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Merlin Münch am 07.05.2014

Das war’s dann mit der Zukunft, oder?

Über die Zukunft wurde schon immer spekuliert. Gerne und viel. Aber es wurde auch ernsthaft darüber nachgedacht. Im Moment sieht es eher düster aus, könnte man meinen: Überwachung, Berechenbarkeit und Automatisierung. Der Mensch im goldenen Käfig. Dass nicht alles was in Sachen Technik noch kommt nur Dystopie ist und dass man die Zukunft auch ohne Netz denken kann - und soll - haben wir heute auf der re:publica erfahren.

Annalee NewitzWir sollten uns als Menschen neu erfinden, um in der Zukunft zu bestehen, sagt Annalee Newitz auf der re:publica in Berlin. (Violetta Leiva Martinez) Lizenz: cc by-sa/3.0/de

Ich mach mir die Welt …

Wenn wir uns die die Welt in 100 Jahren vorstellen kreisen unsere ersten Gedanken um die Technik und wie sie immer fortschrittlicher, immer besser, schneller, schlauer und allumfassender wird. Im Zentrum steht dabei meist das Internet. Schon längst ist das Netz aus den Telefon- und Glasfaserleitungen ausgebrochen und durchdringt immer mehr Bereiche unseres Alltags. Das Netz ist - auch wenn man es kaum noch hören mag - überall.

Alexander MankowskyAlexander Mankowsky (© Violetta Leiva Martinez)
Kein Wunder also, dass die Zukunft auch auf der re:publica eines der ganz großen Themen ist. Während Vordenker wie Annalee Newitz sich mit den ganz großen Umbrüchen auseinandersetzen, werfen manche, wie z.B. Zukunftsforscher Alexander Mankowksy, einen etwas geschärften Blick in die nähere Zukunft. Hier in der Station Berlin bietet man ihnen jetzt ein Plattform, um sich über ihre Ideen auszutauschen.

Dabei wird schnell klar, dass das Internet keinesfalls einen Platz im Spotlight sicher hat. Man glaubt es kaum, aber es gibt auch immer noch Menschen, die sich die Zukunft ohne das Netz denken können. Naja, ganz ohne ist auch gelogen, zumindest aber sind es Visionen in denen ganz andere Entwicklungen eine viel prominentere Rolle spielen.

Überleben mit Stil

Annalee Newitz gehört zu jenen, die seit jeher passioniert über mögliche Zukunftsvisionen brüten. Normalerweise auf dem Popkultur- und Sci-Fi-Blog iO9, gestern auf ihrem re:publica Panel. Bei ihr gilt: runter mit den digitalen Scheuklappen und auf in eine Zukunft, in der klassische Disziplinen wie Architektur, Städteplanung und sogar Mutter Natur wieder eine zentrale Rolle spielen. “Into the Wild“ eben - frei nach dem Motto der diesjährigen Konferenz

Angesichts der enormen Herausforderungen vor denen wir stehen empfiehlt Newitz eine Art pragmatischen Optimismus. Wie bauen wir Städte, die die Energieressourcen des Planeten nicht plündern, sondern sinnvoll nutzen? Wie gehen wir mit der bevorstehenden Übervölkerung des Planeten um? Wie wird der Homo Sapiens in hundert, oder tausend Jahren aussehen? Erectus ist nämlich auch noch gar nicht lange her, wie Newitz uns in Erinnerung ruft.

Der Einsatz von BacillaFilla, eine Art Bakterien-Beton mit dem wir marode Häuser sanieren werden und die Tatsache, dass wir unseren Planeten früher oder später verlassen müssen, sind in Newitz’ Zukunftsvorstellungen selbstverständlich. Schließlich wird die Umwelt immer unser Feind sein - und wir sind notorisch unterlegen. Ab ins All, also! Ob wir dafür eine Art Weltraumaufzug nutzen werden, wie es die NASA in den 90er Jahren schon mal vorschlug, bleibt unserer Kreativität überlassen. Sicher ist: Auch wir als Menschen müssen uns neu erfinden. “We need to re-engineer ourselves”. Um auf dem Mars zu überleben, müssen wir schließlich strahlungsresistent sein - ist doch klar.

Wild ist, was offline ist

Im Gegensatz zur Offline-Welt ist das Netz schon lange nicht mehr wild. Google sortiert unsere Daten und Facebook legt lückenlose Lebensläufe an. “Die Freiheit”, sagt Zukunftsforscher Alexander Mankowsky deshalb, “liegt in der Art und Weise wie wir technische Geräte in Zukunft nutzen. Die unkontrollierten Räume liegen in der physischen Welt”. Ob ich mein Smartphone also als Smartphone nutze, oder zum Router umfunktioniere ist also ganz und gar mein Bier. Freedom at last? Angst davor, dass wir in Zukunft nur noch Instrumente unserer Technik sind, brauchen wir jedenfalls nicht haben, meint Mankowksy. Die Talente des Menschen im kreativen und innovativen Bereich werden unsere technischen Errungenschaften in Zukunft lediglich noch effektiver ergänzen. Auf die richtige Mischung komme es an. Google z.B., so die gewagte These, setzt mit seinen ‘Menschen-freien’ Algorithmen langfristig auf das falsche Pferd.

Ich sehe nicht, was du nicht siehst

Vorstellungen der Zukunft füttern sich notwendigerweise immer aus unserer Sicht auf die Gegenwart und unserem Verständnis der Vergangenheit. Interessant also, wie auch Transmedia Storytellerin Dorothea Martin feststellt, dass uns die Visionen langsam ausgehen. Cyborgs, virtuelle Realität und augmented reality - alles Dinge die schon, oder schon fast Realität geworden sind. What’s next? Was hat die Zukunft noch in petto? Menschen die Computerprogramme daten und dann plötzlich von ihren Softwareherzblättern verlassen werden, wie in Spike Jonzes neuer Komödie 'Her', könnte laut Martin eine solche Vision sein.

Während die einen also sicher sind, unsere Vorstellungen von der Zukunft waren falsch, sagen die anderen sie sind es immer noch. Festhalten können wir bisher nur: sicher wissen wir, nichts. Zum Glück sind wir noch zwei Tage hier.


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