Warnschild, Risiko, Gefahr

pbaeumer am 07.05.2013

Twitter und die Politik

#Wissenschaft: Drei Forschungsprojekte haben untersucht, wie Twitter in der politischen Sphäre genutzt wird – und wie es ankommt. Von Obamas und Romneys Strategien im US-Wahlkampf 2012, den Diskussionen um den Papstbesuch in Deutschland 2011 bis zur politischen Netzöffentlichkeit in Österreich.

Kopf-an-Kopf-Rennen in den USAZwei Kandidaten im US-Wahlkampf und zwei Twitter-Strategien. Während Romney auf negative Erwähnungen des Kontrahenten setzte, verließ sich Obama auf selbstreferientielle Tweets (© picture-alliance/AP)



Twitterstrategien im US-Wahlkampf 2012



Social Media-Kanäle im Wahlkampf zu nutzen, ist in den USA gängige Praxis politischer Kommunikation. Professor Axel Bruns von der University of Technology in Brisbane hat untersucht, welche Strategien die Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und Mitt Romney 2012 nutzten, um dem Wähler digital näher zu kommen. Bruns und sein Forschungsteam analysierten die Stile der beiden Gegner und werteten dazu in der heißen Wahlkampfphase ab September 2012 die Twitter-Datensätze der "persönlichen“ (@BarackObama und @MittRomney) und der Kampagnenaccounts (@Obama2012 und @TeamRomney) aus.

Der empirische Vergleich legt dabei zwei unterschiedliche Herangehensweisen offen:

Obama kommunizierte verstärkt über seinen persönlichen Account. Er nutzte Retweets von @Obama2012 und solche seiner Unterstützer, in denen er selbst erwähnt wird – als "selbstreferentiell“ charakterisiert Bruns diesen Stil. Kein einziges Mal hingegen erwähnte Obama seinen Gegner Romney. Der hingegen macht in seinen Tweets "obsessiv“ Obama zum Thema – im negativen Kontext natürlich. Eine "unglückliche“ Strategie, so Bruns, da er seinem Gegner so eine verstärkte Präsenz auf Twitter durch die höhere Anzahl an @mentions verschaffe. Unglücklich war auch die Arbeitsteilung von Romneys' Accounts gewählt: Während Obama besonders auf seinen stark frequentierten persönlichen Account setzte, entschied sich Romney zumeist für @TeamRomney und twitterte kaum persönlich.

Und noch ein Ergebnis brachten die Studien aus Brisbane: Sie bestätigten die wichtige Rolle im US-Wahlkampf, zum Beispiel durch den starken Anstieg an "mentions" während der Kontroversen wie etwa Romneys "47%“-Statement.

Wir sind Twitter? Der umstrittene Papstbesuch als Diskursthema



Den Twitter-Diskurs um die viel diskutierte Deutschland-Reise von Papst Benedikt im September 2011 hat Dr. Christian Nuernbergk vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU München untersucht. Dabei rekonstruierte er in seinem einjährigen Forschungsprojekt das strukturelle Muster des Diskurs-Netzwerks: Wie waren Gegner und Unterstützer über Twitter verbunden? Welche Accounts hatten Einfluss – und wenn, mit welchen Inhalten?

Mithilfe der in der Kommunikationswissenschaft neuen Inhalts- und Netzwerk-Analyse konnte er die "Themenkarriere“ der Papstdebatte identifizieren: Sie zeigte eine klare Ausrichtung auf ein Event – die Rede des Papstes im Deutschen Bundestag. Wobei diese stärker vom papstkritischen Umfeld getrieben schien, überwogen doch die Kritiker im Verhältnis von 3:1. Eine Kommunikation zwischen den Gruppen fand hierbei jedoch kaum statt: Kritiker und Unterstützer wiesen lediglich 16 Verbindungen auf. Vor allem etablierte Akteure waren innerhalb des Diskurses präsent, die jedoch nicht nur mit emotionalen und ironischen, sondern auch durch sachlich-neutrale Beiträge und Retweets sichtbar wurden.

Offen für außen: die politische Twittersphäre in Österreich



Offenheit entdeckten hingegen Axel Maireder von der Universität Wien und Julian Ausserhofer vom Web Literacy Lab Institut für Journalismus. Im Mittelpunkt ihrer Forschungen stand der dynamische Austausch zwischen ganz unterschiedlichen Gruppen und Akteuren zu innenpolitische Themen in Österreich. Sie stießen hier auf eine Twittergemeinde, die langfristiger interagiert und bei der die Nutzer im Zentrum stehen. Das Netzwerk besteht aus politisch etablierten Akteuren, Lobbyisten und Experten, Bürgern und Journalisten. Dominierend dabei seien vor allem Grüne Politiker und Journalisten. Das Interessante: Zeichnet man ein Cluster der Gruppen, so zeigt sich, dass es mehr Schnittmengen als Trennlinien zwischen den einzelnen Subgruppen gibt – ein Netzwerk, das offen für Partizipation von außen ist. 145.356 Tweets haben Maireder und Ausserhofer dekodieren lassen, um herauszufinden, welche innenpolitischen Themen diskutiert wurden. Tagsüber stark als Broadcastmedium für innenpolitische Themen verwendet, dominiert abends der Dialog. Hier zeigte sich, dass Twitter und die klassischen Massenmedien unterschiedliche Themen auf ihrer Agenda haben:

Während langatmige Themen wie die Finanzkrise eine große Rolle in der Presse spielte, wurden in erster Linie aktuelle, sensationelle Ereignisse auf Twitter diskutiert. Aus den Ergebnissen ihrer Studie schließen die beiden Forscher, dass sich die frühere massenmediale Öffentlichkeit der Journalisten als "gatekeeper“ in die Kommunikationsspähren der Social Media verlagert hat. Mit Untersuchungen dieser Art kommt die Wissenschaft einen Schritt weiter beim Verständnis der Frage nach der Umverteilung von Kommunikation in die Gesellschaft. Die Frage, die aber hinsichtlich der Integrationsfunktion internetbasierter Kommunikationstechnologien am Ende immer noch offen bleibt: Welche Auswirkungen hat die Entwicklung einer Netzöffentlichkeit auf die Verteilung von praktischer und gesellschaftlicher Macht? Ist die partizipative, offene, diskussionsfreudige Netzöffentlichkeit auch unsere "Offline-Öffentlichkeit“?



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