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Robert Pitterle am 15.04.2011

Jaclyn Friedman, Action-Woman des Netz-Feminismus

WAM! Das ist nicht nur die Abkür­zung für Woman, Action & the Media, eine femi­nis­ti­sche Orga­ni­sa­tion, die Jaclyn Fried­man lei­tet. Mit einem ver­ba­len WAM! nach dem ande­ren ver­suchte die tem­pe­ra­ment­volle Ame­ri­ka­ne­rin Leben in den gro­ßen Saal des Fried­rich­stadt­pa­lasts zu brin­gen. Ob es an der Schüch­tern­heit des Publi­kums lag oder an des­sen Müdig­keit nach dem zwei­ten Tag des Panel-Hoppings auf der re:publica 2011 — der unter­halt­same Vor­trag unter dem pro­vo­kan­ten Titel "How Femi­nist Digi­tal Activism Is Like the Cli­to­ris" (etwa: "Warum femi­nis­ti­scher Netz­ak­ti­vis­mus wie die Kli­to­ris ist") ern­tete nicht so viele Lacher wie von Fried­man erwartet.

Des Eng­li­schen nicht ganz so mäch­tige Zuhö­re­rIn­nen könn­ten auch Pro­bleme gehabt haben, der Schnell­red­ne­rin zu fol­gen. Doch wer aber bei ihrem Tempo mit­hielt, sollte das nicht bereuen: Jaclyn Fried­man erklärte anhand einer Reihe von Bei­spie­len, wie Femi­nis­tin­nen erfolg­reich online arbei­ten kön­nen (und was sie bes­ser ver­mei­den soll­ten). Ihr Rat­schläge dürf­ten für Akti­vis­tIn­nen aus ande­ren Berei­chen sozia­len und poli­ti­schen Enga­ge­ments eben­falls inter­es­sant sein. Zwei davon seien hier genannt:

Netz­ak­ti­vis­mus hat nichts mit Click­ti­vism zu tun

Click­ti­vism oder auch Slack­ti­vism (ein Schmäh­wort, gebil­det aus "Sla­cker" und "Akti­vis­mus") kennt, wer auf Face­book mit Leu­ten befreun­det ist, die des Öfte­ren Peti­tio­nen für irgend­eine noble Sache wei­ter­lei­ten — und sich dabei gern auf die Signal­wir­kung von All-Caps und des gna­den­lo­sen Ein­sat­zes von Aus­ru­fe­zei­chen ver­las­sen. Ein­mal "Gefällt mir" geklickt, und schon ist der gute Zweck der Auf­merk­sam­keit entglitten.*

Jaclyn Fried­man meinte dage­gen bei ihrem Vor­trag: Mit dem Pos­ten eines Arti­kels, dem Hoch­la­den einer Web­site und dem Bet­teln um Klicks sei es nicht getan. Netz­ak­ti­vis­mus sei mit viel Arbeit ver­bun­den: Net­wor­king, das Knüp­fen und Pfle­gen von Kon­tak­ten, sei sehr zeitaufwendig.

Mehr noch: Der Aus­druck Click­ti­vism, der Online-Aktivismus mit Ober­fläch­lich­keit und Faul­heit in Ver­bin­dung bringe, ver­berge, wel­che emo­tio­nale "Kos­ten" dabei ent­ste­hen kön­nen: Eine Femi­nis­tin, die sich mit ihrem Enga­ge­ment im Netz posi­tio­niere, werde höchst­wahr­schein­lich das Ziel von Troll-Kommentare und Hass-Mails, Mord­dro­hun­gen seien nicht ausgeschlossen.

So sei es etwa Sady Doyle ergan­gen, einer Blog­ge­rin, die Ende ver­gan­ge­nen Jah­res unter dem Twitter-Hashtag #Moo­re­andMe eine Kam­pa­gne star­tete, um den Fil­me­ma­cher Michael Moore zu einer Ent­schul­di­gung zu bewe­gen (siehe: "Shits­torm zurück an den Absen­der" auf Netzdebatte.bpb).

Netz­ak­ti­vis­mus braucht Ver­stär­kung durch die Medien

Die #MooreandMe-Kampagne war erfolg­reich: Der Fil­me­ma­cher sah sich nach nur einer Woche zu einer Erklä­rung in einer Fern­seh­show gezwun­gen. Das schnelle Ein­len­ken Moo­res, so Jaclyn Fried­man, war aller­dings nicht nur dem Dau­er­be­schuss durch Tweets und feu­rige Blog-Beiträge zu ver­dan­ken. Die Blog­ge­rin und Jour­na­lis­tin Sady Doyle sei nicht in ihrer Social-Media-Nische unter Gleich­ge­sinn­ten ver­blie­ben, ihr sei es viel­mehr gelun­gen, ihre Aktion auf meh­rere mediale Kanäle zu ver­tei­len und diese mit­ein­an­der zu verknüpfen.

So ver­öf­fent­lich­ten Mit­strei­te­rin­nen Arti­kel in Online-Magazinen, diese wur­den wie­derum auf Face­book emp­foh­len oder mit dem Hash­tag #Moo­re­andMe auf Twit­ter ver­linkt — das Resul­tat waren wei­tere Texte auf ande­ren Web­sites als Reak­tion dar­auf. Eine Welle der Empö­rung brei­tete sich aus. Bis sich auch eta­blierte und Mas­sen­me­dien für die Auf­re­gung im Netz inter­es­sier­ten. Stehe eine Geschichte erst mal in einer renom­mier­ten Zei­tung wie der "New York Times", so Fried­man, wür­den auch Leute ner­vös, die ansons­ten Gegen­wind im Netz regungs­los über sich erge­hen ließen.

Humor-Offensive

Wäh­rend Jaclyn Fried­man ihren Leit­fa­den des Online-Feminismus im Fried­rich­stadt­pa­last vor­trug, wurde den Zuhö­re­rIn­nen bald klar: Die Ame­ri­ka­ne­rin hat jeden Tief­punkt des Netz­ak­ti­vis­mus, den sie erwähnte, schon selbst erlebt. Ver­mut­lich erklärt sich dar­aus auch ihr offen­si­ver Humor – anders wäre der Stress wohl nicht auszuhalten.

* Evgeny Moro­zov, ein noto­ri­scher Kri­ti­ker des Nut­zens von Social Media für poli­ti­schen Akti­vis­mus, hat 2009 einen beson­ders beschä­men­den Fall von Slack­ti­vism auf Face­book in sei­nem Foreign-Policy-Blog Net Effect beschrie­ben.

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