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pbaeumer am 07.05.2013

Wikipedia zweigeteilt

Der Vortrag war der unterhaltsame Teil der Session, die Fragen danach der wirklich spannende.

Zwei Rücken der Zuschauer verdecken einen Teil des Bildes. In der Mitte aber sind die Speaker Pavel Richter, Dirk Franke und Anja Ebersbach zu sehen. Im Hintergrund steht das Impressum der Wikimedia DeutschlandOffene Fragen beim Publikum, nicht für alles boten die Speaker Antworten - dafür viele Kontaktmöglichkeiten für das weitere Diskutieren. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Eigentlich war das anders geplant, sagten die Speaker zu Beginn des Wikipedia-Panels. Was sie meinten: Ursprünglich waren zwei getrennte Vorträge von Dirk Franke aka Wikipedia-Admin "southpark“ und den Vertretern von Wikimedia-Deutschland Anja Ebersbach und Pavel Richter eingereicht worden. Diese im besten Wikipedia-Sinne kollaborativ zusammen führen, klappte reibungslos, das Verhältnis zum Publikum zu kitten, wurde dafür schwieriger.

"Wikipedia: wo User geblockt, Artikel gelöscht und Reputationen zerstört werden“ – der Titel klang nach Endzeit, war jedoch eher eine kurzweilige Aneinanderreihung von Keyfacts und Anekdoten über die Wikipedia und aus dem Leben der Wikipedianer. Die Online-Enzyklopädie quasi kurz zusammengefasst und einige vermeintliche Tatsachen zurecht gerückt: Die Online-Enzyklopädie ist eine Stiftung, die zum Beispiel mit den in 2012 gesammelten 27 Millionen Dollar Spenden nicht die Autoren, sondern Netzwerkorganisation, Programmierer, Server etc. bezahlt. Auch die 280 Sprachversionen sind inhaltlich nicht alle gleich, sie spiegeln kulturelle Unterschiede wieder, wie unter anderem die verschiedenartige Aufarbeitung der Beiträge zum Thema "Abtreibung“ in der englisch- und der deutschsprachigen Wikipedia zeigt.

"Ein trauriges Thema"

Die ständige Aktualisierung der Inhalte hat Vorteile: Wissen werde einfach schneller auf den aktuellen Forschungsstand gebracht, wie etwa die Entdeckung der tatsächlichen Länge des Rheins zeige. Aber so versprach die Ankündigung, auch die schmutzigen Wikipedia-Geheimnisse sollten aufgedeckt werden: Das "Frauen- bzw. Männerproblem“. Dem Gerücht, dass die Wikipedia-Autorenschaft nur aus Männern bestünde, begegnete Anja Ebersbach mit Zahlen - zirka 9 bis 19 Prozent seien Frauen. Trotzdem zu wenig, sagte sie und nannte es "ein trauriges Thema“, an dessen Ursachenforschung allerdings gearbeitet werde.

Welche Bedeutung die Quellenangaben in der Wikipedia haben, illustrierte das legendäres Beispiel um den Hoax, dass die Karl-Marx-Allee auch das "Stalins Badezimmer“ genannt würde. Der Wikipedia-Eintrag wurde in Reiseführern und der Presse vielfach zitiert und erst durch den Artikel des Journalisten aufgedeckt, der diese Bezeichnung einst in einer Weinlaune in der Wikipedia platziert hatte.

Sofort wieder gelöscht - "Und das ist gut so"

Freiwillige sind Freiwillige sind Freiwillige – so etwa könnte man die zentrale Botschaft von Dirk Franke beschreiben. Und das heißt auch, dass sie sich nicht komplett kontrollieren lassen. Es gibt im klassischen Sinne keine Redaktion, stattdessen erfolgt die Vernetzung untereinander eben freiwillig, so wie auch die dafür aufgewendete Zeit. 800 von 1200 Beiträgen werden sofort wieder gelöscht "und das ist gut so“, meint der erfahrene Admin Franke. Denn der Großteil bestehe aus Drei-Wort Testzeilen, Verleumdungen von Achtklässlern oder anderem schlicht Nichtrelevantem.

Der kurze Abriss durch die Wikipedia-Organisation mündete zwar auch in Applaus, vor allem aber in offenen Fragen und Kritik aus dem Publikum. Beides kam geballt: Das Fachchinesisch der Admins verstehe keiner, der Umgangston sei abschreckend rau, äußerten sich enttäuschte Stimmen. Steige einigen die Macht zu Kopf? Die Themen Umgangsformen und Relevanzkriterien und besonders die Genderdebatte um eine latente oder auch offene Diskriminierung in der Wikipedia sorgten für heftige Reaktionen beim Publikum, befeuert von einigen unglücklichen Erklärungsversuchen des Podiums, welche Eigenschaften Frauen und welche Männer ausmachen würden und wie man mehr Frauen für die Wikipedia gewinnen könne.

Ein "Aber" bleibt

Am Ende kamen sich die Wikipedia (wenn man so will) auf der Bühne und die potentielle Wikipedia-Community im Publikum dann aber doch wieder näher. Dabei half sowohl das Eingeständnis, dass das Thema Feedbackeinbindung von Leser/-innen in der Vergangenheit verschlafen worden war, wie auch die Ankündigung über Bewertungsbuttons für Artikel nachzudenken. "Allein das am Laufen halten eines so großen Netzwerkes ist keine kleine Sache“, erklärte Pavel Richter noch. Ein Umstand, der allgemeine Zustimmung fand. Bemerkenswert war so der Gleichklang vieler Wortmeldung, er begann stets mit: "Vielen Dank für eure tolle Arbeit, aber…“. Ein Aber, das letztlich ohne echte Entgegnung blieb.

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