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Lydia Meyer am 08.05.2013

Don't hate – meditate! Was die Netzwelt von Yoga lernen kann.

Dritter Tag re:publica, dritter Tag Inhalt, dritter Tag Stress. Beste Voraussetzungen, um mal Laptop Yoga auszuprobieren. Das ist nicht nur Schlüssel zum Ende sämtlicher Rückenprobleme von Geeks und Nerds, sondern möglicherweise auch ein Weg, das Miteinander im WWW ein bisschen freundlicher zu gestalten. Das Netz aus spiritueller Perspektive.

Dritter Tag re:publica, dritter Tag Inhalt, dritter Tag Stress. Beste Voraussetzungen, um mal Laptop Yoga auszuprobieren. Das ist nicht nur Schlüssel zum Ende sämtlicher Rückenprobleme von Geeks und Nerds, sondern möglicherweise auch ein Weg, das Miteinander im WWW ein bisschen freundlicher zu gestalten. Das Netz aus spiritueller Perspektive.

Haltung bewahren – im Rücken und im Internet

"Was soll das sein?", fragen wir uns als wir den Programmpunkt 'Laptop-Yoga' auf der re:publica-Website entdecken. Als wir uns – morgens um 10 – in Halle 7 begeben, merken wir jedoch schnell, dass da mehr hintersteckt, als eine gesunde Haltung im körperlichen Sinne. Denn hinter Yoga steckt eine Philosophie, die sich – mit etwas Humor betrachtet – ganz hervorragend auf das Internet übertragen lässt. Die einstündige Veranstaltung beginnt mit einem Theorie-Teil, in dem Annina Luzie Schmid die acht Glieder des Ashtanga Yoga erklärt und auf die Netzwelt überträgt.

Wie ist ein menschlicherer Umgang miteinander auch im Netz möglich?



Yama, Niyama, Asana, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana, Samadhi – so heißen die acht Glieder des Ashtanga Yoga. Das sagt uns erst mal gar nichts, doch Annina Luzie Schmidt erklärt Schritt für Schritt, was es damit auf sich hat:

1. Yama

Einer der Unterpunkte des Yama fordert das Aufgeben von Gewalt sowie mehr Aufrichtigkeit – bewusster Umgang mit sich selbst und anderen ist gefragt – auch bei Twitter, Facebook, in Blogs und Kommentaren.

Mäßigkeit, Streben nach Weisheit und Nicht-Begehren sind ebenfalls im Yama enthalten. So muss zum Beispiel die Mitnahme-Mentalität, selbst wenn sie sich im Netz bereits etabliert hat, nicht unbedingt ausgenutzt werden. In Annina Luzie Schmids Sprache bedeutet das: "Lieber Wikipedia als Youporn". Wir lachen. Und twittern.

2. Niyama

Niyama meint Selbstdisziplin und Spiritualität. Übersetzt für's Netz bedeutet das: Befreit euch von all dem Müll, der sich über die Jahre auf euren Rechnern angesammelt hat. Sowohl analog in Tastaturen, auf Bildschirmen und Schreibtischen als auch, was alte Social Media Accounts betrifft. Auch Lesezeichen und Favoriten dürfen immer wieder durchgegangen und gefiltert werden. Denn "Raus mit dem alten Müll!" heißt auch: Platz für neue Gedanken.

Ein weiterer Unterpunkt sind Genügsamkeit, Bescheidenheit und Zufriedenheit. Seid nicht neidisch, wenn eure Facebook-Freunde schicke Urlaubsbilder hochladen, während ihr seit acht Stunden im Büro sitzt. Macht euch lieber etwas gutes zu essen, und nehmt euch Zeit, das auch angemessen aufzunehmen, statt es aufwendig für euren Instagram-Stream zu inszenieren. Legt eine gelassene Herangehensweise an den Tag!

3. Asana

Asana meint die Haltung - sowohl im übertragenden als auch im körperlichen Sinne. Und alle, die viel vor dem Rechner sitzen wissen, wie schwer es ist, dort Haltung zu bewahren – sowohl in der Wirbelsäule als auch in Kommentaren und Social Media. Mithilfe von Yoga soll unsere Haltung sich stabilisieren, wir sind also im praktischen Teil der Veranstaltung angelangt: Es geht los mit einfachen Sitzübungen und zum ersten Mal auf dieser re.publica atmen wir tief durch.

4. Pranayama

So nennt sich das vierte Glied des Yoga und meint, auf's Netz bezogen, dass wir unsere Lebensenergie kontrollieren sollen, in dem wir sowohl unsere Atmung vor dem Rechner als auch unsere Gefühle im Griff haben. Beides hängt für Annina Luzie Schmid miteinander zusammen.

5. Pratyahara

Aufmerksamkeit muss nicht immer nur nach außen, sondern zwischendurch auch mal nach Innen gerichtet werden. Heißt: Man kann auch im Büro zwischendurch mal fünf Minuten die Augen schließen und in sich gehen. Sieht vielleicht ein bisschen komisch aus, gewöhnt man sich aber dran.

6. Dharana

Dharana heißt: sich konzentrieren, um irgendwann den Zustand der Meditation bzw. Gedankenfreiheit zu erreichen. Auch hier kann man versuchen, umzusetzen, was im Netz sehr schwer möglich ist: nur auf eine Sache fokussieren. Bei Twitter und Facebook tun wir das zumindest nicht gerade häufig.

7. Dhyana

Auf Konzentration folgt Meditation und obwohl dieser Zustand der völligen Gedankenfreiheit so unglaublich schwer zu erreichen ist, probieren wir das in den letzten drei Minuten noch schnell aus: Wir atmen ein und aus und ein und aus und sind so für eine Weile eins – mit der Luft, den anderen im Raum, Facebook, Twitter und der gesamten re:publica, der Welt und dem Universum.

8. Samadhi

Auf all das folgt irgendwann dann die Erleuchtung, doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Aber wer weiß – vielleicht finden wir die ja im Netz. Wenn wir endlich verstanden haben, dass wir auch in diesem Raum freundlich und entspannt miteinander umgehen können, sollen, müssen und eigentlich ja auch wollen.


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