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Lydia Meyer am 17.05.2013

#aufschrei – Von der Online- in die Offline-Welt und zurück

Dass Sexismus im Alltag alles andere als ein Randproblem ist, sollte seit #aufschrei wohl auch denjenigen klar sein, die die Tagesschau nur ansehen, weil sie vor dem Tatort läuft. Doch Sexismus spiegelt sich nicht nur in sexueller Belästigung und männerdominierten Führungsetagen wider. Das zeigt: Der #aufschrei, der im Netz begann, muss auch offline fortgeführt werden.

Anne Wizorek über #aufschreiAnne Wizorek über #aufschrei Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (Mirko Tzotschew/Kooperative Berlin)

Brechend voll ist es vor Stage 1, als wir den Raum betreten. Anne Wizorek wird jetzt eine ganze Stunde über #aufschrei sprechen - den Hashtag, der Anfang des Jahres erst durch die Twitter-Feeds ging, dann durch's ganze Netz, dann durch die Offline-Medien und schließlich um die Welt. Und diese Welt will jetzt auch wissen, was #aufschrei eigentlich gebracht hat. Um diese Frage zu beantworten, ist eine Zeitreise nötig. Zum Anfang diesen Jahres.

#aufschrei - Wie entstand das eigentlich?

Anne Wizorek beginnt ganz, ganz vorne: Am 24. Jauar 2013 veröffentlicht Maike Hank einen Blog-Eintrag über ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung im öffentlichen Raum. Dass Street Harassment für unzählige Menschen zum Alltag gehört, zeigt sich in der großen Resonanz auf ihren Beitrag. Die ist zu einem großen Teil positiv - aber wie immer häufen sich auch bei diesem Beitrag herablassende, beleidigende Kommentare, die beweisen, dass Alltagssexismus, der unzählige Menschen in ihren alltäglichen Bewegungen einschränkt und beängstigt, heute immer noch nicht ernst genommen wird.

Viele werten die Erlebnisse Hanks als Fehlinterpretation und betonen, dass sie doch selbst daran Schuld sei, wenn sie auf der Straße belästigt werde. Nicole von Horst, selbst aktiv bei Twitter, liest das und wird sauer. Und so beginnt sie, sexistische Erlebnisse aus ihrem eigenen Alltag zu twittern.

Anne Wizorek will in dieser Nacht noch ein letztes Mal vor dem Schlafengehen Twitter checken. Als sie sieht, was Hank und von Horst zu Alltagssexismus zu sagen haben, ist sie wieder wach. Sie schlägt - angelehnt ans amerikanische Pendant #shoutingback - den Hashtag #aufschrei vor.

#aufschrei als Label für Erfahrungen, für die es bisher keine Sprache gab

Als seltsam und befreiend auf einmal beschreibt sie das Gefühl, das sie überkommt, als sich noch in derselben Nacht intime Tweets über persönliche Erlebnisse mit Sexismus und sexueller Belästigung im Alltag häufen - von so vielen, dass es erschreckend und erlösend zugleich ist. Mit #aufschrei hat sich trotz oder gerade wegen seiner Einfachheit plötzlich ein Label gefunden, mit dem Erfahrungen markiert werden können, für die es bisher keine Sprache gab. Am nächsten Vormittag haben sich 20.000 Tweets gesammelt, die Erfahrungen aus dem Alltag so vieler beschreiben. Es besteht großer Redebedarf.

Sexismus = Vorurteil+Macht

Im Twitterfeed zu #aufschrei häufen sich neben Tweets zum alltäglichen Sexismus auch Kommentare von Männern. Von denjenigen, die sich von der Intensität der Debatte betroffen zeigen, aber auch von denen, die sich durch die nüchterne Beschreibung von sexueller Belästigung und Sexismus persönlich angegriffen fühlen. Schnell bildet sich ein „Ihr-seid-so-und-wir-sind-so-und-daran-lässt-sich-nunmal-nichts-ändern”-Diskurs heraus, bei dem sich gegenseitig beleidigt und mit Worten um sich geworfen wird, die erstens nicht schön sind und zweitens untermauern, warum ein Aufschrei nötig war. Künstlich geschaffene Geschlechterstereostype werden hier gestärkt und als Argumente gegen #aufschrei verwendet. Schließlich, so argumentieren nicht wenige Gegner der #Aufschrei-Bewegung, sei die Welt in der wir leben, schon sehr, nein, eigentlich sogar sehr, sehr gleichgestellt.

Gleichstellung – echt jetzt?

Dass nicht nur sexuelle Belästigung, sondern auch Sexismus immer noch einen Großteil unserer Wirklichkeit ausmachen, belegt Wizorek ironisch, indem sie ein Bild aus der US-amerikanischen Serie Mad Men zeigt und dies in direkten Bezug zu den Vorstandsetagen größerer Betriebe setzt. Das Blog 100%men gibt einen eindrucksvollen Überblick darüber, wie wenig ausgeglichen Führungspositionen in Wirklichkeit eigentlich sind. Eben genau wie in der Realität von Mad Men – im New York der 60er Jahre, wo Männer die Chefs und Frauen die hübschen Sekretärinnen sind.

