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pbaeumer am 15.04.2011

Eine kleine finanzielle Aufmerksamkeit

Der Mann auf der Bühne ist bar­fuß, aber "not down to earth at all", kor­ri­giert Peter Sunde schnell Spe­ku­la­tio­nen aus dem Publi­kum. Vor einem Jahr stellte der schwe­di­sche Pro­gram­mie­rer seine neue Micropayment-Plattform "flattr" auf der Re:publica vor. Sein Vor­trag könnte daher auch unter der Über­schrift "365 Tage spä­ter" lau­fen. Ähnlich wie der sei­nes Vor­red­ners Daniel Domscheit-Berg. Ohne das letzte (Wikileaks-)Jahr noch ein­mal nach vorne zu holen, prä­sen­tiert die­ser den Stand der Dinge zur Ent­wick­lung von Open­leaks — und lie­fert mit dem Dank für die ers­ten 600-Euro-flattr-Spenden neben­bei die per­fekte Überleitung.

Im Unter­schied zu 2010 ist der kleine grüne flattr-Button, der unten links an Posts auf nicht-kommerziellen Sei­ten wie kom­mer­zi­el­len klebt, kein Fremd­kör­per mehr. "Zumin­dest in Deutsch­land", sagt Peter Sunde und drängt mit flattr das eins­tige Label als "Piratebay-Macher" in den Hin­ter­grund. Das Bezahl-Modell, das im Prin­zip seit 2007 exis­tiert, ist eigent­lich schnell erklärt. Der Nut­zer füllt sein Konto und ver­teilt die­sen finan­zi­el­len Kuchen per Klick an seine Netz­fa­vo­ri­ten. Wie groß der Bei­trag aus­fällt, wird am Monats­ende abge­rech­net. Diese Alter­na­tive zu bis­he­ri­gen Bezahl­mo­del­len funk­tio­niert im Moment eher als klei­ner Bonus zur Auf­merk­sam­keits­wäh­rung in Form von Likes, Tweets und Positivkommentaren.

"Flattr this!"

Nach der re:publica-Präsentation vor einem Jahr sei die Nut­zung explo­diert, berich­tet Sunde. Ange­trie­ben von deut­schen Blog­ger­stars "Pos­ter­boys", wie Sunde sie nennt (> nach­zu­le­sen in den flattr-Charts). Obwohl zehn Pro­zent des Ein­sat­zes als Gebühr an flattr geht, wie­gelt er ab: "We do no busi­ness". Inner­halb kur­zer Zeit, ergänzt er jedoch, sei die Mit­ar­bei­ter­zahl von vier auf 13 gestiegen.

Char­ming rennt Sunde durch einen kur­zen his­to­ri­schen Abriss, bevor er die neuen und die kom­men­den Fea­tures ver­kün­det. Der Blick zurück för­dert auch das Pro­blem von "eigent­lich schnell erklärt" zu Tage. Die Auf­gabe, die sie lösen müs­sen: "Alle fin­den es irgend­wie cool. Aber kei­ner ver­steht es so rich­tig", erklärt er und zeigt zum Beweis das Video eines Blog­gers, der bei sei­ner Erläu­te­rung gran­dios scheitert.

Nun gibt es flattr-Seite neben Eng­lisch auch frisch über­setzt in Deutsch, Spa­nisch und Fran­zö­sisch. Nicht nur damit macht er klar, was er errei­chen will: Mehr. Mehr Macher, mehr Spen­der, mehr Gel­der. Schon jetzt sind neben Klicks, anonyme Direkt­spen­den (Dona­ti­ons) mög­lich. Ab Mai werde alles "flattr-bar". Tweets, Sei­ten, Dateien — die Inte­gra­tion in Media­player soll fol­gen. Außer­dem ist es mög­lich, sich auch außer­halb des Net­zes per QR-Code beim Stra­ßen­mu­si­ker zu bedan­ken. "Ist natür­lich auch Mar­ke­ting", lächelt Sunde.

"Flattr all!"

Zirka 100.000 Euro monat­lich, über­schlägt er zöger­lich, wür­den zur­zeit mit der Bezahl-Flatrate bewegt. In der Gewin­nung neuer Nut­zer wolle man "aggres­si­ver wer­den". Das sieht bezo­gen auf die nächste Stufe "flattr all" so aus: Pro­du­zen­ten, Blog­ger, Fil­me­ma­cher, müs­sen ihre Bei­träge nicht mehr erst für flattr frei­schal­ten. Man kann auch Nicht-Mitglieder damit beden­ken – ein­lö­sen kön­nen sie das aller­dings erst, wenn sie einen eige­nen Account anle­gen. Alle, die sich so an der Dis­tri­bu­tion betei­li­gen, und das ist eine wei­tere Neu­ig­keit, erhal­ten einen Anteil an den ein­ge­hen­den Gebüh­ren. Als ein bri­ti­scher Zuschauer fragt, wie sich flattr in Groß­bri­tan­nien, wo es bis­her kaum genutzt werde, durch­set­zen ließe, wie­der­holt Sunde seine Bot­schaft "Wei­ter­sa­gen, wei­ter­sa­gen, weitersagen".

In den Fra­gen aus dem Publi­kum deu­ten sich aber auch Unsi­cher­hei­ten an, die flattr beglei­ten: Wie wer­den die Geld­ströme bewacht? Kann es aus­ge­nutzt, miss­braucht wer­den? Wie lange blei­ben die Spen­den an Pro­du­zen­ten ohne Account in der War­te­schleife? Inwie­weit wer­den diese bedrängt? Gerät die nette Unterstützer-Idee doch noch zu einem regu­lä­ren Bezahl­mo­dell? Oder för­dert es etwa markt­ori­en­tierte Bei­träge, Pro­fit­zu­schnitt statt Kreativität/Kunst/journalistische Qua­li­tät? Punk­tum: Siegt am Ende das unför­mige Mons­ter namens Mainstream?

Auch in Deutsch­land läuft flattr bei Machern und Usern inso­weit noch in der Test­phase, das es unter­schied­li­che Inten­si­tä­ten der Nut­zung gibt . Einige Blog­ger bezie­hen bereits ein klei­nes, aber regel­mä­ßig Zubrot dar­über, wäh­rend es auf Sei­ten von Ver­la­gen noch die große Aus­nahme ist. Wie bei­spiels­weise bei der taz, die aber von sta­gnie­ren­den Ein­nah­men auf einem recht nied­ri­gen Niveau berich­tet. Der Jour­na­list und Blog­ger Richard Gut­jahr legte — nach­dem er im Januar nach Ägyp­ten gereist war, um von dort über Revo­lu­tion via Twit­ter und Blog zu berich­ten - den Kas­sen­sturz sei­nes Expe­ri­men­tes offen. Fast ein Fünf­tel der Ein­nah­men ging via flattr ein.

"Wir haben mehr Fra­gen als Ant­wor­ten", sagt Sunde und ergänzt enthu­si­as­tisch: "Wir expe­ri­men­tie­ren!" Daher gehört zunächst auch das kleine "Beta" neben dem flattr-Logo wei­ter zum Mar­ken­zei­chen. Genauso wie Sun­des Barfuß-Performance.

Ein aktu­el­les Inter­view im taz.blog

Außer­dem auf freitag.de Peter Sunde im Por­trät und in der Dis­kus­sion über Bezahlmodelle

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