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Lydia Meyer am 07.05.2013

Über Digital Humanities, Open Access und India Vision 2020

Ständig reden alle von Open Access. Doch was ist das überhaupt? Und vor allem: Was kann ich damit anfangen? Dienstagmittag diskutieren David Berry, Mercedes Bunz, Cornelius Puschmann und Nishant Shah über Open Access und Digital Humanities. Für Fortgeschrittene. Wir fangen mal ganz vorne an. Und haben 1000 Fragen.

Puschmann, Berry, Bunz, ShahPuschmann, Berry, Bunz, Shah (© Mirko Tzotschew/Kooperative Berlin)

Begonnen hat alles in den 1990ern. Damals formierte sich die so genannte Open Access Bewegung. Menschen kamen zusammen, um Wissenschaft, die schließlich von der Öffentlichkeit finanziert wird, zurück in die Hände derjenigen zu legen, die auch dafür bezahlt haben. Also alle.

Open Access - Was ist das überhaupt?

Open Access meint den freien Zugang zu wissenschaftlicher Literatur im Internet. Frei heißt: jede und jeder kann online lesen, herunterladen, verlinken, ausdrucken – ohne etwas dafür zu bezahlen. Unter Umständen und mit der Vergabe bestimmter Lizenzen kann das Ganze dann auch noch frei weitergenutzt und vervielfältigt werden. Bisher ist frei zugängliches Wissen im Netz noch Utopie, doch der Wunsch nach einer offeneren Wissenschaft für alle wächst und wächst.

Und was sind Digital Humanities?

Digital Humanities sind weder digitale Humanisten noch erste Cyborgs mit implantierten Computer-Brain-Interfaces. Digital Humanities meint: Digitale Geisteswissenschaften. Es geht also – mal wieder – um Digitalisierung: Alles hat sich verändert. Und auch die Wissenschaften wandeln sich permanent. Wissenschaft war nie statisch, sondern stets im Fluss – jedoch fließt sie im Zeitalter der Digitalisierung immer schneller. Und Fortschritt bedeutet immer auch Arbeit: Wo es mehr Information gibt, muss auch mehr gelesen und gewusst werden.

Wieso weiß ich von alledem nichts?

Begriffe wie Open Data und Open Access sind bisher nicht in der breiten Öffentlichkeit angekommen, sondern liegen noch immer in den Händen einzelner Individuen, die sich in einem abgeschlossenen Mikrokosmos mit eigener Fachsprache bewegen. Laut Cornelius Puschmann muss das Thema Open Access allerdings raus aus den Händen einzelner, durchdigitalisierter Individuen und rein in die breite Masse. Open Access geht uns alle an. Digitalisierung ist schließlich überall. Sie rückt weiter und weiter vor in unser Leben, unseren Alltag, unsere Wissenschaft.

Doch wie soll ich mich für etwas einsetzen, das ich nicht verstehe?

An diesem Punkt kreuzen sich auch die Begriffe Open Access und Digital Humanities: Wenn wissenschaftliche Literatur für alle frei verfügbar und im Netz zugänglich ist, muss sie dann nicht auch für alle verständlich sein? Ist wissenschaftliche Fachsprache längst überholt?

Und woanders?

Aus einer etwas anderen Perspektive blickt Nishant Shah auf das Thema Open Access. Er kommt aus Indien und erklärt zunächst die India Vision 2020, ein Projekt des ehemaligen indischen Präsidenten Kalam. Er wollte Indien aus dem Stadium eines "Entwicklungsland" heben: Bis zum Jahr 2020 soll Indien ein "Smart State" sein. Den Weg dorthin sollen unter anderem Open Data Streams bereiten.

Was heißt Open Access für Shah?



Er vergleicht die gerade erst vergangene Debatte um die Privatisierung von Wasser mit dem Ist-Zustand von Open Access und Open Data. Wissen sei zur Zeit eben auch ein privates Gut, dass in die Hände aller, der Gemeinschaft gehört. Wie Wasser eben. Es geht ihm also um mehr als Open Data: Open Knowledge, Open Access, Open Software.

Doch erinnert er auch daran, dass ein Punkt bei der Diskussion um Open Data bisher gerne außer Acht gelassen wurde: Daten sind menschengemacht und niemals neutral. Sie sollten also auch entsprechend behandelt werden. Hier sollte man ansetzen; die zentrale Frage sei mithin: Wie sieht ein offener Mensch eigentlich aus? Besonders wichtig seien dabei die Schlagworte Sicherheit, Freiheit und Privacy. Wenn Daten von Menschen gemacht werden, muss schließlich auch alles, was mit diesen Daten gemacht wird, mit Menschen und deren Bedürfnissen zu tun haben.

Seiner Meinung nach muss Open Access also vom Menschen aus gedacht werden. Welche sozialen und politischen Faktoren werden dort relevant? Shah weist auch auf Differenzen bei der Definition von Open Access hin: Während die westliche Welt Open Access vor allem für Wissenschaften fordert, beginnt für Shah Open Access bereits auf einer Ebene außerhalb des Elfenbeinturms von Universitäten und Akademien. Schon dort, wo Bildung beginnt, sollte für ihn auch Open Access ansetzen: in der Schule. In Indien könnte auf diese Weise Bildung einfacher vermittelt werden – weil sich plötzlich alle die Schulbücher leisten könnten, die den Weg zu einem selbstbestimmten Leben ebnen.

Um Daten für die breite Masse interessant zu machen, müssen diese vor allem eines sein: relevant für möglichst viele Menschen. Doch was heißt das: Raus aus dem Tempel der Wissenschaften? Rein in den Alltag?

Was bleibt, sind 1000 Fragen

Frau Bunz, Herr Schah, Herr Puschmann und Herr Barry, wir hätten da noch ein paar Fragen an Sie: Wie unterscheidet sich das Verständnis von Open Access von Land zu Land? Von welchen Faktoren hängt das ab? Wie können wir voneinander lernen? Was bedeutet Offenheit denn eigentlich für welche Gesellschaft? Wie groß ist der Unterschied zwischen so genannter Erster und Dritter Welt? Wie kann Open Data dazu beitragen, diese klaffende Lücke zu verkleinern? Wie können wir ein Thema wie Open Access der breiten Masse zugänglich machen? Und wie fangen damit wir an?


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