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Schutzlücken im Urheberrecht? Kein Problem!

Christian Katzenbach (links) und und Jeanette Hofmann sprechen auf der re:publica 2013.Christian Katzenbach (links) und Jeanette Hofmann sprechen bei der re:publica 2013 über die Lücken des Urheberechts - und wie dies informell kompensiert werden können. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb, Thomas Fettien)

Das Urheberrecht steht Kopf. Zumindest in manchen Bereichen der Kulturlandschaft. Ist das schlimm? Nicht immer. Zu diesem Schluss kommen Jeanette Hofmann und Christian Katzenbach. Nach Ansicht der beiden Wissenschaftler/-innen vom Alexander Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) kreist die Debatte zum Urheberrecht um sich selbst. Die einen - Urheber/-innen, Produzent/-innen und Verwerter/-innen - beklagen Schutzlücken für ihre Werke, die anderen - die Nutzer/-innen - beschweren sich über den erschwerten Zugang zu Kulturgütern. Beide wollen das bestehende Urheberrecht verändern, natürlich in gegensätzliche Richtungen.

Regeln bestehen auch abseits von Rechtsnormen

Dabei gerate eine Dimension des Kulturmarktes völlig aus dem Fokus, so die Forscher/-innen: Die Abwesenheit von Recht bedeutet nicht gleichzeitig die Abwesenheit von Regeln! Auch abseits des Urheberrechtes können informelle Normsysteme die Produktion und den Austausch von Kulturgütern wirksam regulieren und bestehende Schutzlücken schließen. Das geschieht, anders als im Urheberrecht, in der Regel nicht über den Schutz von Werken, sondern von Ideen.

Beispiele dafür haben Hofmann und Katzenbach in verschiedenen Bereichen gefunden. So gebe es im US-amerikanischen Comedy-Markt durchaus die informelle Regel, sich Witze und Pointen nicht gegenseitig zu klauen. Ansonsten drohe die Ächtung durch die Kollegen. Ähnliches gilt auch für Zaubertricks und Kochrezepte. Auf der anderen Seite ist Kopieren und Imitieren in einigen Branchen sogar erwünscht. Der Computer- und Videospiele-Markt lebe von erfolgreichen Spielen, die innerhalb ihrer Genregrenzen auf ähnliche Systematiken, Mechaniken und Themen setzen.

Das Urheberrecht wird nicht überflüssig

Das heiße aber nicht, so Hofmann und Katzenbach, dass informelle Normen das Urheberecht vollkommen ersetzen können und sollen. Das sei - auch im Interesse der Allgemeinheit - nicht immer wünschenswert. So betonen die beiden ausdrücklich: "Wir wollen das Urheberrecht nicht abschaffen!" Was sich ändern muss, sei die öffentliche und wissenschaftliche Debatte. Nur, wenn wir das Zusammenspiel von rechtlichen und informellen Regeln verstehen, können wir Antworten auf die drängendsten Fragen des Urheberrechts im digitalen Zeitalter finden.

Ein Fazit? Das Urheberrecht steht zwar manchmal Kopf, doch Schutzlücken können ganz pragmatisch gefüllt werden. Überflüssig ist das Urheberrecht dadurch aber noch lange nicht. Die Debatte wird also weitergehen.

Lassen sich Witze urheberrechtlich schützen? Gibt es informelle Regeln im Kulturbetrieb, die urheberrechtliche Lücken füllen können? Und brauchen wir das Urheberrecht in seiner jetztigen Form überhaupt noch? Diesen und anderen Fragen haben Jeanette Hofmann, Christian Katzenbach und Ronny Kraak beantwortet. (© 2013 Bundeszentrale für politische Bildung)



Zum Nachhören gibt es den Talk auch als Podcast.

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Im Interview

Dr. Jeanette Hofmann @achdujeh
ist Politikwissenschaftlerin und forscht am Wissenschaftszentrum Berlin zu den Themen Regulierung des Internet, Informationsgesellschaft und Wandel des Urheberrechts. Als Direktorin ist sie eine von vier Mitbegründer des von Google mitfinanzierten Humboldt Instituts für Internet und Gesellschaft (HIIG).

Christian Katzenbach @ckatzenbach
leitet am HIIG Projekte im Bereich Policy and Governance und forscht zum Wechselverhältnis von Technik, Kommunikation und Regulierung. Zuvor studierte er Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Informatik.

Rony Kraak @das_kfmw
betreibt das Blog Das Kraftfuttermischwerk. Macht Musik und bloggt darüber - sowie über Kurioses und Pop-Kultur.




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