Ähnlich steht es um die Medienwelt: Wer ist eigentlich verantwortlich für die Wahrheit, die uns die Medien vorsetzen? Wie ausgeglichen ist das Geschlechterverhältnis bei Zeitungen und Nachrichtenagenturen? Und wieviel verdient eigentlich die Redakteurin von jenem Euro, die ein Redakteur verdient, wie viel die Rechtsanwältin, die Fleischfachverkäuferin, die Bäckerin? Wo männliche Arbeitnehmer einen Euro bekommen, gibt's für die Frau so um die 80 Cent.

Aber wir haben doch Gesetze, die das regeln, könnte man jetzt meinen. Und ja, die gibt es, aber die Geschichte dieser so genannten Gleichstellung ist erschreckend kurz. Wizorek wickelt das historisch ab: Erst seit 1994 gibt es ein Gesetz zum Schutz der Angestellten vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, seit 1997 eins, das Vergewaltigung in der Ehe verbietet und seit 2006 die Antidiskriminierungsdienststelle des Bundes. Achso – unsere Kanzlerin dient ja immer als Beispiel für unsere gleichgestellte Gesellschaft. Die gibt's jetzt seit 2005. Bis auf diese Ausnahme ist aber auch die Geschichte der deutschen Bundeskanzler die eines reinen Boysclubs. Und das nennt ihr jetzt 'gleichgestellt'?

Von 'Du willst es doch auch!' zu 'Willst du auch?'

Ein Grund, warum so viele sich von der Debatte um den Hashtag persönlich angegriffen fühlen, sieht Wizorek in der Gesellschaft und Kultur, die uns umgibt und Männer immer wieder in eine Steinzeitrolle dränge, während sie Frauen zu Objekten degradiere. Dabei sind wir doch gar nicht so verschieden. Wizorek bringt auf den Punkt, was so schwierig zu verstehen scheint: “Wir müssen weg von einer Kultur des 'Du willst es doch auch!' zu einer Kultur des 'Willst du auch?'. Easy? Easy! Und dennoch scheint diese einfache Erklärung noch lange nicht begriffen. Dazu müssen wir schließlich erst mal die Problematik dahinter erfassen.

#aufschrei – ein Anfang

Trotz allem - #aufschrei ist ein Anfang. Individuell Erlebtes wurde über den Hashtag einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht und Betroffene fühlen sich jetzt vielleicht weniger als Opfer, gewinnen an Selbstbewusstsein und fühlen sich nicht mehr allein gelassen.

Mainstream-Medien nahmen das Thema zwar größtenteils reißerisch auf und stürzten sich in einen vermeintlichen Geschlechterkampf – einige Beiträge mögen aber auch Menschen die Augen geöffnet haben, die sich vorher noch nicht mit der Thematik auseinandergesetzt haben. Menschen, die jetzt einen Zugang zu dem sensiblen Thema haben und verstehen, dass es bei Sexismus nicht um Sex geht, sondern um Macht und vielleicht endlich sensibilisiert sind für feministische Ideen und Forderungen, die viel mehr mit der Lebenswelt aller Menschen zu tun haben, als es für viele auf den ersten Blick scheinen mag.


Raus aus Digitalistan – rauf auf die Straße

An der großen Resonanz sowohl bei Twitter als auch in Online-, Offline- und Mainstream-Medien wird deutlich: #aufschrei trifft einen Nerv, der lange blank lag. Durch #aufschrei wurden Erlebnisse aus der Offline-Welt ins Digitale hineingetragen. Der Hashtag hat Betroffenen eine neue Sprache verliehen, die die Debatte nun dahin zurückträgt, wo sie hergekommen ist: in die Offline-Welt. Und dort soll sie weitergehen, soll motivieren, ein Bewusstsein für andere Diskriminierungsformen schaffen, Mut geben zum Mund aufmachen.

„There is more to sexism than meets the eye!” Deswegen geht es am kommenden Montag bereits los mit einer ersten Offline-Veranstaltung zum Thema #aufschrei. Dort werden Protagonistinnen aus völlig unterschiedlichen feministischen Feldern darüber diskutieren, wie weit Sexismus – von rein männlichen Vorständen und der ganz normalen sexuellen Belästigung im Alltag einmal abgesehen – eigentlich eine Rolle spielt, in einer Gesellschaft, die sich gleichgestellt nennt. Und dabei geht es auch um genau diese anderen Diskriminierungsformen, die eben noch kein Sprachrohr gefunden haben:

„Die Sexismus-Debatte ist an vielen Stellen einfach stecken geblieben und wir wollen sie da raus holen, weiter diskutieren. Es geht eben um viel mehr als nur die Geschichte eines alten Politikers, der eine junge Journalistin anmacht. Es geht auch um Sexismus außerhalb der heterosexuellen Matrix, um Sexismus, der auch queere Menschen oder People of Colour betrifft. Und diese thematische Vielfalt spiegelt sich auch in der Liste unserer Gäste wider: Angela McRobbie, Nana Adusei-Poku, Anne Wizorek, Jasmin Mittag und Sookee.” sagt Veranstalterin und Missy-Redakteurin Katrin Gottschalk zum Thema.

Auf die Diskussion folgt ein Konzert der Hamburger Band Zucker. Ist nämlich alles gar nicht so verbissen, wie es immer gehandelt wird.

Wann: Montag, 20.05.2013 Wo: Hebbel am Ufer Berlin Wer: Angela McRobbie, Nana Adusei-Poku, Anne Wizorek, Jasmin Mittag, Sookee, Zucker


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