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gschlossmacher am 08.05.2013

Urlaub von der re:publica

Weltverbesserung scheint eine Notwendigkeit zu sein. Aber wie? Wer auf konkrete Tipps à la Äpfel nur noch aus regionaler Erzeugung kaufen gehofft hatte, wurde jäh enttäuscht. Aber die Zuhörer bei "10 Vorschläge um die Welt zu verbessern" hatten ganz andere Erwartungen an Felix Schwenzel.

Blogger Felix Schwenzel bei seinem Vortrag auf der re:publica 2013.Blogger Felix Schwenzel machte Vorschläge um die Welt zu verbessern und sorgte für viele Lacher. (© Mirko Tzotchew)

Der Vortrag versprach Urlaub von der re:publica auf der re:publica. Schon das Programm kündigte an, dass "über Internet nur wenig" gesprochen werden sollte.

Blogger Schwenzel hatte zehn Vorschläge versprochen, die Welt zu verbessern. Und er begann überraschend unkreativ mit einer Aufzählung konkreter Vorschläge, wie die Welt zu verbessern sei, inklusive Tipps für den Einkauf CO2-neutraler Äpfel. Ganz selbstkritisch unterbrach sich der Redner bei der Auflistung seiner Vorschläge jedoch mehrfach, denn der Apfel aus Neuseeland weist gar nicht einmal zwingend eine bessere Ökobilanz auf, als sein deutscher Kollege. Also Neustart.

No Future? Entspannt Euch!



Felix Schwenzel (1960) wurde nach eigener Aussage hineingeboren in eine Welt der Angst. Waldsterben, der kurz bevorstehende Kollaps der Erde durch Übervölkerung, dritter Weltkrieg und globale Arbeitslosigkeit im Zeitalter der Maschinen – das seien die allgegenwärtigen Themen seiner Jugend gewesen. Umso erfreulicher, dass einer der zehn Tipps für eine bessere Welt sich in einem "Entspannt Euch" zusammenfassen lassen könnte. Denn Endzeitvorstellungen hat es schließlich schon immer gegeben. Zum Beweis projizierte ein Beamer die mittelalterliche Darstellung des jüngsten Tages großflächig an die Wand. Eine ungewohntes Bild auf den Leinwänden der re:publica.

Und außerdem, es gäbe ja auch viel Positives: Es gibt mehr Übergewichtige als Hungernde auf der Welt, die Kindersterblichkeit ist zurückgegangen und die Lebenserwartung der Menschen um zehn Jahre gestiegen. Und es gibt die Anästhesie. Auch das ist gut, denn Amputationen tuen schließlich weh. Szenenapplaus. Glücklicherweise wurde dieser Verweis nicht durch ein Bild untermauert. Obgleich es das Gelächter der rund tausend Zuhörer/-innen nicht hätte aufhalten können. Schwenzel machte sich heute für den vielleicht amüsantesten Vortrag der re:publica verantwortlich, ganz sicher aber für den launischsten.

"Dennoch, das vorherrschende Narrativ bei Zukunftsfragen ist Angst!" Und dazu wurde Innenminister Friedrich symbolisch kurzer Hand mit dem Kommunistenjäger Joseph McCarthy in eine Kiste gesteckt, denn Innenminister seien schließlich "Angstminister": Ihr Job sei es, nach Ereignissen wie dem Attentat des Terroristen Anders Breivik Videoüberwachung, Vorratsdatenspeicherung und einen Vorrang der Sicherheit vor der Freiheit zu fordern. Das Raunen auf Stage 2 der re:publica signalisierte zwar Zustimmung, dennoch dürften sich einige gefragt haben wohin die Reise gerade geht. Erklären sollte es der Verweis auf den jüngsten Vorstoß der Telekom zur Drosselung des Internets: Verhalten wir uns hier nicht ganz ähnlich? Nehmen wir wirklich an, das freie Internet sei in Gefahr, weil die Telekom die Datenmenge begrenzt? Passend untermalte Schwenzel seinen Vortrag regelmäßig mit Zitaten Sascha Lobos. Der soll dazu gesagt haben: "Wenn wir Internet-People nicht alles so bekommen wie wir wollen, flippen wir aus."

Und wieder ertappte sich Schwenzel dabei, vom Thema abgekommen zu sein. Also Neustart.

10 Vorschläge:

1. Machen! 2. Wut (kein Pathos)! 3. Angstfreiheit! 4. Mehr Stefan Niggemeiers, bzw. gutes Argumentieren! 5. Streit! 6. Anstand! 7. Technik! 8. Internet ("super tolle Weltverbesserungsmaschine: hat die Welt auch schon sehr viel besser gemacht")! 9. und 10. blieben offen, da sollte sich jeder selbst etwas ausdenken. Lang anhaltender Beifall, und zurück aus dem Urlaub, wieder auf die re:publica 2013.


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