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netz_pstegmann am 07.05.2013

Abschiebehaft statt re:publica

Als die Veranstalter die re:publica am Montagmorgen eröffnen, haben sie eine verstörende Nachricht für die Anwesenden: Einer der Sprecher, Adriankoto Ratozamanama aus Madagaskar, ist nicht wie geplant auf der Konferenz. Er sitzt im Abschiebegefängnis in Paris. Die Geschichte einer verworrenen Reise.

Wäre alles gelaufen, wie es sollte, wäre Adriankoto Ratozamanana am Montagmittag auf der re:publica aufgetreten und hätte das von ihm mitbegründete Habaka-Netzwerk vorgestellt. Eine Organisation, die sich der digitalen Fortbildung und Vernetzung junger Menschen in Madagaskar verschrieben hat. Doch es sollte ganz anders kommen.

Bereits am Freitag begibt sich Ratozamanana auf den Weg nach Europa, nachts um eins besteigt er seinen Flieger in der Hauptstadt Antananarivo und macht sich auf den Weg nach Paris, von wo er am nächsten Morgen weiter nach Berlin fliegen will.

Er ist guter Dinge: Die re:publica ist nicht seine erste Konferenz in Europa, doch über seine Einladung nach Berlin freut er sich besonders. Am Pariser Flughafen in Paris gibt es plötzlich Probleme: Die Grenzbeamten glauben dem jungen Mann nicht, dass er nur auf der Reise nach Berlin ist, um hier die Konferenz zu besuchen. Sein Visum, bei dem er bereits Einkommensnachweise, Einladungen und Empfehlungsschreiben vorlegen musste, reicht plötzlich nicht mehr aus für die Einreise nach Europa.

Er will einen Internetzugang. Und landet im Gefängnis.

Die Frage, ob er die notwendigen Papiere nicht online vorzeigen dürfe, wird mit der Auskunft verneint, es gäbe hier am Charles-de-Gaulles-Flughafen keinen Internetzugang. "Das muss man sich vorstellen: Da sind wir ja in Afrika weiter, da gibt es zumindest Internetzugänge am Flughafen“, lacht er.

Die Grenzbeamten bringen ihn vom Flughafen an einen anderen Ort; hier, so sagt man ihm, könne er dann Internet bekommen und die Unterlagen nachweisen. Sie bringen ihn - in ein Abschiebegefängnis.

Dort wird er vier weitere Tage unter unwirklichen Bedingungen festgehalten; ein Anwalt wird ihm verwehrt, dafür müsse er mindestens 1000 Euro bezahlen. "Die Beamten dort waren überhaupt nicht darauf aus, das Problem zu lösen. Sie wollten nur, dass ich Frankreich möglichst schnell wieder verlasse.“

Was folgt, ist ein absurdes Schauspiel: Ratozamanana wird jeden Tag zum Flughafen gefahren mit dem Kommentar, er könne ja wieder nach Hause fliegen. Doch er möchte nicht, schließlich hat er eine Einladung nach Berlin. Also geht es zurück ins Gefängnis.

Am Montag dann, Ratozamanana sollte längst in Berlin sein, kommt Bewegung in die Angelegenheit. Die Organisatoren der re:publica setzen das politische Berlin in Bewegung: Das deutsche Außenministerium und human right watch schalten sich ein.

Das Internet als Mittel wider des europäischen Grenzregimes?

Während Ratozamanana den Montag in einem Abschiebegefängnis in Paris verbringt und nicht weiß, was um ihn geschieht, wird in Berlin die re:publica unter dem Jubel hunderter Anwesenden eröffnet. Wie ironisch: Man sei stolz, verkündet Johnny Häusler, dass der Kongress immer internationaler werde. Gleichsam verkünden die re:publica-Veranstalter, dass einer der Referenten nicht kommen könne, weil er in Paris in Abschiebehaft sitzt.

Am Abend dann ist es tatsächlich soweit: Ratozamanana wird um 19 Uhr frei gelassen, zu spät für einen Flug nach Berlin. Er muss noch eine Nacht auf dem Flughafen verbringen, bevor er am Dienstagmorgen endlich seine Reise nach Deutschland fortsetzen kann.

Natürlich, Adriankoto Ratozamanana ist verärgert ob der Schikanen der europäischen Grenzregelungen. Doch seine Botschaft, sagt er, sei eine andere: Das Internet könne auch dieses Problem lösen. Mit besserer Vernetzung der Grenzbehörden hätten diese erfahren, dass er ein gesetzmäßiges Visum vorzuweisen und alle notwendigen Unterlagen eingereicht hatte. "Außerdem kann das Internet allen Menschen auf der Welt Zugang zu Informationen beschaffen. Dann kann es besser werden, weil wir mehr von der anderen Seite verstehen und die Europäer keine Angst mehr haben.“

Bis dahin, so scheint es, ist es noch ein sehr langer Weg.


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