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ameixner am 08.05.2013

Wenig Sinn und ganz viel "Friss-oder-stirb"

Oder: Wie aus guten analogen Schulbüchern schlechte digitale wurden. Lisa Rosa glaubt, Lernen ohne Sinn ist sinnloses Lernen und Jöran Muuß-Merholz erklärt die digitale Revolution für gescheitert.

Lisa Rosa und Jöran Muuß-Merholz stehen auf dem Podium und stellen sich den Fragen des Publikums.Jöran Muuß-Merholz blickt wenig begeistert auf die letzten 15 Jahre digitales Lernen zurück.

Lehrer, die lust- und ratlos vor den Whiteboards in ihren Schulräumen stehen, sind die Regel und nicht die Ausnahme. Und wenn man Jöran Muuß-Merholz zuhört, wird auch klar, warum. Der digitale Wandel im Lernen nämlich hat uns zwar neben diversen Geräten auch jede Menge Apps, YouTube-Videos und Edu-Zirkel beschert. Aber das demokratische, selbstbestimmte und kreative Lernen bleibt aus und Muuß-Merholz nutzte seine halbe Stunde auf der re:publica, um im 15. Jahr seiner Auseinandersetzung mit dem Thema einmal so richtig Frust abzulassen.

iPads mit gesperrter Tastatur

Es scheitert, sagt er, an der Technik, die eben nicht immer funktioniert, sondern nur fast immer. Es scheitert an digitalen Lehrbüchern, in die man nicht hineinschreiben kann oder die man nicht behalten darf. Oder die man zwar hinterher dann doch bekommt, aber ohne die eigenen Anmerkungen. Es scheitert an der Angst vor dem Neuen und an der Kastration der digitalen Geräte. Da geben Schulen zwar iPads für die Abiklausur aus, aber ohne Internet und mit gesperrter Tastatur. Und statt dem Lernen für alle findet er Onlinekurse, die vorrangig für weiße, männliche Akademiker gemacht sind.

Alte Erkenntnisse, jetzt in “digital“

Dabei sind es gerade Sinn, Austausch und Zusammenarbeit, die das neue Lernen inmitten von allzeit verfügbaren Informationen überhaupt erst nachhaltig machen, betont Lisa Rosa vom Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg. Mit ihren Kernthesen, dass Wissen – und damit Lernen – schon vom Prinzip her nie abgeschlossen sein können und nur in einer Gemeinschaft funktionieren, wirft sie erst einmal nicht ganz neue philosophische und lerntheoretische Ansichten in den Raum.

Das Lernen muss gelernt werden

Aber die gelten eben immer noch und nun muss man schauen, dass man das Internet mit in die Schule bringt, so im Kern ihre Botschaft. Man darf daran zweifeln, ob Evernote und Facebook wirklich zu mehr gemeinsamem und personalisiertem Lernen führen. Und ob Kinder das Lernen lernen – eine von Rosas Grundforderungen – indem sie im Unterricht bloggen, sollte auch kritisch hinterfragt werden. Aber klar ist eben auch, dass das Internet viele Möglichkeiten bietet, die man in der Schule nutzen und mit denen umzugehen eben auch gelehrt werden sollte.

Während Rosa überschwänglich für viel mehr "digital“ im Unterricht plädiert, ist Muuß-Merholz erst einmal enttäuscht. Aber er hat Hoffnung. Hoffnung darauf, dass wenn Schulen und Technik erst einmal wirklich soweit sind, es nicht mehr lange dauern kann mit dem selbstbestimmten, demokratischen und kreativen Lernen.


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Kommentare anderer Nutzer

Tobias Hübner | 10.05.2013 um 08:56 [Antworten]

Gab es in dem Vortrag auch Lösungsansätze?

Ich habe den Vortrag selbst nicht gehört, gab es denn darin auch konkrete Vorschläge, wie dieser "digitale Wandel" aussehen sollte? Was hätte denn in den letzten 15 Jahren anders laufen sollen?


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