Netzdebatte Logo

Merlin Münch am 06.05.2014

3 Fragen, 3 Antworten: Joerg Blumtritt

Netzdebatte: "Die Zukunft ist nicht gleichmäßig verteilt". Von Big Data profitieren bisher nur einige wenige mit Zugriff auf die wirklich großen Datenmengen. Was braucht es, um diesem Ungleichgewicht in Zukunft etwas entgegenzusetzen?

Joerg Blumtritt: "Data is the new Oil" - mit diesem Satz wird das wirtschaftliche Potenzial von Big Data gerne beschrieben. Aber digitale Daten unterscheiden sich fundamental von anderen Rohstoffen: sie lassen sich verlustfrei kopieren, sie verbrauchen sich also nicht. Wir befinden uns in einer Zeit des Umbruchs. Viele Daten stehen im Augenblick scheinbar nur großen Unternehmen oder den Geheimdiensten zur Verfügung. Mehr und mehr Menschen fordern aber "ihre Daten" ein, d.h. sie verlangen Zugriff auf Daten, die ohne ihr Zutun nicht hätten entstehen können. Dass Twitter oder Google z.B. einen gut strukturierten Download für die eigenen Social Media Inhalte einräumt, ist ein Zugeständnis an diese Forderung.

Die härteste Einschränkung für die sinnvolle, offene Nutzung von Daten kommt aus der Vorstellung von "geistigem Eigentum". Intellectual Property Rights sind hier - wie in so vielen Fällen - eine gewaltige Hürde, um Daten frei und zum Nutzen aller zugänglich zu machen. Wer der "Eigentümer" der Daten ist, lässt sich sinnvoll ja auch kaum sagen: die Nutzerin, deren Verhalten im Netz die Datenspuren hinterlässt, deren Postings in Social Media diese Medien erst wertvoll machen? Oder die Plattform-Betreiber, ohne deren zum Teil gewaltige Investitionen die Daten ebenfalls nicht entstehen würden? Die Vorstellung von geistigem Eigentum ist veraltet und unpassend. Hier sollten wir zuerst ansetzen.

Jörg BlumtrittJörg Blumtritt (© Jörg Blumtritt)
Eine Art 'Open-Big-Data' könnte hier Abhilfe schaffen. Ist aber die Menge offener Daten nicht viel zu begrenzt, um ernsthaft gehaltvolle Aussagen damit treffen zu können?

Zuerst stellen viele Unternehmen Daten offen zur Verfügung, auch wenn die Daten noch lange nicht gemeinfrei werden. Google Books ist ein gutes Beispiel - Millionen von Büchern in allen Sprachen, die in digitaler Form vorliegen - und zwar als Rohdaten; ein unglaublich wertvoller Datenschatz, der allen zur Verarbeitung offen liegt. Auch die Fickr-Bilder lassen sich leicht massenweise auswerten; ebenso die Unternehmensdaten auf Crunchbase. Es gibt noch viele weitere Beispiele für wertvolle Datenquellen, die Privatunternehmen offen bereitstellen.

Als zweites bekommt die Open-Data-Bewegung durchaus Rückenwind. Immer mehr Daten aus der öffentlichen Verwaltung werden publiziert. Deutschland ist hier sicher kein Vorbild; hier gibt es noch viel zu tun!

Als drittes gibt es Aggregatoren für offene Daten - wie etwa Wikipedia.

Als viertes beginnen viele Menschen heute selbst bewusst relevante Daten über ihr Leben zu erzeugen, zu sammeln und zu teilen. "Quantified Self" ist mehr als ein kurzfristiger Trend. "Self-Tracking" setzt sich immer mehr durch und die eigenen Daten werden erst im Zusammenhang mit anderen aussagekräftig - ein starkes Incentive, die Daten zu teilen!

Haben Experten, Trend- und Zukunftsforscher wirklich ausgedient? Ersetzt Big Data nicht das eine Herrschaftswissen mit einem anderen, einem technischen?

Der typische Experte, wie er uns in den Medien präsentiert wird oder er als Unternehmensberater auftritt, lebt davon, dass andere seine Expertise nicht selbst nachvollziehen können.

Wissenschaft funktioniert schon immer durch Offenheit, durch gegenseitigen Austausch nicht nur der Ergebnisse, sondern auch der Methoden. Im Netz existiert seit langem ein intensiver Austausch über alle nur erdenklichen Techniken, Daten zu verarbeiten. Dieser Austausch tritt immer stärker anstelle des etablierten aber wenig transparenten Peer-Review-Prozesses.

Data Science, die Wissenschaft von den Daten, ist völlig offen. Die notwendige Software und Technologie dafür - wie Hadoop, R oder Python - ist ausnahmslos Open-Source. Selbstverständlich gibt es Fachleute, Menschen, die sich mit bestimmten Techniken besser auskennen und intensiver auseinandersetzen, aber es sind genügend, um nicht von wenigen abhängig zu werden; auf Github, in Wikis und Fach-Blogs finden wir sie leicht. Dadurch wird Herrschaftswissen, wie es früher bestanden hat, aufgelöst.


Joerg Blumtritt (@jbenno) ist Gründer und Geschäftsführer der Datenanalyse-Plattform Datarella und Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft Social Media. Er bloggt privat über Medien, Politik und Daten.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Ihr Kommentar:

(*) Diese Felder sind Pflichtfelder

Ihr Kommentar wird von der Redaktion geprüft und dann freigeschaltet



netzdebatte.bpb.de in Social Media

Die bpb begleitet die re:publica bereits seit 2011 mit dem Blog netzdebatte.bpb.de. Hier finden Sie die in den vergangenen Jahren erschienen Artikel und Videos.

Mehr lesen