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André Nagel am 07.05.2013

Facebook – vom Revolutionsmacher zum Revolutionsgegner?

Vor nicht einmal zwei Jahren sprach Zahi Alawi, freier Redakteur bei der Deutschen Welle, schon einmal auf der re:publica. Das Thema damals: Facebook - Revolution in der arabischen Welt. In seinem Workshop auf der diesjährigen re:publica zeichnete Alawi nun ein anderes Bild von der Rolle der sozialen Medien und deren nachrevolutionärer Bedeutung in Ägypten. Seine Bestandsaufnahme fällt düster aus:

Zahi Alawi auf der re:publica 2013Zahi Alawi ist seit 2010 auch als Trainer im Online-Journalismus für die DW Akademie in den arabischsprachigen Ländern unterwegs. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (Annika Meixner)

Noch bis heute klingen die euphorischen Stimmen nach, die Social Media wie Facebook, Twitter und Blogs eine zentrale Rolle im Arabischen Frühling zusprachen. Als Werkzeuge der Revolution dienten sie nicht nur der Informationsverbreitung, sondern auch und vor allem der Organisation von Protest.

Zwei Jahre nach dem Sturz des Mubarak-Regimes, den anschließenden demokratischen Wahlen und der Ernennung Mohammed Mursis zum Staatspräsident ist das Land gespalten, gesellschaftlich wie politisch. Schuld daran ist Alawi zufolge eine zunehmende Polarisierung, die sich aus dem Alleinvertretungsanspruch der hinter Mursi stehenden Muslimbruderschaft und einer Radikalisierung der liberalen Opposition speist. Den "Krieg“ auf den Straßen verstärkt dabei der beiderseitige propagandistische Einsatz von Social Media bzw. wird er zum Teil überhaupt erst durch diesen entfacht. Beispielhaft zeigt Alawi Videos auf YouTube, die unterlegt mit martialischer Musik Protestszenen auf dem Tahir-Platz, Eingriffe der Staatsgewalt oder die Vergewaltigung einer jungen Frau zeigen. Dabei nutzen Anhänger der Muslimbruderschaft wie der Opposition die gleichen Quellen, nur eben jeweils mit anderen Botschaften. Problematisch wird das insbesondere dadurch, dass sich auch zwei Jahre nach der Revolution keine freie und unabhängige Presselandschaft entwickelt hat. Wo Mubarak noch mittels indirekter Zensur die Presse kontrollierte, bestimmt heute Geld und Politik die Berichterstattung.

Auf die Rückfrage aus dem Publikum, ob denn eine Besserung der Lage in Sicht sei, antwortete Zahi Alawi resigniert und wenig optimistisch. Das Beispiel Ägypten zeigt aber vor allem eins: Social Media können gesellschaftliche wie politische Spannungen durch einen intensivierten Dialog zwar auflösen, sie können Konflikte aber auch verstärken.

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Kommentare anderer Nutzer

Martin | 08.05.2013 um 11:48 [Antworten]

Morozow hat doch recht

Alawi erklärt, was wir schon von Morozow erfahren haben.


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