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Markus Heidmeier am 06.05.2013

Altherrenwitz. Finanzblogs wollen aus der Nische. So wird das nie was.

Die Veranstaltung "Finanzblogs: Intellektuelle Elite oder verständliches Massenmedium?“ wollte debattieren, ob Finanzblogs heute eine adäquate Quelle für Beratung und kritische Reflexion sein können. Nach dem Besuch der Diskussion kann das Fazit nur lauten: Mit diesen Leuten? Niemals! Eine Veranstaltungskritik.

Das Podium (v.l.n.r.): Franziska Bluhm, Dirk Elsner, Thomas Knüwer, Ulrich HeggeDas Podium (v.l.n.r.): Franziska Bluhm, Dirk Elsner, Thomas Knüwer, Ulrich Hegge Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (Mirko Tzotschew - Kooperative Berlin)

Es könnte eigentlich die Zeit des großen Wirtschaftsjournalismus sein: Die Finanzkrise hat alte Gewissheiten hinweggefegt, selbst Wirtschaftswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sind im Jahr fünf nach dem Lehman-Zusammenbruch einigermaßen ratlos. Eine Krise jagt die andere, Politik und Bürger sind verunsichert, die Angst um Spareinlagen und Aktienpakete geht um. Selbst die als sicher geltende Goldanlage schwächelt. Und keiner kann verständlich erklären, was da eigentlich gerade passiert an den Finanzmärkten, mit den Banken - mit ganzen Staaten.

Selbst dem Gros der deutschen Wirtschaftsjournalist/-innen fällt es schwer, kritisch, profund und gleichzeitig verständlich zu berichten. Mehr noch: Mit dem Ende der Financial Times Deutschland ist ein Finanzmedium, das sich unbequeme Berichterstattung über Unternehmen (und Banken) nicht nehmen ließ, im Erdboden versunken.

Es wäre also die Zeit für Graswurzel-Blogger, die Wirtschaft verständlich erklären, die den verunsicherten Bürgerinnen und Bürgern unabhängige Informationen geben. Doch die Zeit ist offenbar noch nicht angebrochen.

Eine Diskussionsrunde mit viel Altherrenwitz. Und wenig Erkenntnis.

Die vom re:publica-Sponsor Comdirect veranstaltete Debatte sollte diesen Fragen nachgehen. Besetzt war das Podium mit den beiden Unternehmensberatern und Bloggern Dirk Elsner und Thomas Knüwer, sowie der Chefredakteurin der WirtschaftsWoche Online Franziska Bluhm und dem Generalbevollmächtigten der Comdirekt Ulrich Hegge. Moderiert von der ehemaligen Ehrensenf-Moderatorin Jeanette Michaelsen blieb es beim "vielleicht“ und einer eher ernüchternden Diskussion, die in der Preisverleihung an die besten Finanzblogs ihren dazu passenden Abschluss fand. Das fällt sogar Michaelsen auf, die die Verleihung des zweiten Preises ironisch mit den Worten kommentiert: "Volle Spannung im Raum“. Das war witzig. Wenigstens etwas.

Ansonsten müssen sich die durchaus zahlreich erschienenen Zuhörerinnen und Zuhörer durch 50 Minuten mit wenig Substanz kämpfen. Die drei Männer in der Runde versuchen sich in Kalauern zu überbieten, während Franziska Blum von der WirtschaftsWoche Online kaum zu Wort kommt.

Kritisch wurde es nur, als sich Elsner, Knüwer und Hegge über die mangelnde Qualität deutscher Finanzblogs, insbesondere im Vergleich zur Szene in den USA, beklagten. Nicht nur inhaltlich seien diese zu dünn, zu wenig beratend, zu speziell, schlichtweg nicht verständlich. Vor allem seien sie auch ästhetisch nicht ansprechend. Blogger Thomas Knüwer fällt dazu ein, dass die Blogger doch mal ihre Frauen fragen sollten. Denn die kennen sich ja bekanntlich besser aus mit Ästhetik. Aha.

Keine falsche Analyse, aber auch keine Verbesserungsvorschläge. Im Gegenteil.

Es ist nicht so, dass die Kritik an dem unverständlichen Nerdtum, das auch die deutsche Finanzblog-Szene beherrscht, nicht trifft. Es ist nur so, dass den Podiumsteilnehmern nichts einfällt, was zu dessen Besserung beitragen könnte. Ganz im Gegenteil.

So wundert es nicht, dass am hitzigsten die Frage diskutiert wird, ob von Banken finanzierte Blogs nicht des Rätsels Lösung wären. Um es deutlich zu machen: Eine marginalisierte Finanzblogszene, die wohl auch am mangelnden Zutrauen der Leserinnen und Leser krankt, soll von jenen Banken gepäppelt werden, deren Produkte und Geschäftsgebaren im besten Falle kritisch beäugt werden sollen.

Um die Absurdität der Veranstaltung komplett zu machen, zeigt sich Comdirekt-Vertreter Hegge eher kritisch, was die Unterstützung von Finanzblogs durch Banken anbelangt. "Das finden die Leute nicht glaubwürdig“, räsoniert er. Derweil zeigt sich Blogger und Unternehmensberater Knüwer da optimistischer und mutmaßt: "In den nächsten Monaten werden Banken massiv in diesen Sektor gehen“. Verkehrte Welt.

Nicht unwahrscheinlich, dass er damit Recht behält. Der Finanz- und Wirtschaftsblogszene stehen dann noch härtere Zeiten bevor. Denn es bleibt zu hoffen, dass diesen von Banken protegierten Pseudo-Blogs dann wirklich niemand mehr Aufmerksamkeit schenkt. Darunter leiden werden jene, die sich um kritische Berichterstattung von unten bemühen.


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