mir bis­her uner­find­li­che – Allein­stel­lungs­merk­male von mehr Leu­ten "gefol­lo­wed" wer­den als andere. Diese wie­derum fan­den sich anschei­nend auch sehr häu­fig als Red­ner auf der #rp11 wie­der. Da gibt es digi­tale Femi­nis­tin­nen, digital-reaktionäre (nicht reak­tio­näre) Nerds und viele, viele selbst ernannte digi­tale Witz­bolde. Inso­fern eine ziem­lich hete­ro­gene (digi­tale) Gesell­schaft – mit dem kleins­ten gemein­sa­men Nen­ner des Twitter-Accounts und des Smart­pho­nes in der Tasche.

Ich habe das alles noch nicht 100-prozentig ver­stan­den, in Hin­blick auf Gehalt und Rele­vanz – aber ich denke wei­ter dar­über nach.

Ver­dammt, den Agen­tur­punk auf der Blog­ger­kon­fe­renz verpasst!
Robert Pit­terle

Am Ende sah ich doch noch Rot. Gerade war gegen Mit­tag des letz­ten Tages der re:publica die Sonne her­aus­ge­kom­men, um die müden Gesich­ter der Besu­cher vor dem Fried­rich­stadt­pa­last auf­zu­ba­cken, da blitzte der berühmt-berüchtigte Iro in mein Sicht­feld: Sascha Lobo stand in der Schlange beim Kaffee-Ausschank. Der Agen­tur­punk war­tete, bis er dran war, als sei er einer von uns. Dabei hatte ich am Abend zuvor noch in der "Stutt­gar­ter Zei­tung" gele­sen, Lobo sei einer der Mäch­tigen unter den in Ber­lin ver­sam­mel­ten Tastendrückern:
    Auch wenn sich 3000 Netz­ak­ti­vis­ten zu einem Kon­gress tref­fen, geht es zu wie in der rea­len Welt: Einige wenige haben das Sagen, andere ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­blem. Einer, der das Sagen hat, ist Sascha Lobo.
Andere Zei­tun­gen prä­sen­tier­ten eben­falls alt­be­kannte Gestal­ten aus der Szene, um das Thema re:publica an ihre Leser zu ver­kau­fen. (Die Kri­tik, die der Ver­ein Digi­tale Gesell­schaft her­aus­for­derte, mag auch mit der Prä­senz von Grün­der Mar­kus Becke­dahl in den Nach­rich­ten zu tun haben.) Dass das Ber­li­ner Stell­dich­ein der Netz­welt keine reine "Blog­ger­kon­fe­renz" mehr ist, bei der die "Inter­net­ge­meinde" zu Wort­füh­rern wie Lobo & Co. "pil­gert", muss sich in man­chen Redak­tio­nen auf alle Fälle noch herumsprechen.

Was Lobo zu sagen hatte (hier ein Video-Mitschnitt), hätte ich aber tat­säch­lich gern live gehört, war doch die Troll-Plage einer mei­ner Schwer­punkte bei der re:publica 2011. Doch es gab viel ande­res, was mich inter­es­sierte, und so musste ich unent­schul­digt bei sei­nem Vor­trag feh­len. Im Panel "Media and Demo­cra­ti­sa­tion in Africa" erfuhr ich etwa von Jörn Schultz (GIZ) von einem digi­ta­len Bil­dungs­pro­jekt in Äthio­pien, und Adam Tho­mas berich­tete im Anschluss, an wel­cher Open-Source-Software die aus Prag stam­mende Non-Profit-Organisation Source­fa­bric bas­telt, um die leben­dige west­afri­ka­ni­sche Radio-Landschaft zu ver­net­zen und zu computerisieren.

Der Deutsche-Welle-Redakteur Zahi Alawi, ein Beob­ach­ter der ara­bi­schen Blog-Szene, klärte mich in sei­nem Panel zur "digi­ta­len Revo­lu­tion" dar­über auf, dass die Demokratie-Bewegungen in der Region tat­säch­lich von Social Media pro­fi­tier­ten (ich hatte da Zwei­fel). Und Jaclyn Fried­man, eine Frau­en­recht­le­rin aus den USA, brachte als "Action-Woman" zum Thema Netz­ak­ti­vis­mus in Online-Netzwerken so viel We-can-do-it!-Stimmung auf die Bühne des Fried­rich­stadt­pa­lasts, dass ich meine per­sön­li­chen Vor­be­halte gegen­über Face­book ver­ges­sen konnte (zumin­dest für die Dauer ihres ener­gie­ge­la­de­nen Vortrags).

Ver­folgt man die viel gele­se­nen deutsch­spra­chi­gen Blogs, könnte man gele­gent­lich auf den Gedan­ken kom­men, ein welt­be­we­gen­der Kon­flikt sei das in Online-Kommentaren erbit­tert geführte Schar­müt­zel zwi­schen Fan­boys von Apple und Micro­soft. Und um Frei­heit im Inter­net werde haupt­säch­lich zwi­schen Geg­nern und Befür­wor­tern von Google Street View gerun­gen. Dass die digi­tale Welt ein biss­chen grö­ßer ist, davon konnte ich mich auf der re:publica wie­der mal überzeugen.

Was bleibt… was war noch mal die Frage?
Sebas­tian Kauer

"Meine re:publica" fand — wie im letz­ten Jahr — vor der Tür statt. Bis auf zwei Ses­si­ons und einige Aus­schnitte habe ich keine der offi­zi­el­len Ver­an­stal­tun­gen mit­be­kom­men. Statt­des­sen stand ich im Foyer und sprach mit Leu­ten. Und wenn es die Netz­ver­bin­dung zuließ, habe ich in den Tweets zur #rp11 nach­ge­le­sen, was ich gerade verpasse.

Was bleibt unter die­sen Umstän­den von der re:publica? Vor allem zwei Ein­drü­cke. Ers­tens: Viele The­men der Kon­fe­renz sind unge­heuer span­nend für jeman­den wie mich, der sich lei­den­schaft­lich (und beruf­lich) mit Poli­tik beschäf­tigt. Zwei­tens: Wenn Men­schen dis­ku­tie­ren, die sich mit den Fra­ge­stel­lun­gen rund um die "digi­tale Gesell­schaft" wirk­lich aus­ken­nen, pas­siert das in den sel­tens­ten Fäl­len in all­ge­mein­ver­ständ­li­cher Form. Auch die Rele­vanz der Inhalte ist für Außen­ste­hende schwer ein­zu­schät­zen, gerade wenn sie — wie eine ganze Reihe Ses­si­ons der re:publica — mit bemüht ori­gi­nel­len oder wit­zi­gen Über­schrif­ten daher­kom­men. Viele Vor­träge emp­fand ich als Entertainment-Programm für Insider.

Mein Ver­ständ­nis der poli­ti­schen Dimen­sion des Inter­nets hatte einen Tag vor der re:publica Jan-Hinrik Schmidt in sei­nem Vor­trag bei einer Ver­an­stal­tung der bpb ganz gut auf den Punkt gebracht: "Es ist eine Schlüs­sel­frage des 21. Jahr­hun­derts, wie wir unsere Kom­mu­ni­ka­ti­ons­räume gestal­ten". Viel­leicht ein biss­chen pathe­tisch for­mu­liert, aber genau darum geht es.

Mein Fazit: Irgend­je­mand sollte das alles über­set­zen. Ich hoffe, wir haben mit netzdebatte.bpb.de ein biss­chen dazu beigetragen.

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