Leiterplatte

gschlossmacher am 07.05.2013

Fragend gehen wir voran!

Die Kernthese des Panels war klar: Staaten und globales Kapital – kurz die herrschende Macht – geben sich alle Mühe das Internet zu regulieren, um die eigene Vormachtstellung zumindest aufrecht zu erhalten. Eine streitbare These über die zu streiten sich lohnt. Zum Streit gehören aber unterschiedliche Positionen. Ohne, bleibt der Streit nur ein Austausch von Meinungen.

Besucher der re:publica 2013.Den "Krieg" verloren? Besucher der re:publica 2013. (© Mirko Tzotchew)

Die Programmankündigung des Panels "Das kleine Digitale und das große Ganze. Internetaktivismus, Netzbewegung und Politik" gab die Richtung vor: "Soziale Bewegungen [sind] gefordert, den Kampf um das Internet gemeinsam zu gewinnen."

Kathrin Glanz, Hans Christian Voigt und Anne Roth leiteten die Diskussion und führten kurz in das Thema ein; re:publica, zweiter Tag 10 Uhr früh, dennoch, eine volle Stage 4.

"Das Internet ist ein Heizsystem, das sich auf die Gesellschaft auswirkt", malte Hans Christian Voigt sein Bild von den Möglichkeiten des Netzes und seiner Bedeutung für den Wandel sozialer Strukturen. Doch wohin geht die Reise? Es geht um "Lebensbedürfnisse". Das klingt nachvollziehbar, doch um wessen Lebensbedürfnisse geht es hier? Die digitale Gesellschaft solle zeigen, in welche Richtung wir uns entwickeln und wo wir stehen, wenn dieser Prozess einmal abgeschlossen ist. Wie diese Gesellschaft aussehen soll, das blieb vorerst offen.

Bloggerin Anne Roth formulierte es direkter: Haben wir den Krieg verloren oder gewonnen? Sind die freien Strukturen, die wir aufgebaut haben, von anderen kaputt gemacht worden? Ist das Internet heute restlos durchkommerzialisiert? Roths Antwort: "Wir haben volle Kanne verloren!" Eindeutiger kann man es nicht formulieren, und die Gründe liefert sie gleich mit: Roth verwies auf die jüngste Äußerung eines FBI-Mitarbeiters, dass natürlich "alles" gespeichert werde, erinnerte an Fingerabdrücke auf Pässen und all die anderen Formen und neuen Möglichkeiten der Überwachung von Menschen. Die Bloggerin könnte die Liste vermutlich endlos fortsetzen. Unoptimistisch gab sich die Politologin dennoch nicht und versuchte sich in einem gewagten Vergleich: Auch in Europa habe man den Krieg verloren, denn am Ende habe sich hier der Neoliberalismus durchgesetzt! Dennoch würde man weiter kämpfen und der Kampf um ein freies Netz böte zudem noch so viele Lücken, die nutzbar seien. Außerdem: "was bleibt uns anderes übrig?" Ob der Teil Europas, der 45 Jahre lang das vermeintliche Gegenstück er- und durchleben durfte, besagten Krieg auch als "verloren" betrachtet, wäre eine berechtigte Frage gewesen, die jedoch heute nicht gestellt wurde.

"Welche Bedeutung hat das Internet für den strukturellen sozialen Wandel ?"



Das Publikum beschäftigte die Frage, ob Institutionen nun eigentlich überflüssig würden, da ihre Existenzberichtigung, Interessenvertretung und -organisation, doch nicht mehr gegeben sei. Schulen, Parteien und Politik seien schließlich Relikte einer Zeit vor dem Internet. Die Antwort des Podiums: "Eine berechtigte Frage über die man nachdenke müsse." Am Sozialismus habe man schließlich gelernt, dass Utopien sich nicht planen ließen. An diesem Morgen verlief viel im Konjunktiv.

Ein anfangs geäußerte Gedanke von Voigt fand in der Diskussion noch einmal Nachklang: Der Wiener Soziologe hatte die heutige Gesellschaft als eine sich noch immer in einer Nachkriegszeit Befindende klassifiziert: Nach zwei Kriegen und Klassenkampf sei eine Nachkriegsgeneration mit dem Wiederaufbau beschäftigt, auch für die zweite Generation sei der Aufbau präsent gewesen. Die Dritte hätte das Aufgebaute verwaltet und wäre dabei erstarrt. Voigt nannte das eine logische Konsequenz. Durch die Möglichkeiten, die eine vierte Generation heute zur Verfügung habe, könne diese nun aber aus der Starre hinaus brechen; beispielsweise durch den "transnationalen Austausch in Sachen Konzepte".

Die wirklich spannenden Gedanken lieferte am Ende das Auditorium: "Die zentrale Frage ist doch, wie kommen wir aus dem Netz raus? Auch wenn wir uns da ganz wohl fühlen." Natürlich könne man im Internet viel bewegen aber "wirklich laut" würde man erst draußen werden können. Doch laut wofür eigentlich? Das Netz als Instrument zur Mobilisierung, klar. Doch wen mobilisieren und mit welcher Zielsetzung?

Abschließende Worte fand nach einer Stunde Anne Roth und verwies auf das Motto der Zapatist/-innen. Doch auch diese letzte Eingabe beantwortete nur wenig: Die Parole der mexikanischen Befreiungskämpfer/-innen lautet: "Fragend gehen wir voran!"



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Kommentare anderer Nutzer

Anne Roth | 12.05.2013 um 11:42 [Antworten]

Kalter Krieg

Vielen Dank für den ausführlichen Bericht!

Die Interpretation allerdings, ich hätte gesagt, "auch in Europa habe man den Krieg verloren" finde ich gewagt und ziemlich missverständlich.

Oder mich auf die Seite des real-existierenden oder irgendeines Sozialismus geschlagen. Ganz sicher nicht. Gemeint habe ich an der Stelle - nicht besonders kontrovers, glaube ich -, dass sich nach dem Ende des Kalten Krieges der Neoliberalismus durchgesetzt hat. Dessen einzige Alternative ja nicht der Sozialismus ist oder war. Ganz im Gegenteil: die ostdeutschen DissidentInnen etwa wollten doch etwas ganz anderes als entweder den gehabten "Sozialismus" oder aber das westdeutsche System.
Auch "Neokapitalismus" gehört übrigens nicht zu meinem Vokabular - gesagt habe ich, siehe oben, "Neoliberalismus".


 

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